Rezension Lesezeit: ~ 5 min

"Der sensible Mensch"

Hochsensible Menschen haben eine besondere Anfälligkeit für psychische Störungen, behauptet Samuel Pfeifer in seinem Buch.

Sanft blau mit weißen, weichen Federn– so sieht das Buchcover der Neuauflage von „Der sensible Mensch“ aus. Die pastelligen Farben weisen bereits optisch auf den Inhalt hin: Das Buch handelt von Menschen, die ihre Umwelt sensibler als ihre Mitmenschen wahrnehmen. Nun ist das Thema bereits in anderen Büchern aufgegriffen worden – was macht dieses Buch besonders und lesenswert?

Samuel Pfeifer belässt es nicht dabei, die Besonderheiten der Hochsensibilität zu skizzieren, er wendet sich einer ganz bestimmten Seite von ihr zu: Sie ist nicht nur Gabe, sondern kann auch zum Fluch werden und psychische Störungen fördern. Diesem Zusammenhang geht der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie hauptsächlich auf den Grund.

Die dunkle Seite der Sensibilität

„Sensibilität ist zwar keine Krankheit“, schreibt Pfeifer in seiner Einleitung, „aber sie erhöht die Empfindlichkeit und kann zu Ängsten und Depressionen führen, die das Leben massiv einschränken.“

Dass psychische Probleme auf den Magen schlagen können, ist schon länger bekannt. Doch was, wenn aus den kleinen Unannehmlichkeiten eine Krankheit wird? Nicht wenige Patienten suchen einen Arzt nach dem anderen auf, ohne dass eine Ursache für ihr Leiden gefunden wird. Gerade in solchen Fällen ist es von Vorteil zu wissen, ob der Betroffene hochsensibel ist. Zu erkennen, dass die immer wieder auftauchenden Bauchschmerzen lediglich psychosomatisch sind, kann mitunter beruhigend und erleichternd sein. In dem ersten Teil seines Buches erklärt der Autor daher das Zusammenspiel von Sensibilität und dem vegetativen Nervensystem, Psyche und Körper und gibt Einblicke in die Schutz- und Abwehrmechanismen sensibler Menschen.

Ein zweiter, großer Teil ist den „sensiblen Syndromen“ gewidmet und gewiss nicht schmeichelhaft für hochsensible Menschen. In Büchern wie „Zartbesaitet“ (Georg Parlow) liegt der Fokus vor allem darauf, den Betroffenen das Gefühl zu vermitteln, anders zu sein, aber dennoch normal. Diese „liebevolle Verhätschelung“ findet man bei Pfeifer nicht. Stattdessen wird die Hochsensibilität von ihrer dunklen Seite her aufgerollt: es wird die Anfälligkeit für psychische Störungen aufgezeigt. Spätestens an dieser Stelle kristallisiert sich heraus, dass dieses Buch ebenfalls als Hilfe für Psychologen und Seelsorger gedacht ist, da sich die Behandlung solcher „übersensiblen“ Störungen mit der falschen Herangehensweise sehr schwierig gestalten kann.

Nun soll der hochsensible Leser nicht in Panik verfallen und sich mit jeder der vorgestellten Störungen identifizieren wollen. Es ist jedoch jedem Hochsensiblen nahezulegen, sich mit dieser schwierigen und dunklen Seite seiner Besonderheit auseinanderzusetzen. Samuel Pfeifer will dazu beitragen, die eigene Persönlichkeit kritisch zu hinterfragen und dem Betroffenen und Fachkräften Hilfe an die Hand zu geben.

