Erfahrungsbericht einer Großmutter Lesezeit: ~ 6 min

Generationengespräche

5 Tipps, wie Großeltern Brücken zu ihren Enkelkindern bauen können

Die Lebenswelten von Großeltern und Enkelkinder waren noch nie soweit voneinander entfernt wie in dieser Generation, meint Irene Müller. Die Großmutter von acht Enkeln sieht dafür verschiedenen Gründe, vor allem aber die technischen Entwicklungen der letzten Jahre. Im Artikel beschreibt sie, wie Oma oder Opa trotz der Unterschiede am Leben ihrer Enkel teilhaben und darauf Einfluss nehmen können:

Wie kann es uns als besorgte Großeltern nun gelingen, eine Brücke zu diesen Kindern zu bauen? Diese Brücke kann und soll von beiden Seiten begangen werden. Die Brücke, die von den Kindern her zu uns kommen kann, ist, dass wir von ihnen lernen, was sie machen. Nicht bereits von vornherein urteilen: „Das ist alles Mist!“, sondern um Erklärung bitten und zeigen, dass man Anteil nehmen will an ihnen und ihrem Leben.

Von Seiten der Großeltern gibt es fünf Aspekte des Brückenbauens: erzählen, sich einmischen, Kontakt halten, beten und helfen.

Erzählen

Bei der Familie meines Sohnes kamen die Söhne (14 und 16) nach Hause und erzählten mir, wie es in der Schule geht, welche Stunden ausfallen und wie doof die Lehrer sind (das war schon zu allen Zeiten so). Am Abend haben wir zusammen Skat gespielt, beim Geben kamen die Fragen von den Enkeln: „Oma, wie war das bei dir, wie viele Hausaufgaben hast du gekriegt? Wie bist du mit deinen Lehrern umgegangen? Wie war denn Papa, als er 16 war?“ Die Antwort amüsierte sie: „Er war ein fauler Hund.“ Das hat diesen Jungs einfach gut getan. So etwas kann ihnen der Vater vielleicht nicht erzählen, aber ich schon. Auch, dass wir Dienste zu Hause hatten, dass es eine Aufgabenverteilung im Haus gab, von der die Jungs heute nichts mehr hören wollen. Und dass ihr Vater z.B. den Rasen mähen musste.

Von unseren Erfahrungen zu erzählen, macht Familiengeschichte transparent. Erzählen von dem, wie anders unser Leben war, löst ungläubiges Staunen aus, aber die Enkel bekommen doch ein bisschen was mit. Denn jede Generation denkt natürlich: „So wie wir es machen, ist es richtig. Und ist das einzig Mögliche.“ Allein schon zu erfahren, dass es auch anders ging, ist eine Hilfe.

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Sich einmischen

Großeltern müssen nicht erziehen – wir haben das verbriefte Recht, zu verwöhnen. Da wir keine erzieherischen Maßnahmen treffen werden, können wir uns auch einmischen. Damit meine ich: Wir können darüber sprechen, was uns Sorge bereitet. Eltern und Lehrer sind oft beeinflusst von der 68er-Lehre und haben Angst davor, Autorität auszuüben. Sie wollen Freunde sein statt Vater und Mutter. Dieser Individualismus, der als Götze eingeführt wurde („Jeder darf so sein wie er will, und es ist nur wichtig, dass es mir gut geht – wie es dem anderen geht, kann mir egal sein“), die Beliebigkeit („Ich kann und darf machen wie es mir gerade zumute ist“) sind stark präsent, und deshalb ist die Angst vor Einmischung so groß. 

Irene Müller lebt in Augsburg, ist verheiratet und hat 3 Kinder sowie 8 Enkelkinder. Die pensionierte Realschullehrerin ist in der evangelischen Kirche engagiert und eine gefragte Referentin. Im Mittelpunkt ihrer Vorträge stehen Beziehungen – zu Gott, zu den Menschen und zu sich selbst. (Bild: privat)

Nichts gilt heute als schlimmer, als Eltern für ihren Erziehungsstil zu kritisieren. Aber genau das müssen wir tun! Wir können es manchen Eltern nicht durchgehen lassen, dass ihre Kinder andere quälen, und müssen diejenigen ansprechen, die ihre Kinder niemals loben. Vor allem aber müssten wir uns einmischen in das Leben dieser Kinder. Viel zu leicht haben wir die Sichtweise akzeptiert, dass die Jugendlichen in ihrer eigenen Welt leben, in einer digital geprägten Kultur, von der Erwachsene nichts verstünden und zu der sie auch nichts sagen dürften. Eine große Gefahr von Netz und Spielkonsolen besteht in ihren gewalttätigen Inhalten, aber die vielleicht noch größere darin, dass diese Medien zwischen die Menschen treten und das Gespräch der Generationen abschneiden.

Es hilft alles nichts – wir müssen uns neben die Jugendlichen setzen und uns den ganzen Müll ansehen, den sie sich einverleiben. Und wir müssen ihnen den Respekt entgegenbringen, ihnen zu sagen, dass das Müll ist. Auch wenn man damit einen Streit riskiert. Einmischen ist ein sehr heikles Thema. Man kann sich furchtbar die Finger dabei verbrennen. Doch es ist so nötig!

