Interview

Mit meinem Teenager reden?!

Kinder in der Teenagerphase überfordern viele Väter. Wer für das Gespräch mit ihnen richtige Wege kennt, bleibt gelassen.

Väter tragen nach christlichem Verständnis ihren Kindern gegenüber eine besondere Verantwortung -  auch, weil sie im Hinblick auf Gott als dem Vater im Himmel eine Schlüsselrolle für ein gesundes Gottesbild haben. Doch gerade Teenager – Kinder fordern ihre Väter immer wieder heraus. Wie lassen sich Beziehung und Gespräch trotzdem aufrechterhalten? Heidi Goseberg hält Seminare für Eltern mit Teenagern. Im Gespräch mit ERF Online gibt sie Antworten und Tipps für Väter.  

ERF Online: Der Vater ist eine Schlüsselfigur im Leben seines Kindes. Welchen Wert haben eine gute Beziehung und das persönliche Gespräch zwischen Vater und Sohn bzw. Tochter im Teenageralter?

H. Goseberg: Grundsätzlich ist die Teenagerphase die Phase der Ich – Findung. In dieser ist es ganz wichtig, dass Teenager von ihren Eltern und besonders auch von ihren Vätern Bestätigung bekommen. Der Sohn erfährt durch den Vater Anerkennung in seinem Mannsein und für die Tochter ist der Vater der erste Mann in ihrem Leben. Bejahung der Person bedeutet „Ich liebe dich und du bist in Ordnung wie du bist". Jugendliche  erleben dieses Angenommen sein durch Worte und natürlich auch durch Zuneigung. Zum Beispiel erfährt die Tochter durch ihren Vater Bestätigung, wenn er ihr zuspricht, dass er sie schön findet.

Für Christen sind Väter auch immer eine Schlüsselfigur. Wenn ein Mensch hört, dass Gott unser Vater im Himmel ist, dann wird er Gott durch die Brille sehen, wie ihm der eigene Vater begegnet ist. Insofern sind Väter Hinweise auf den Vater im Himmel. Das ist für Christen und insbesondere für Väter eine große Verantwortung. Es ist wichtig, sich damit auseinanderzusetzen: Bin ich im Hinblick auf Gott ein gutes Vorbild für meine Kinder? Weise ich mit der Art, wie ich mit meinen Kindern umgehe, auf das Wesen Gottes hin?

Teenager brauchen Reibungsfläche

ERF Online: Welche Stärken weisen gerade Väter in dieser Phase im Vergleich zur Mutter auf?

H. Goseberg: Grundsätzlich sind die meisten Mütter in der Regel mehr im Gespräch mit ihren Kindern als die Väter. Aus diesem Grund haben die Aussagen eines Vaters oft mehr Gewicht, selbst wenn sie im Wesentlichen dasselbe beinhalten. Mein Sohn sagte einmal: „Das habe ich von Mama ganz oft gehört, aber wenn Papa das zu mir sagt, ist das etwas ganz Besonderes.“ Am Vater sehen die Kinder außerdem, wie Männer sind und erleben den Gegenpart zur Mutter in der Familie. Es ist wichtig, dass der Vater diesen Part einnimmt.

Ein anderer wichtiger Punkt für Väter ist, sich als Diskussionspartner zur Verfügung zu stellen. Diese täglichen Auseinandersetzungen mit den Teenagern kosten viel Kraft, aber sie sind sehr wichtig. Teenager wollen sich reiben und profitieren davon, wenn sich Väter als Reibungsfläche zur Verfügung stellen. Sie lernen sich auseinanderzusetzen, ihre Meinung zu vertreten, sich zu streiten und wieder zu versöhnen.

ERF Online: Männer gelten als wortkarg. Tun sie sich auch in Bezug auf ihre jugendlichen Kinder damit schwer zu reden?

Heidi Goseberg ist 57 Jahre alt, hat vier erwachsene, zum Teil verheiratete Kinder und inzwischen drei Enkelkinder. Bei Team F ist sie als Tutorin für den Studiengang ‚Familie und Erziehung‘ an der Akademie tätig und beschäftigt sich laufend mit Erziehungsthemen. Seit über 15 Jahren halten sie und ihr Mann Seminare für Eltern mit Teenagern und bleiben dadurch ständig mit Teenager Eltern im Gespräch. (Bild: privat)

H. Goseberg: Viele Väter scheuen Diskussionen und Auseinandersetzungen. Die Gefahr ist, dass solche Auseinandersetzungen in Machtkämpfe ausarten. Deswegen ist es wichtig zu lernen, sich gut und fair auseinanderzusetzen, statt die Konfrontation zu vermeiden. Fair auseinanderzusetzen würde zum Beispiel bedeuten, dass ich Meinung und Gefühle des Teenagers respektiere, dass ich seine anderen Ansichten respektiere - was nicht ausschließt, dass ich manchmal auch eine Grenze setzen muss.

ERF Online: Welche andere Möglichkeiten gibt es für einen Vater, den Draht zu seinen Teens zu behalten?

H. Goseberg: Gemeinsame Unternehmungen sind eine Möglichkeit. Diese erfüllen ihren Zweck aber nur, wenn sie die Interessen der Teenager treffen. Wie man die Zeit letztlich füllt, ist interessenabhängig und manchmal geschlechtsspezifisch.