Seelsorge und Glaube

Auch im Glaubensleben warten besondere Schwierigkeiten auf Hochsensible und Herausforderungen auf deren Seelsorger. „Ihre Gabe, zwischen den Zeilen zu lesen, wird zur Last, weil sie in allem das Strafende, Richtende, Fordernde und Verurteilende heraushören. Es ist die tiefe persönliche Betroffenheit, die jede Bibelstelle verengt und in eine kritische Anfrage verwandelt, der man niemals gerecht werden kann.“

Dass die Bekehrung nicht plötzlich alles zum Guten verändern muss, zeigt das Beispiel einer Frau, die an Zwangsstörungen leidet. Die alten Zwangshandlungen verschwinden, aber richtig frei wird die Frau nicht: Die Störungen brechen an anderer Stelle wieder hervor, haben sich in ihr Glaubensleben verlagert. Diese und andere Beispiele zeigen, dass psychische Störungen nicht nur das Alltagsleben überschatten, sondern auch die Beziehung zu Gott. Hier ist fachliche Hilfe nötig, Probleme dieser Art können nicht allein gelöst werden.

Mit ihrem Perfektionismus, ihren großen Problemen im Umgang mit Zweifeln und ihrem überempfindlichen Gewissen haben es christliche Hochsensible nicht immer leicht. Hilfreich sind daher vier praktische Tipps des Autors, um wieder besser mit sich und Gott zurechtzukommen. Als Antwort auf den Hang zum Perfektionismus schreibt er: „Lernen Sie mit Schwachheit und Unvollkommenheit zu leben. […] Jesus ist selbst zum Modell für Schwachheit geworden.“ (S. 277) Diese Aussage ist simpel – und heilsam!

Verwirrende Verwendung des Begriffs

Schon der Doktortitel von Samuel Pfeifer verdeutlicht: das Buch wird keine locker-flockige Lektüre, die man bequem am Strand unter den Palmen lesen kann. Beim ersten Durchblättern fallen dem Leser die vielen Grafiken und Tabellen, die Infoboxen und die Fallbeispiele auf. Umständlich geschrieben ist „Der sensible Mensch“ dennoch nicht. Man muss ein wenig Willen mitbringen, sich in einige fachliche Begriffe einzulesen, um zu einem tieferen Verständnis des Buches zu gelangen. Doch durch die verständlichen Infoboxen ist diese Aufgabe nicht schwierig.

Etwas verwirrend und schwammig dagegen bleiben die Bezeichnungen Sensibilität und Übersensibilität. In der Literatur zum Thema Hochsensibilität werden Menschen, die sensibler auf ihre Umwelt reagieren, als hochsensibel oder hochsensitiv bezeichnet. Samuel Pfeifer jedoch verwendet den Begriff „sensibel“ und bezeichnet mit „übersensibel“ jene Menschen, die von der Anlage her hochsensibel sind und aus dieser Anlage heraus eine Störung entwickelt haben. Macht man sich als Leser diese unterschiedliche Begriffsbedeutung nicht bewusst, kann durchaus der Eindruck entstehen, Hochsensibilität sei eine Krankheit. Das ist jedoch nicht die Absicht des Autors, der leidglich darauf hinweisen will, dass Hochsensibilität gewisse Krankheiten und Störungen begünstigen kann.

Ebenfalls lässt das Buch den roten Faden missen, weil viel zu selten zwischen Hochsensiblen und weniger Sensiblen klar abgegrenzt wird, wenn es um den Zusammenhang von Psyche und Körper geht. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn die beschriebenen Symptome deutlicher zugeordnet gewesen wären. Sind es Symptome, die nur bei Sensiblen auftreten? Wie sieht das Leidensbild aus, wenn es eine weniger sensible Person betrifft? Gibt es Statistiken? Da sich dieses Buch an Hochsensible richtet, wäre eine klarere Abtrennung durchaus angebracht gewesen.

Für wen ist das Buch?

Lesern, die mehr darüber erfahren wollen, ob sie hochsensibel sind, oder sich kurzweilig über das Thema informieren wollen, ist das Buch weniger zu empfehlen. Zwar enthält es einen knappen Test zur Selbsteinschätzung, aber es ist für Leser interessant, die das Thema vertiefen möchten. Denn vordergründig beschäftigt sich „Der sensible Mensch“ mit den Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen, die im Zusammenhang mit der Hochsensibilität stehen, und ist dabei informativ und aufschlussreich. Es ist daher allen „Fortgeschrittenen“ in der Thematik zu nahezulegen, ebenso Fachkräften, die arbeitsbedingt mit Hochsensiblen zu tun haben.

