Leben

Mobbing? Bei uns doch nicht!

So denken viele Gemeinden. Aber auch im Umfeld von Kirche und Gemeinde kommt es zu Mobbing. Ein Interview mit Jacob Wiebe.

Mobbing ist in Schule oder Arbeitswelt zu einem häufigen Problem geworden. Das ist auch Christen bewusst. Doch dass Mobbing auch in christlichen Gemeinschaften vorkommt, davor verschließt man gerne die Augen. ERF Online hat mit Pastor Jacob Wiebe darüber gesprochen, wie Mobbing in Gemeinden entsteht und welche Gründe es dafür gibt.

ERF Medien: Mobbing – das kommt doch eher in Schule und Beruf vor. In der Gemeinde erwartet niemand gemobbt zu werden, schließlich sind wir alle Geschwister im Herrn und wollen nur das Beste füreinander. Wieso kommt es auch in Gemeinden zu Mobbingfällen?

Jacob Wiebe: Die Gründe für Mobbing in der Gemeinde sind genauso vielschichtig wie die Gründe für Mobbing in Betrieben oder Schulen. Aber keiner in einer Gemeinde würde sagen, dass es Mobbing gibt, weil Mobbing unter einem anderen Deckmantel stattfindet. Es passiert verdeckter als im säkularen Bereich und ist teilweise vergeistlicht.

„Wo die Bibel schweigt, sollten wir das gefälligst auch tun“

Jacob Wiebe ist Pastor der Mosaikchurch in Detmold. (Bild: ERF Medien)

ERF Medien: Inwieweit unterscheidet sich Mobbing in Gemeinden von Mobbing im Beruf?

Jacob Wiebe: Vom Erleben des Mobbings gibt es keinen Unterschied. Es ist immer mit viel Leidensdruck verbunden; mit viel Angst und Unsicherheit, aber auch mit viel Unverständnis, sowohl von der Seite des Täters als auch von Seiten des Opfers. In seiner äußeren Form ist das Mobbing aber anders, weil hier eine Komponente hinzukommt, die es im säkularen Bereich nicht gibt. Denn das Mobbing passiert unter Vorgabe von durchaus geistlichen Motiven. Daher kann man hier auch von geistlichem oder religiösem Missbrauch sprechen.

ERF Medien: Wie sieht das konkret aus?

Jacob Wiebe: Ein Schritt hin in Richtung Mobbing wäre es, wenn Seelsorgegeheimnisse in einer Mitarbeiterversammlung oder auf der Vorstandsebene offen diskutiert werden. Zum Beispiel kommt es in solchen Gemeindesystemen vor, dass ein in der Seelsorge geäußertes Problem als Gebetsanliegen an die Öffentlichkeit gelangt. Mobbing in Gemeinden läuft subtil ab à la „Lasst und mal für Bruder Soundso beten, der hat gerade dieses Problem“.

Weitere Formen des Mobbings kommen in Gemeindekreisen vor, in denen vieles bis hin zu der Kleidung reglementiert wird. Mitglieder, die sich nicht an die Regeln halten, werden angewiesen, sich auf Gedeih und Verderb zu fügen, oder ihnen wird mit einem Gemeinderausschmiss gedroht. Das läuft unter dem Begriff der Gemeindezucht oder Gemeindedisziplin. Und wenn der Betroffene dann nachbohrt, erhält er keine klare Antwort und wird als rebellisch oder verweltlicht bezeichnet. Im weiteren Verlauf wird er mehr und mehr als jemand gesehen, der der Gemeinschaft schadet. Damit ist der erste Schritt Richtung Mobbing getan.

ERF Medien: Wo liegt der Unterschied zwischen gesunder Gemeindezucht und Mobbing?