Mein Mann hat im Teenageralter unseres Sohnes einmal im Jahr ein Vater - Sohn - Wochenende gemacht. Sie sind meistens in eine Stadt gefahren, in der Fußballspiele stattfanden, für die sich beide interessierten. Daraus haben sie dann ein ganz tolles Ereignis gemacht und viel Zeit für Gespräche gehabt, die sich zu Hause so nicht ergeben hätten. Das war ein Highlight für unseren Sohn. So etwas wird als unauslöschbarer Schatz in der Beziehungserinnerung eines jungen Menschen abgelegt.

Oft fehlt den Söhnen die Anerkennung des Vaters

ERF Online: Welche speziellen Probleme ergeben sich denn bei Jungs bzw. Mädchen im Teenager – Alter in der Beziehung zu ihren Vätern?

H. Goseberg: Vater - Sohn - Beziehungen sind häufig ähnlich schwierig wie Mutter - Tochter - Beziehungen. Das sind Konkurrenzbeziehungen in der Familie: die Väter gehen zu den Söhnen in Konkurrenz und umgekehrt. Oft fehlt den Söhnen dann die Anerkennung des Vaters.

Bei den Töchtern ist es eher so, dass die Väter sich mit Zuwendung zurückhalten, wenn die Mädchen in die körperliche Entwicklung kommen. Aus Angst Grenzen zu übertreten, sind Väter manchmal geneigt, sich zurückzuziehen. Das tut den Töchtern nicht gut. Der Vater ist der erste Mann im Leben seiner Tochter, die Zuwendung sollte  nicht plötzlich aufhören. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Als meine Tochter einmal mit Tränen in den Augen zu mir kam und mich fragte: „Sag mal, hat Papa mich eigentlich nicht mehr lieb?“ war ich erschrocken. Ich wusste ja, dass dem nicht so ist. Auf meine Rückfrage antwortete sie, dass er sie gar nicht mehr in den Arm nehme. Als ich meinen Mann darauf ansprach, sagte er, dass er einfach keine Grenzen übertreten wollte. Doch er merkte, wie wichtig Zuwendung gerade für Mädchen ist und fing wieder an, ihr auf eine angemessene Art und Weise Zuwendung zu geben.

Eine solche Zuwendung vom Vater brauchen Teenager gerade in ihren Entwicklungsjahren. Auch die Jungs. Bei ihnen mag diese etwas anders aussehen. Unser Sohn sagte dann: „Kannst du mich mal massieren?“

ERF Online: Sie sagten vorhin, dass die Väter im Konkurrenzkampf mit ihren Söhnen stehen. Betrachten Väter ihre Söhne tatsächlich als Konkurrenz?

H. Goseberg: Manchmal betrachten sie sie als Konkurrenz. Manchmal ist es so, dass die Söhne in den Augen der Väter nicht genügen. Ein Beispiel: Ein sehr praktisch begabter Vater unternimmt etwas Handwerkliches zusammen mit seinem Sohn, dessen Begabungen eher auf musischem Gebiet liegen. Der Junge stellt sich bei der Tätigkeit nicht so geschickt an. Der Vater macht ironische oder sarkastische Bemerkungen, um seinen Sohn damit herauszufordern, es besser zu machen. Doch anstatt ihn mit seinen Bemerkungen herauszufordern, verunsichert er ihn. Fördernd sind hingegen Aussagen wie: „Ich zeig dir das.“ „Du lernst das bestimmt auch“, und „Du musst das nicht so gut können wie ich, dafür kannst du etwas anderes als ich viel besser“. Destruktiv sind folgende Aussagen: „Na ja, hätte ich mir ja denken können.“ oder „Das lernst du nie. Du hast zwei linke Hände.“ Es sind viele junge Männer zu uns in die Beratung gekommen, die solche Botschaften von ihren Vätern bekamen und sich dann tatsächlich auch entsprechend verhielten.

Richtige Signale setzen

ERF Online: Wie kann ein Vater diese Problemfelder mit seinen Teenager – Kindern am besten angehen?

H. Goseberg: Wenn man das Gespräch sucht, sollte man offen sein, wenn die Jugendlichen offen sind. Wenn wir unsere Teenager zu einem Gespräch gebeten oder auch zitiert haben, kam sofort die Antwort: „Ich habe jetzt gerade überhaupt keine Zeit.“ Wenn die Teenager bereit sind, signalisieren sie das. Sie kommen oft zu unmöglichen Zeiten. Doch wir müssen einfach wissen, dass das die Zeiten sind, in denen sie zugänglich sind für Gespräche.

Problemfelder lassen sich auch angehen, indem man die Gefühle respektiert. Das kann in einem Gespräch zum Beispiel so aussehen: „Ich verstehe, dass dir wichtig ist, Zeit mit deinen Freunden zu verbringen. Aber ich lege Wert darauf, dass du zuerst deine Aufgabe hier zu Hause erledigst.“ Gefühle respektieren bedeutet auch, dass man Zuwendung niemals gegen den Willen eines Teenagers gibt. Wenn er gerade nicht in den Arm genommen werden möchte, erzwingt man dieses nicht, sonst werden Grenzen verletzt.

Wichtig ist, dass der Vater die richtigen Signale setzt, damit sich der Teenager als Person angenommen und wertgeschätzt fühlt. Ein richtiges Signale wäre z.B.: „Du bist mir wichtig und ich möchte für dich da sein, wenn du mich brauchst.“ Oder: „Ich liebe dich, weil du mein Sohn bist oder weil du meine Tochter bist, auch wenn ich nicht immer einverstanden bin mit dem, was du tust.“

ERF Online: Vielen Dank für das Interview.


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