Interview Lesezeit: ~ 8 min

Es erinnert an Zuhause!

Viele alte Menschen verbringen Weihnachten im Altenheim. Frau Reeh, Mitarbeiterin einer Seniorenresidenz berichtet, wie sie mit den Bewohnern das Fest begeht.

   Weihnachten ist ein Familienfest. Für ältere Menschen ist es aber oft nicht möglich, mit der Familie zu feiern. Sie leben in Altersheimen und nicht immer können die Verwandten den weiten Anreiseweg auf sich nehmen. Für Christen, die in die Jahre gekommen sind, ist es eine weitere Belastung, an Weihnachten keinen Gottesdienst zu besuchen. Das Altenheim Kronberg in Ewersbach, zugehörig zum Diakonischen Werk Bethanien, bietet für die Bewohner an Heiligabend einen Gottesdienst an, um dieser Problematik zu begegnen. Ute Reeh, Leiterin des Begleitenden Sozialen Dienstes, erzählt, warum Weihnachten im Altenheim einerseits besonders schön, andererseits aber auch traurig sein kann.

ERF Online: In Ihrem Altenheim veranstalten Sie jedes Jahr eine Weihnachtsfeier mit Andacht für die Bewohner. Was ist das Außergewöhnliche an diesem Gottesdienst?

Ute Reeh: Es ist eine ganz besondere Atmosphäre, weil unser Gottesdienst so viele verschiedene Komponenten hat. Man ist auf der einen Seite feierlich gestimmt, weil man weiß, dass wir Jesu Geburt feiern. Das wollen wir gemeinsam begehen. Hier im Haus kommt noch hinzu, dass wir als Mitarbeiter natürlich wissen, dass für viele unserer Bewohner dieser Tag schwer ist. Denn an Weihnachten werden dem viele Erinnerungen geweckt und vielen Bewohnern wird bewusst, was sie verloren haben und welche Dinge nicht mehr so sind, wie sie einmal waren. Es geht also darum Freude miteinander zu teilen, aber auch traurige und schmerzhafte Gedanken zuzulassen. Wir versuchen diese Gefühle miteinander zu tragen und dann den Fokus darauf zu lenken, dass es trotz allem Grund zur Freude gibt und zwar weil Gott Mensch wurde.

  

Ute Reeh, Leiterin des Begleitenden Sozialen Dienstes des Altenheim Kronberg (Bild: Ute Reeh)

„Man nimmt die Bewohner deutlicher wahr“

ERF Online: Sie sprechen davon, dass es darum geht, gemeinsam Schmerz auszuhalten und Traurigkeit zu mildern. Wie kann das gelingen?    

Ute Reeh: An Heiligabend haben wir mehrere, sehr unterschiedliche Programmpunkte. Morgens verteilen Mitarbeiter die Weihnachtsgeschenke. Da geht es eher lustig und fröhlich zu. Nachmittags ist die Atmosphäre feierlicher, aber auch persönlicher. Ich habe das Gefühl, dass es anders als bei normalen Gottesdiensten ist, die wir veranstalten. Es ist der gleiche Raum, die Sitzordnung ist eine ähnliche, aber es herrscht eine andere und sehr persönliche Atmosphäre. Es brennen Kerzen und man nimmt die einzelnen Bewohner bei der Feier deutlicher wahr. Denn man kennt ihre Biografie und weiß, für wen Weihnachten in diesem Jahr schwer wird. Vielleicht ist jemand erst in diesem Jahr ins Haus gekommen oder hat einen geliebten Menschen verloren. Uns Mitarbeitern ist bewusst, wie individuell das Erleben dieses Tages für unsere Bewohner ist.

ERF Online: Sie haben auch Bewohner, die bettlägerig sind. Können sie auch an der Feier teilnehmen?

Ute Reeh: Wir haben in Betracht gezogen, eine Übertragung für die Bewohner auf den Zimmern einzurichten. Aber das sind meist Schwerstpflegefälle oder Menschen, die den Gottesdienst - auch wenn wir ihn übertragen würden - nicht mehr verstehen oder verarbeiten könnten. Für sie wäre es eine Überforderung. Aber wir achten darauf, dass unsere Mitarbeiter sich morgens nach dem Verteilen der Geschenke Zeit für die Bewohner nehmen, die nicht teilnehmen können.

Man muss überlegen, was dem Bewohner gut tut

ERF Online: Man geht normalerweise davon aus, dass an Feiertagen wie Weihnachten die Angehörigen in der Pflicht sind, Ihre Verwandten zu sich zu holen oder zu besuchen. Bietet Ihre Feier manchen Angehörigen eine billige Ausrede nicht zu kommen?