Fazit: „Der sensible Mensch“ beschäftigt sich mit der dunklen Seite der Hochsensibilität und setzt einen interessanten und lesenswerten Kontrapunkt zu Büchern wie „Zartbesaitet“.

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Der sensible Mensch

Der sensible Mensch

Leben zwischen Begabung und Verletzlichkeit

Autor:
Pfeifer, Samuel
Art:
Gebunden, 320 S.
Preis:
19,95 EUR

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Kommentare

Von Maria E. am .

Von Gast am 07.09.2012, 6:26 Uhr.
Der Griff zur Bibel (besonders die Apostelgeschichte), und das Wirken des Heiligen Geistes, kann große Wunder bewirken.
Wie kann "man" so einen Satz zu so einem Thema hinwerfen. Ich verfüge über die Gabe der Hochsensibilität, und bin sehr dankbar. über diese. Doch der Weg bis hierher war schwer, weil eben genau mit solchen Sätzen alles "eben mal so" abgetan wird. Dadurch rutschen Menschen mit einer Hochsensibilität ja gerade erst in die Krise. Doch was für mehr

Von Gudrun am .

Lange, bevor ich 2009 von meiner eigenen Hochsensibilität erfuhr, schenkte mir eine Glaubensschwester eine ältere Auflage dieses Buches. Ich konnte zunächst mit dem Titel überhaupt nichts anfangen. Zum Teil habe ich mich in diesem Buch wieder gefunden. Und ich habe mich mit diesem Thema auch nicht mehr weiter beschäftigt. Jetzt lese das Buch mit dem allgemeinen Wissen über Hochsensibilität mit anderen Augen und merke, dass ich jetzt besser etwas mit dem Inhalten anfangen kann. Dadurch erscheint mehr

Von Petra S am .

Ich werde dieses Buch lesen, da ich Hochsensibel bin und die negativen Seiten kennengelernt habe,von denen im Buch "Zart besaitet" leider nicht so viel zu lesen war. Ich hoffe der christliche Teil ist nicht allzu umfangreich, denn der interessiert mich nicht und so etwas gehört meiner Meinung nach nicht in so ein Buch!

Von Gast am .

Der Griff zur Bibel (besonders die Apostelgeschichte), und das Wirken des Heiligen Geistes, kann große Wunder bewirken.

Von ERF - Fan am .

Endlich einmal eine nüchterne Herangehensweise an das Thema, die den "Sensiblen" auch Arbeit an sich selbst abverlangt. Aus egoistischen Verhaltensmustern auszubrechen ist immer schwer. Leider bedient der christliche Buchmarkt in letzter Zeit immer mehr das menschliche Ego, anstatt die Christen zur TAT heruaszufordern. Wir brauchen Mitarbeiter, Zeugen Jesu, Missionare und Menschen, die sich durch den Hl. Geist verändern lassen!

Von Meta K. am .

Danke für diese Buchbeschreibung. Das Buch mag zwar einen "fachlichen" Hintergrund haben, wenn aber davon ausgegangen wird, das man diese schreckliche Dünnhäutigkeit, die einen so abrupt überfällt, einfach verlernen kann, dann fange ich als Betroffene nichts damit an. In den vielen Jahren verschiedenster körperlichen und seelischen Beschwerden habe ich endlich durch das Annehmen und spüren dieser Ängste und Beeinträchtigungen erreicht, das die Qualen besser zu ertragen sind. Wenn ich mir sagen mehr

Von UNERHÖRT am .

....zum Glück habe ich nicht den unbezwingbaren Drang, dieses Buch lesen zu müssen. Fast täglich kann man diesen abgedroschenen Satz hören, dass wir Deutschen viel jammern, und das auf hohem Niveau. Diese überstrapazierte Aussage ist bereits zu einer Frechheit mutiert. Wer darf sich denn noch Hochsensibilität leisten - ich habe immer auf die Feststellung, ich sei hochsensibel augenzwinkernd geantwortet, dass dies insbesondere bei eigenen Belangen der Fall sei. Es ist für mich mehr


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