Jacob Wiebe: Der Unterschied zwischen gesunder Gemeindedisziplin und Mobbing liegt darin, dass sich Gemeindedisziplin immer um Dinge dreht, zu denen sich die Bibel klar äußert. Ein Beispiel wäre, wenn ein „anderes Evangeliums“ verkündigt wird, bei dem Jesus allein nicht mehr genug ist. Diese Problematik spricht Paulus in seinen Briefen an. Doch in Gemeindekreisen, in denen Mobbing vorkommt, geht es meistens nur um kulturelle Dinge, zu denen die Bibel schweigt. Und da, wo die Bibel schweigt, sollten wir das gefälligst auch tun. Aber in den Systemen, wo Missbrauch oder Mobbing praktiziert wird, findet eine Reglementierung bis in die intimsten Sphären des Lebens statt.

Die Wahl zwischen Mobbing und Isolation

ERF Medien: Aber nun kommunizieren manche Gemeinden ja auch offen, welches Verhalten sie von ihren Mitgliedern erwarten. Hat der Betroffene dann nicht auch eine gewisse Mitschuld, weil er ja weiß, auf was er sich einlässt?

Jacob Wiebe: Das Problem ist, dass Menschen in solche Systeme oft hineingeboren werden. Erst mit der Zeit gehen ihnen die Augen auf über missbräuchliche Mechanismen oder Mobbing in ihrer Gemeinschaft. Ein zweites Problem ist, dass diese Menschen so tief in dieser Gemeinschaft verwurzelt sind, dass sie zwiegespalten sind. Einerseits merken sie, dass viele Dinge schief laufen, und erleben den Schmerz des Mobbings. Andererseits wissen sie aber ganz genau, dass sie sozial komplett isoliert sind, wenn sie die Gemeinschaft verlassen. Die Angst davor, die Gemeinschaft zu verlassen, ist größer als der Schmerz und die Angriffe, die sie erleben.

ERF Medien: Und wer sind die Täter?

Jacob Wiebe: Überall, wo es Regeln gibt, gibt es sogenannte Wächter, die über die Regeln wachen. Das sind in christlichen Gemeinschaften der Vorstand, die Ältesten oder das Leitungsteam. Aber das Mobbing geht auch querbeet durch die Familien. Wenn die Gemeinde jemanden zum Beispiel auf „Bewährung“ stellt, dann wird das in der Regel auch von der Familie mitgetragen. Es kann dazu kommen, dass Menschen am Ende nicht nur von ihrer Gemeinde isoliert sind, sondern auch von ihren besten Freunden und ihrer eigenen Familie. Ich habe Fälle erlebt, wo Menschen nach einem solchen Prozess wirklich ganz alleine dastanden und sogar die Eltern die Fotos der Kinder von den Wänden genommen haben, weil sie als verweltlicht galten.

ERF Medien: Sie sprachen jetzt sowohl von religiösem Missbrauch wie auch von Mobbing. Ist das das Gleiche oder gibt es da Unterschiede?

Jacob Wiebe: Meiner Ansicht nach mündet Mobbing immer im religiösen Missbrauch, wenn es im Namen Gottes, einer „geistlichen Autorität“ oder mit einer geistlichen Begründung geschieht.

„Irgendwann glaubt der Betroffene, dass auch Gott ihn ablehnt“

ERF Medien: Mobbing ist ja schwer vereinbar mit dem christlichen Anspruch, den anderen genauso sehr wie sich selbst zu lieben. Ist den Christen denn nicht bewusst, dass sie andere mobben, oder haben sie bestimmte Rechtfertigungsstrategien für ihr Verhalten?

Jacob Wiebe: Hier trifft beides einen Teil der Wahrheit. Ich glaube tatsächlich, dass vielen ihr Verhalten als Mobbing nicht bewusst ist. Diese Menschen sind so aufgewachsen, dass sie ein bestimmtes Wertesystem übernommen haben und ganz selbstverständlich Menschen ausschließen, die ein anderes Wertesystem haben. Dazu kommt ein religiöser Eifer, sich von diesen Menschen irgendwie zu befreien. Dafür sind dann sind fast alle Mittel recht. Dieses Denken gibt es in vielen christlichen Kreisen. Es ist in solchen Subkulturen so tief verwurzelt, dass es den Tätern nicht bewusst ist. Ich hatte schon einige Seelsorgefälle in diesem Zusammenhang und habe festgestellt, dass es den Leuten wirklich nicht bewusst ist, was sie tun. Gleichzeitig geschieht das Mobbing aber oft in der vollen Überzeugung, dass man damit Gott einen Gefallen tut.