In Kontakt bleiben

Ein Kontakthalten zu den Kindern wird dadurch erschwert, dass unsere Kinder oft arbeitsbedingt mehrere hundert Kilometer entfernt leben. Entsprechend selten sehen wir die Enkel. Aber wir können uns die Technik der Kinder zunutze machen. Meine Enkel haben mir zum 70. Geburtstag 70 Mails geschenkt, die im Laufe des nächsten Jahres kommen würden. Das ist eine ganz nette Art, mit diesen Buben in Kontakt zu bleiben.

Wir schenken unseren Kindern jährlich eine Woche Urlaub ohne Kinder; d.h. ich gehe dreimal im Jahr irgendwo Enkel hüten oder hole sie zu uns. Das kostet Geld, das kostet Zeit, das kostet Kraft. Aber es ist einfach toll, vertraut zu werden mit den Kindern.

Beten

Ich nenne es auch: Kontakthalten über Satellit – die Kinder mit Gebet umgeben und sie segnen. Segnen bedeutet: Ich erbitte mir von Gott, dass er den Kindern den Reichtum gibt, den er geben möchte. Fürbitte heißt, Gott anzuflehen, er solle dieses oder jenes tun. Die Kinder zu segnen ist das, was wir wirklich gut tun können: Mit Gott über die Kinder reden, mehr als mit den Kindern über Gott. Gleichzeitig aber auch Zeuge sein mit unserem Dasein, dass Gott in unserem Leben gegenwärtig ist und welche Hilfe Er für uns ist. Viele Kinder gehen in Kindertagesstätten (Kinderkrippen) und erfahren dort nichts von Gott. Sie brauchen es ganz besonders, dass man ihnen von zu Hause her Werte vermittelt und Gottes Präsenz nahe bringt. Eine wertvolle Hilfe sind auch Kinderbücher, die helfen, auf kindgerechte Weise in den Glauben hineinzuwachsen.

Der Artikel "Generationengespräche" stammt  aus dem christlichen Magazin aus Österreich mehr (28/2012).
Die aktuellen Ausgaben können Sie auf erf.at
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Wir danken ERF Medien Österreich für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung! (ERF Medien Österreich)

Helfen

Unser Privileg als Großeltern: Wir dürfen helfen. Das verlangt viel Fingerspitzengefühl, besonders, wenn es zwischen Großeltern und Eltern der Kinder Spannungen gibt. Bei diesen Verhältnissen ist es dann schwer, bis zu den Enkeln vorzudringen. Der Konflikt zwischen den erwachsenen Kindern und alten Eltern muss zunächst gelöst werden. Wir Älteren müssen den ersten Schritt tun, indem wir auf unsere Kinder zugehen.

Als ich anfing in die Seelsorge hineinzuwachsen, ist mir vieles klar geworden, was ich falsch gemacht habe. Ich habe meinem Sohn einen langen Brief geschrieben und ihn um Vergebung gebeten für alles, was passiert ist. Er hat mir nie auf den Brief geantwortet, es ging ihm zu nah. Aber seither können wir wieder miteinander. Es ist an uns, zu sagen: „Was ist es, das uns so entfremdet? Nenne mir, was zwischen uns steht. Ich bitte um Vergebung, was zwischen uns war, und ich vergebe dir, was dein Anteil war.“ Wenn zwischen den Eltern und den Großeltern Versöhnung geschieht, dann ist der Weg frei zu den Enkelkindern.

Das Beste, was wir tun können, ist ein mit Gott und den Menschen versöhnter Mensch zu sein. In Frieden zu leben, getränkt von der Liebe Gottes, dass wir es mehr und mehr wagen, Schritte zu gehen auf dieses Vaterherz zu und uns hineinfallen lassen in seine bedingungslose Liebe. Je mehr Gottes Liebe in uns wächst, um so mehr werden wir von alten Lasten befreit, umso leichter können wir mit den nachfolgenden Generationen umgehen. Ich wünsche allen Großeltern einen wunderschönen Kontakt zu ihren Enkelkindern und dass das Verhältnis zu den Kindern ganz im Licht ist.

 


Kommentare

Von ursula k am .

gestern sind mein mann und ich aus dem gemeinsamen urlaub mit unseren zwei enkelinnen heimgekehrt. schon auf der rückfahrt stellte ich plötzlich die gleiche respektlosigkeit wie in meiner zeit mit den kindern im sommer fest. sie behandeln mich einfach wie ihresgleichen und geben freche antworten. mein mann nimmt das gar nicht wahr. nun bin ich auf distanz gegangen zu ihnen. damit geht es mir nicht besonders gut. der beitrag von irene müller hat mir mut gegeben mich diesem verhalten weiter zu wiedersetzen.ich werde heute versuchen wieder eine gute basis zu finden.

Von Ulrike am .

Ich bin zwar noch keine Großmutter, aber ich habe erwachsene Söhne und vor kurzem meine Mutter verloren. Mir gefällt der Artikel sehr gut. Ich hoffe, wenn es so weit ist, dass ich dann das, was ich weiß auch umsetzen kann und meine Kinder es annehmen können/wollen/werden.
Vielen Dank, hoffentlich lesen diesen Artikel viele Eltern und Großeltern.


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