"Seit einigen Jahren nehme ich bewusst an der Weihnachtsfeier teil. Ich liebe es, auf diese leise Weise mit älteren Menschen Gemeinschaft zu haben. Es berührt mich, wie demenzkranke Menschen die altbekannten Weihnachtslieder mitsummen und ihre Gesichter zu strahlen beginnen. Danach stellt sich immer das Gefühl ein: Jetzt ist wirklich Weihnachten!"
Barbara Leicht, 57 Jahre, Ehrenamtliche im Altenheim Kronberg

Ute Reeh: Das ist unterschiedlich. Es gibt eine Handvoll Angehörige, denen die Weihnachtsfeier ein großes Anliegen ist. Sie sind jeden Heiligabend dabei und nehmen dafür weite Wegstrecken auf sich. Wir haben Angehörige, die ihre Leute dann zu anderen Zeiten besuchen. Familien mit Kindern kommen oft vormittags oder um die Mittagszeit vorbei. Aber einige nutzen schon die Gelegenheit, am Gottesdienst teilzuhaben. Hinterher haben wir noch die Zeit, bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas zusammenzusitzen und Plätzchen zu essen. Man muss aber auch sagen, dass wir kaum Bewohner haben, die noch in der Lage wären, nach Hause zu gehen. Ein hoher Prozentsatz unserer Bewohner hat auch keine nahen Angehörigen mehr. Bei manchen ist der Mann schon im Krieg gefallen und es sind keine Kinder da. Oder die Kinder leben nicht mehr, weil der Bewohner schon 95 Jahre alt ist. Manchmal wohnen die Kinder auch 500 Kilometer weit weg und kommen deswegen nicht.

ERF Online: Das ist eine gute Überleitung zu meiner nächsten Frage: Was raten Sie Angehörigen, die ihre Verwandten an Weihnachten gerne daheim hätten, aber wissen, dass es aus organisatorischen oder emotionalen Gründen schwierig wird?

Ute Reeh: Diese Entscheidung muss man individuell treffen. Manche Bewohner genießen es nach Hause oder zu den Kindern zu fahren. Aber für manche älteren Menschen stellt das eine massive emotionale Herausforderung dar. Gerade wenn jemand hochgradig dement ist, muss man überlegen, was dem Bewohner guttut. Wovon hat er am meisten: Wenn die Tochter im Gottesdienst neben ihm sitzt und seine Hand hält oder wenn er nach Hause in den Trubel kommt? Man muss immer überlegen, was in der Situation angemessen ist. Wenn jemand ein Schwerstpflegefall ist, wird diese Frage wahrscheinlich nie ein Thema sein. Aber ansonsten ist es grundsätzlich möglich, auch für Familien mit kleinen Kindern. Kinder wachsen ja mit ihren Herausforderungen. Natürlich ist das leichter, wenn die Kinder ihre Oma oder ihren Opa nicht nur an Heiligabend sehen.

ERF Online: Wie gehen Sie vom Begleitenden Dienst damit um, dass manche Ihrer Bewohner gar keine Angehörigen haben und keinen Besuch bekommen?

 Ute Reeh: An allen Weihnachtstagen ist jemand von der Betreuung im Haus und wir haben einen Blick darauf, wer keinen Besuch erhält. Aber wir haben meist auch Programm im Haus: Es gibt besonderes Essen an den Feiertagen und oft singt an einem Weihnachtsfeiertag ein Chor. Am zweiten Weihnachtstag findet ein Gottesdienst statt. Auch unsere Cafeteria ist über die Feiertage geöffnet. Dort können die Bewohner miteinander und mit Gästen ins Gespräch kommen. Viele Angehörige pflegen nicht nur Kontakt zu den eigenen Verwandten, sondern kümmern sich auch um die Zimmernachbarn, die keinen Besuch bekommen. Das ist ein Geben und Nehmen.

Erinnerungen geben Sicherheit

ERF Online: Bei Ihnen gibt es eine Extra-Station für Demenzkranke. Inwieweit verstehen diese Bewohner, was gefeiert wird?

"Ich finde es schön, dass am 24. Dezember für die Bewohner im Haus ein Gottesdienst mit Andacht und Weihnachtsliedern stattfindet. Das gemütliche Zusammensein danach erinnert ein bisschen an Zuhause."
Annemarie Steinbach, 88 Jahre, Bewohnerin

Ute Reeh: Demenz hat viele Facetten und Stufen und ganz unterschiedliche Erscheinungsformen und Ausprägungen. Es gibt demenziell veränderte Menschen, bei denen eine massive Pflegebedürftigkeit dazukommt und die sich kaum noch verbal äußern können. In unserer Arbeit gehen wir grundsätzlich davon aus, dass diese Patienten trotzdem alles hören können, was um sie herum geschieht.

Wenn es um Feste wie Weihnachten geht, spielt es natürlich auch eine Rolle im Umgang mit den Bewohnern, welche Geschichte sie haben. Wenn es sich um jemand handelt, dem der Glaube im Leben wichtig war, kann man mit ihm an solchen Tagen anders ins Gespräch kommen als mit jemandem, der keine Beziehung zu Gott hat. Aber die meisten unserer Bewohner können aus ihren Erinnerungen noch viel herausholen. Dabei sind gerade die alten Weihnachtslieder eine Hilfe. Und was vor allem kommt, ist Gefühl. Man holt die Leute auf der Gefühlsebene ab. Es ist ganz entscheidend im Umgang mit dementen Menschen, dass man sich bewusst macht, dass diese Menschen die ganze Bandbreite an Gefühlen wie Freude, Schmerz, Verlust und Heimweh sehr stark empfinden. Es gilt sie mit diesen Empfindungen wahrzunehmen.