ERF Medien: Wenn ich von Kollegen gemobbt werde, ist das eine Belastung, aber von den eigenen Glaubensgeschwistern abgelehnt zu werden, wiegt für viele Christen deutlich schwerer. Welche Folgen hat Mobbing innerhalb einer christlichen Gemeinschaft für den Betroffenen?

Jacob Wiebe: Mobbing in einer christlichen Gemeinschaft ist wesentlich schmerzhafter als normales Mobbing, weil diese Menschen auch ein gespaltenes Verhältnis zu Gott entwickeln. Denn sie erleben das Mobbing in der Regel im Namen Gottes, weil vordergründig irgendwelche geistlichen Überzeugungen genannt werden, warum jemand nicht in die Gemeinschaft oder in diese Position gehört. Und der Betroffene weiß zwar im Inneren, dass das vordergründig und falsch ist, aber irgendwann glaubt er tatsächlich, dass auch Gott ihn ablehnt.

Die Wahrheit muss ans Licht

ERF Medien: Wenn ich Betroffene kenne, wie kann ich dieser Person konkret helfen?

Jacob Wiebe: Wichtig wäre es, dieser Person eine seelsorgliche Hilfe zu sein. Es ist sehr wichtig, dass der Betroffene jemanden hat, mit dem er ehrlich über die Situation reden kann. Denn oft sind Menschen, die sich in solchen Situationen befinden, orientierungslos. Sie sind hin und her gerissen: Einerseits wissen sie, dass sie richtig handeln, andererseits werden sie bestraft. Deswegen ist es eine erste Hilfe, jemanden zu kennen, der als Außenstehender eine gesunde Einschätzung der Situation geben kann.

Zweitens ist es wichtig, eine Gemeinschaft zu verlassen, in der es immer wieder zu Mobbing kommt. Es ist nicht selten, dass Mobbing in solchen Gemeinden kein einmaliger Vorfall ist. In solchen Gemeinschaften ist es schwer bis unmöglich, die Personen, die das Mobbing betreiben, damit zu konfrontieren. Denn gegen diese Autoritäten kommt man in der Regel nicht an. Je länger die Opfer versuchen, ihre Angelegenheiten zu klären, desto mehr Energie müssen sie aufbringen und desto frustrierter werden sie. Am Ende sind sie trotz hohem Einsatz die Verlierer.

ERF Medien: Wenn jetzt die Gemeindeleitung oder der Ältestenkreis nicht in die Mobbingsituation verwickelt sind, wie können sie in einer konkreten Situation vermitteln?

Jacob Wiebe: Die Gemeindeleitung sollte in einem solchen Fall einen Mediator einsetzen. Dieser sollte mit beiden Parteien gemeinsam nach Lösungen suchen und sich für eine Klärung der Situation einsetzen. Diese Personen sollten Friedensstifter sein, aber nicht in der Weise, dass alles zugedeckt wird. Es geht nicht um einen Frieden um jeden Preis, sondern darum, die Wahrheit aufzudecken. Nur wenn die Wahrheit in ihrer ganzen Gestalt und vielleicht auch in ihrer ganzen Hässlichkeit gesehen wird, ist Vergebung und Versöhnung möglich.

„Gott macht aus Scheiße Humus“

ERF Medien: Nun ist das Problem meist nicht vorbei, wenn die eigentliche Mobbingsituation endet. Wie kann ein Betroffener mit so einer Erfahrung abschließen und sie verarbeiten?

