Interview

Verletzen und Vergeben sind Teil des Lebens

Menschen sind nur glücklich, wenn sie in heilen Beziehungen leben, sagt Beate Weingardt im Gespräch mit ERF Online.

Am Jahresende hält man gerne Rückblick und befreit sich von Dingen, die einem nicht gut tun. Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen läuft nicht immer alles glatt, doch Verletzung und Vergebung sind Teil des Lebens. Im Gespräch mit ERF Online erzählt Beate Weingardt, warum Vergebung wichtig ist und wie man sie erlernen kann.

ERF Online: Vor uns liegt ein neues Jahr. Jetzt ist die Zeit, wo viele noch mal zurückschauen und das alte Jahr Revue passieren lassen. Gab es 2012 eine Situation, in der Sie selbst jemanden vergeben mussten?

Beate Weingardt: Ja, da gab es einige. Eine ist mir besonders gut in Erinnerung geblieben, weil es ein längerer Prozess war. Ich fühlte mich schon im Jahr davor sehr ungerecht behandelt von einer Freundin, mit der ich auch gelegentlich zusammenarbeitete. Unser Kontakt brach nach einer Auseinandersetzung ab. Dieses Jahr habe ich beschlossen, diesen Zustand nicht so zu lassen, auch wenn ich mich im Recht fühlte. Ich lud sie zu einem Versöhnungsgespräch ein, welches natürlich voraussetze, dass ich ihr vergeben hatte.

Menschen sind nur glücklich, wenn sie in heilen Beziehungen leben. Und glücklich zu sein ist unser aller Ziel, auch meines. Da kann ich aber meinen Teil dazu beitragen: Ich habe diesen Schritt auf meine Bekannte zu auch gemacht, um mich selbst wieder in einer harmonischen Beziehung mit ihr zu erleben. Natürlich ist diese Beziehung anders als vorher, denn wir haben beide eine Verletzung erlebt – sie auch. Aber wir haben wieder Frieden.

Ein gutes Selbstbewusstsein macht  unverletzbarer

Dr. Beate M. Weingardt ist Diplompsychologin und hat ev. Theologie studiert. Sie ist in der Erwachsenenbildung und psychol. Beratung tätig und hat über den Prozess des Vergebens promoviert. Darüber hinaus schreibt sie Bücher, unter anderem  „Das verzeih ich dir (nie)!“. Weitere Informationen finden Sie auf Ihrer Webseite: www.beate-weingardt.de (Bild: privat)

ERF Online: Bei einigen Sportarten lernt man in einem Kurs häufig als erstes, richtig zu fallen und mit Verletzungen umzugehen. Verletzungen passieren aber nicht nur im körperlichen, sondern auch im seelischen Bereich. Hat es auch eine hohe Priorität, vergeben zu lernen?

Beate Weingardt: Der Vergleich mit dem Sport ist prima: Richtiges Fallen soll das Risiko schwerer Verletzungen verringern. Man kann einen Sturz nicht immer vermeiden, aber man kann vermeiden, dass dieser zu gravierenden Schäden führt. Das sollte man auch als ein Ziel in seinem Leben sehen: Man kann nicht verhindern, verletzt zu werden, doch man kann etwas dagegen tun, dass es immer wieder passiert. Dabei gibt es unterschiedliche Vorbeugungsmaßnahmen. Ein Punkt ist zum Beispiel, dem anderen keine Absicht zu unterstellen. Dann geht es einem schon besser. Viele Leute denken, die anderen würden alles bewusst oder mit böser Absicht tun. Doch die meisten Verletzungen passieren unabsichtlich.

Das zweite ist zu lernen, genau das anzusprechen, was einen verletzt. Wie sonst sollte der andere dies merken? Es ist wichtig, sich zu wehren, indem man sagt: „Ich möchte nicht, dass du auf diese Art mit mir redest oder mich in dieser Weise behandelst. Denn das verletzt mich.“ Auch ein gutes Selbstbewusstsein macht unverletzbarer.

ERF Online: Gibt es noch weitere Dinge, die ich für gesunde Beziehungen tun kann?  