ERF Online: Kann es passieren, dass demente Menschen durch solche Festlichkeiten klare Momente erleben?

Ute Reeh: Auf jeden Fall. Jemand, der heute verwirrt ist und nicht weiß, wo er ist, kann morgen wieder Lichtblicke haben. Es gilt, ihn bei einer Sache, die ihm wichtig ist, abzuholen und - psychologisch formuliert - einen Trigger auszulösen. Er weiß vielleicht trotzdem nicht, wo er ist, aber er spürt, dass ich es gut mit ihm meine und ihn wahrnehme. Das ist in diesem Moment genug.

ERF Online: Ist es auch ein Ziel Erinnerungen bei den Bewohnern wachzurütteln, wenn ihr solche Feste mit ihnen begeht?

Es hat mich berührt, wie liebevoll und mit wie viel Mühe die Mitarbeiter die Weihnachtsfeier gestalteten. Das fing schon bei der festlichen Kleidung der Bewohner an und setzte sich beim abwechslungsreichen Programm fort. Gut fand ich, dass man diesen Tag auch wirklich feierlich beging und die Bewohner nicht mit Tee abgespeist wurden, sondern es auch Kaffee und Wein gab.
Gertraude Benner, 60 Jahre, Angehörige

Ute Reeh: Natürlich, denn das gibt ihnen Sicherheit. Demenziell veränderte Menschen erleben den ganzen Tag, dass sie Dinge nicht wissen, die sie wissen sollten. Sie spüren oder bekommen suggeriert: „Eigentlich müsste ich es wissen.“ Aber sie wissen es nicht. Sie wissen nicht, wo sie sind oder wie sie heißen. Dieses Gefühl haben sie ständig. Und dann gibt es Momente, wo Erinnerungen wieder wach werden - wie bei einem alten Foto von ihnen, wo sie plötzlich wissen: „Das bin ich und auf dem Arm habe ich mein Baby.“ Oder sie hören ein Lied, das sie als Kind auswendig gelernt haben, und erfahren: „Ich kann dieses Lied noch auswendig.“ Das zu erleben, tut gut. Es gibt ihnen das Gefühl, noch die Persönlichkeit zu sein, von der sie erahnen, dass sie sie einmal waren.

ERF Online: Sie erwähnten bereits, dass Sie viele Bewohner haben, die dem christlichen Glauben zugewandt sind. Erleben Bewohner, die eine persönliche Beziehung zu Gott haben, ihre Demenz anders als Bewohner, die nicht glauben?

Ute Reeh: Das weiß ich nicht. Diese Angst „Ich verliere mich“ haben gläubige wie nichtgläubige Demenzkranke. Natürlich ist für Christen der Glaube eine Stütze. Wenn man gemeinsam betet, alte Choräle singt oder Bibeltexte zusammen liest, gibt ihnen das Sicherheit. Und viele äußern auch den Wunsch: „Ich will irgendwann heim zu Gott“. Das kommt bei vielen unserer gläubigen Bewohner klar zum Ausdruck. In diesen Situationen gibt der Glaube auf jeden Fall Zuversicht und Halt. Aber in Momenten, wo sie das Gefühl haben, sich zu verlieren, macht sich auch bei unseren christlichen Bewohnern Verzweiflung breit. Die kognitive Ebene des Glaubens ist dann keine Hilfe mehr, sondern es ist die emotionale Ebene, die hilft und trägt.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview!


Kommentare

Von Brigitte Fr. am .

Wünschenswert ist, dass alle Heimleiterinnen
sich die Zeit für persönliche Gespräche neh-
men und den Bewohnern mit Liebe begegnen.

Von Markus R am .

Hallo Frau Theis, hallo Frau Reeh,
ich bin hier im Süddeutschen Raum (Großraum Stuttgart) als mobiler Augenoptiker in sehr vielen Häusern unterwegs. Dabei habe ich es natürlich häufig auch mit Demenz-Kranken Menschen zu tun. Ich schätze die Arbeit der Angestellten in Seniorenheimen oder Residenzen sehr. Die Menschen die dort Leben haben unser Land aufgebaut und geprägt. Mich freut es, wie es in Ihrem Hause praktiziert wird. In dem Interview wurden sehr gute Fragen gestellt.
Wünsche einen gesegneten Start ins neue Jahr.
Mit freundlichen Grüßen,
Markus Ruoss

Von Tanja A am .

Guten Abend Frau Reeh,
vielen Dank für alles was sie in ihrem Heim für die Menschen tun. Gott wird ihnen das reich lohnen.
Liebe Grüße
Tanja A

Von Roesger am .

Sehr gut be- und geschrieben.
Danke und besinnliche Weihnachten und ein gutes 2013


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