Jacob Wiebe: Am besten man sucht sich einen guten Seelsorger oder Therapeuten. Denn oft ist den Betroffenen nicht bewusst, dass sie gerade ein Trauma erlebt haben. Auch ist es besser für den Betroffenen eine Weile zu warten, bevor er sich eine neue Gemeinde sucht. Denn man trägt alle Verwundungen und Verletzungen in diese Gemeinde mit hinein. Selbst wenn es dort nicht zu religiösem Missbrauch kommt, kann es zu neuen Verwundungen kommen - in jeder christlichen Gemeinschaft „menschelt“ es. Das ist genauso wie mit einer Wunde am Körper: Wenn sie nicht verheilt ist, reicht es, wenn sich eine Fliege auf die Wunde setzt, und es schmerzt wieder. Gleichzeitig ist es für den Betroffenen hilfreich, einen kleinen ehrlichen Kreis von Christen zu haben, die für ihn beten und mit ihm diesen Weg gehen.

ERF Medien: Paulus schreibt im Römerbrief, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Das klingt wie Hohn für Menschen, die Mobbing erfahren haben. Kann eine solche Erfahrung denn Menschen auch helfen, in ihrer Persönlichkeit zu wachsen?

Jacob Wiebe: Mobbing kann jedem von uns passieren. Jeder von uns kann zu Opfer oder Täter werden. Wenn ich Mobbing selbst durchgemacht habe, kann das zu zwei Dingen führen: Entweder ich werde zu einer verbitterten Persönlichkeit oder ich werde dadurch sensibler, barmherziger und großherziger. Menschen, die Mobbing selbst erlebt haben, können solche Prozesse viel eher erspüren. Sie können anderen Menschen dienen, indem sie Vorstände, Pastoren und Mitarbeiterkreise für dieses Thema sensibilisieren.

Ich möchte jedes Mobbingopfer dazu ermutigen, diese Erfahrung als einen Schatz und nicht als schwarzen Fleck in der Biografie zu sehen. Ich habe selbst Mobbing erlebt und mir hat ein anderer Pfarrer gesagt: „Wissen Sie was, Gott macht aus Scheiße Humus.“ Das ist bei mir hängengeblieben. Egal, wie schwierig und wie schmerzhaft die Erfahrung ist, wenn wir diese Erfahrung an Gott abgeben und mit Gott um Heilung ringen, wird das zur Grundlage für meine nächsten Blüten.

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch.


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Kommentare

Von Brigitte am .

Manchmal wird man gerade dann gemobbt, wenn man es wagt, in einer Gemeinde die Wahrheit zu sagen, aber eines ist positiv daran: man lernt den Charakter der Christen kennen, und auch den Charakter der Christen, von denen man gemeint hat, sie wären wirklich Christen. Ist manchmal sehr ernüchternd. Aber man muss trotzdem bei der Wahrheit bleiben, egal wer was denkt oder sagt über dich

Von J.W. am .

Wichtiges Thema. Gott kann Mobbing auch eine ganze Zeit lang zulassen. Der Mensch geht damit sozusagen schwanger, bis eine neue Idee geboren wird, bzw. über den bisherigen Tellerrand hinaussehen. Neue Gemeinde suchen oder neue Leute kennen lernen oder neue Aufgaben.
Im Nachhinein kann ich jetzt sagen, ohne die langen, leidvollen Wege hätte ich viele liebe Menschen nur oberflächlich kennen gelernt. Vorher hatte ich wegen großer Selbstsicherheit dafür keinen Blickwinkel und ich meinte, ich hätte keine Zeit.

Von H.L. am .

Ein wirklich sehr gutes Interview.
Aus eigener Erfahrung würde ich in einer Mobbingsituation auch zwei Dinge immer wieder empfehlen: So schnell wie möglich raus aus dem Mobbing, sei es am Arbeitsplatz oder in der Gemeinde (man hat keine Chance) und Seelsorge.


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