Beate Weingardt: Ein anderer wichtiger Punkt sind Erwartungen. Natürlich hat der Mensch immer Erwartungen an andere. Doch sind diese nicht manchmal sehr ichbezogen? Anstatt nur sich selbst zu sehen, sollte man versuchen, sich in den anderen Menschen hineinzuversetzen: Was kann der andere überhaupt? Was will er? Wo sind seine Grenzen? Vielleicht erwarte ich, dass meine 80-jährige Mutter mich an Weihnachten verköstigt und einlädt. Mit 70 Jahren war sie dazu möglicherweise noch in der Lage. Doch jetzt passt es nicht mehr zu ihr. Ich will es trotzdem gerne, weil es für mich bequem ist. Und wenn meine Mutter meine Erwartung nicht erfüllt, bin ich enttäuscht. Wer ist dann daran „schuld“? Doch nicht die Mutter!

Auch beim Thema Mann / Frau stelle ich immer wieder fest, dass Frauen Dinge von Männern erwarten, die gar nicht in deren Natur liegen. Zum Beispiel äußern Männer sich eigentlich selten freiwillig über ihre Gefühle. Frauen dagegen schon. Erwartet eine Frau von ihrem Mann, dass er viel mitteilt, wenn sie ihn nach seinen Gefühlen fragt, ist das nicht realistisch. Der Mann antwortet meistens nur mit einem: „Alles ok.“ Und die Frau reagiert enttäuscht, weil sie denkt, er möchte nicht mit ihr darüber reden. Das stimmt aber nicht, es fällt ihm einfach nur viel schwerer. Das ist ein großer Unterschied, den viele Frauen nicht richtig erkennen.

Manche Lasten muss man tragen, aber Altlasten kann man ablegen.

ERF Online: Wenn der Prozess der Vergebung schwer und schmerzhaft ist, warum sollte ich diesen Prozess überhaupt anpacken und nicht einfach nur einen Strich unter der Vergangenheit ziehen?

Beate Weingardt: Einen Strich unter die Vergangenheit ziehen, wäre so zu tun, als könne man diese wie am Computer mit der Löschtaste einfach aus dem Gedächtnis entfernen. Doch das geht nicht. Wir vergessen schwere Verletzungen nicht. Also müssen wir uns fragen: Wie gehe ich mit dem um, was ich in meinem Kopf und Herzen trage? Das ist wie beim Essen, Sie müssen es irgendwie verdauen. Es ist nicht plötzlich wieder weg, nur weil es vielleicht nicht so gesund war. Und dieser Prozess der Verdauung ist wie der Prozess des Vergebens. Die Verletzung muss so verarbeitet und aufgeschlüsselt werden, dass sie einen nicht für immer in der Lebensqualität beeinträchtigt. Das leistet Vergeben. Man darf ruhig über das trauern, was passiert ist. Aber es sollte einen nicht mehr ständig belasten.

Wir Menschen haben nicht unbegrenzt Lebensenergie, und die täglich zur Verfügung stehende Energie sollte man nicht auf Altlasten verschwenden, die man immer mit sich schleppt. Denn diese fehlt dann für die Gegenwart. Das ist bei vielen Menschen das Problem. Die Gegenwart, der Alltag benötigen viel Kraft, aber viele Leute nehmen sich noch Kraft, indem sie alte Erfahrungen mit sich herumtragen und sie nie verarbeiten. Diese ständige Überlastung kann durchaus auch zu Burn-Out oder anderen Krankheiten führen. Manche Lasten muss man einfach tragen, aber Altlasten kann man ablegen.

ERF Online: Inwiefern verändert es mich selbst, durch so einen schmerzhaften Prozess zu gehen?

Beate Weingardt: Ein großer Gewinn ist, dass man sich seiner eigenen Gefühle und seines eigenen Verhaltens bewusster wird. Man ist gezwungen, über sich nachzudenken. Man lernt, seine Gefühle nicht nur so hinzunehmen, sondern sich damit auseinanderzusetzen. Gefühle sind keine Naturgewalt, der man ausgeliefert ist, sondern man kann auch überlegen: Warum hat mich das so wahnsinnig gekränkt, dass der andere mich so behandelt hat? Was ist da für ein wunder Punkt bei mir? Man hat oft schlecht verheilte Wunden aus der Kindheit, von denen der andere gar nichts weiß. Wenn man sich solche Dinge bewusst macht, zieht man für sich selber einen Gewinn daraus.  

Ein anderer großer Gewinn kann sein, dass man auch den anderen Menschen eher zugesteht, dass sie einen immer wieder verletzen. Fehler zu machen oder sich zu irren, gehört zum Menschsein dazu. Genauso, dass man manchmal schwach, unfair und egoistisch ist. Wenn ich das anderen eher zugestehe, dann falle ich nicht jedes Mal aus allen Wolken, wenn mich jemand verletzt. Verletzen und vergeben sind dann ein Teil des Lebens.

Unvollkommenheit akzeptieren

ERF Online: Jeder macht mal Fehler. Nicht immer sind es die anderen Menschen, die uns verletzen und denen wir vergeben müssen. Oft sind es Fehler, die wir selbst gemacht haben und die uns dann quälen. Wie kann ich mir selbst vergeben?

Beate Weingardt: Hier gilt es zwei Fälle zu unterscheiden. Manchmal mache ich etwas und stelle später fest, dass es ein Fehler war. In diesem Fall kann ich versuchen, den Fehler nach Möglichkeit wiedergutzumachen. Das zweite ist, sich selbst in der eigenen Unvollkommenheit anzunehmen. In dem Moment wusste man es eben nicht besser oder hatte nicht mehr Kraft. Diese Unvollkommenheit ist genau das, was man dem anderen auch zugestehen muss.

Im Grunde genommen ist es in beiden Fällen dasselbe, ob ich mir selbst verzeihe oder anderen: Ich muss akzeptieren, dass Menschen nicht immer so perfekt, stark oder klug sind, wie sie sein könnten oder wollen. Jeder hat Schwachstellen. Der erste Schritt im Prozess der Vergebung ist, das auszuhalten und anzunehmen. Natürlich auch mit dem Vorsatz, dass der Fehler nicht wieder passieren soll. Aber Gott könnte uns auch nicht vergeben, wenn er uns diese Unvollkommenheit als Menschen nicht zugestehen würde.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.

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Kommentare

Von belinda am .

bekannt

Von Brigitte am .

Ja, es läuft nicht immer so, wie wir es uns vorstellen, und man nimmt die Menschen so, wie wir sie gerne hätten und nicht wie sie eben sind. Aber in einem muss ich widersprechen: Man braucht nicht immer nur heile Beziehungen, um glücklich zu sein. Welche Beziehung ist schon ohne Makel? Man kann auch glücklich sein, wenn man an den Beziehungen arbeitet, die nicht so gut laufen.

Von Dorena am .

ja,das ist auch in meinem Leben ein wunder Punkt. Ich musste verstehen lernen,dass manche Menschen,auch Christen,für sich entschieden haben,von hier an möchte ich mit Dorothea nichts mehr zu tun haben,weil mich diese Beziehung permanent an meine Grenzen bringt. Dorothea will oder kann das nicht verstehen und abstellen,also müssen sich die wege trennen. Es hat weit über ein Jahr gedauert,bis ich verstehen konnte.welchen Anteil Schuld ich daran trage,weil ich zunächst nur verletzt war. Mir mehr

Von Sabine am .

Guten Morgen Frau Weingardt, vielen Dank für dieses Interview. Ich habe fast alles, was Sie schreiben/sagen, in meiner Therapie gehört. Es tut gut, es einfach noch einmal zu hören, um endlich etwas zu verändern. Mein Partner hat mich vor zwei Jahren verlassen,und ich habe immer noch damit zu tun. Das ist sooooo schwer und kostet, wie Sie schreiben, sooooo viel Kraft. Ich möchte lernen, ihm die Trennung zu vergeben. Vor allem, damit ich wieder zufrieden werden kann. Mit herzlichen Grüßen Sabine. PS: Ich werde mir das Buch kaufen. Danke für Ihr Zuhören.


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