Interview Lesezeit: ~ 7 min

Das geheime Verlangen

Christen und Pornografie - undenkbar. Doch die Realität sieht längst anders aus.

Pornos liegen im Trend: Der Softporno-Roman „Shades of Grey“ rangiert zurzeit auf Platz 1 der Bestsellerlisten von Spiegel und Amazon. „Shades of Grey“ wurde inklusive E-Books weltweit bereits 30 Millionen Mal verkauft.

Dazu passt, dass die Sexindustrie seit Jahren unaufhaltsam wächst. Schon 2006 betrug ihr Jahresumsatz online und offline mit Pay-TV, Hotlines, Nachtclubs, Zeitschriften und DVD-Verkäufen knapp 100 Milliarden US-Dollar. Das war mehr als bei Microsoft, Apple, Ebay, Google und Amazon zusammen. Man schätzt, dass jeden Tag 200 neue sexbezogene Websites online gehen. Der Jahresumsatz der Sexindustrie dürfte somit mittlerweile sogar noch höher liegen.

Geht dieser Trend an christlichen Gemeinden vorbei? Studien aus den USA und Experten aus dem deutschsprachigen Raum sprechen eine deutliche Sprache: Pornografie macht vor Kirchenmauern nicht Halt und ist in der christlichen Gemeinde angekommen. Was bedeutet diese Entwicklung für Christen? Wie können sie damit umgehen? ERF Online hat dazu Rolf Trauernicht, Leiter vom Weißes Kreuz e.V. befragt, eine Beratungsstelle für Seelsorge und Sexualethik in Ahnatal bei Kassel.

ERF Online: Herr Trauernicht, wie sieht die Situation in deutschen Gemeinden aus, was Pornographie betrifft?

Rolf Trauernicht: Wir haben Umfragen in Gemeinden, auf Jugendkongressen oder in christlichen Schulklassen durchgeführt. Wir gehen danach davon aus, dass es in unseren Gemeinden ca. bei einem Drittel der Männer und bei jeder zehnten Frau eine Abhängigkeit gibt. Bei Jugendlichen stellten wir fest, dass etwa 20 Prozent der etwa sechzehnjährigen Jungen massiv täglich Pornos schauen und viele von den anderen Sechzehnjährigen ebenfalls Pornos gesehen haben.

ERF Online: Woran liegt es, dass Pornokonsum in diesem Ausmaß auch bei Christen vorkommt?

Rolf Trauernicht, Leiter des Weißen Kreuzes. (Bild: privat)

Rolf Trauernicht: Wir sind alle Kinder unserer sexualisierten Gesellschaft, wir sind alle verführbar und haben Bedürfnisse. Hinzu kommt auch das mangelnde Problembewusstsein unserer Gesellschaft auf diesem Gebiet. In vielen Gemeinden wird das Thema Pornografie nicht thematisiert, weil viele Christen darüber oft nicht sprachfähig sind. Viele Eltern sind außerdem selbst betroffen und sprechen deswegen auch nicht mit ihren Kindern darüber.

ERF Online: Eine amerikanische Studie besagt, dass viele Gemeindeleiter Pornos schauen. Können Sie etwas über die deutsche Situation sagen?

Rolf Trauernicht: Wir haben bei Pastorentagungen Umfragen gemacht und festgestellt, dass ein großer Teil der Pastoren damit ein Problem hat. Das hängt damit zusammen, dass sie sehr häufig am Computer arbeiten und oft abends spät nach Hause kommen. Die Partnerin schläft, er schaut noch die E-Mails an und schon schweift er ab.

Das hat natürlich einen Gewissenskonflikt zur Folge. Man weiß, dass es geistlich nicht in Ordnung ist. Man fühlt sich als Heuchler und wird auch nicht mehr fähig, anderen zu helfen. Darum liegt hier eine spezielle Gefahr gerade für diese Personengruppe. Das ist nicht nur bei Pastoren der Fall, das kommt auch an Bibelschulen vor. Wir gehen dorthin und unsere Hilfe wird sehr in Anspruch genommen. Wir treffen auf viele, die sich als Betroffene melden.

ERF Online: Warum ist der Konsum von Pornos aus biblisch-christlicher Sicht ein Problem?

Rolf Trauernicht: Es reicht schon, Matthäus 5,28 zu zitieren: “Wer eine Frau nur lüstern ansieht um sie zu begehren, hat im Herzen bereits Ehebruch mit ihr begangen.” Allein wegen dieses Verses muss man sagen: Das kommt nicht in Frage. Und dazu kommen noch viele weitere Stellen in der Bibel, die vor Unzucht und Hurerei warnen.

ERF Online: Wann beginnt heutzutage das Schauen von Pornos?

Rolf Trauernicht: Häufig schon im Alter von sechs bis zehn Jahren, durchschnittliches Einstiegsalter ist elf Jahre. Das liegt besonders am Internet, da viele Kinder schon sehr früh Internetzugang haben. Es liegt auch daran, dass sie schon auf dem Schulhof übers Handy von anderen Kindern oder zuhause von älteren Geschwistern angeleitet werden. Oder sie finden pornografische Zeitschriften.

ERF Online: Welche Auswirkungen hat Pornografie auf die Menschen?

Rolf Trauernicht: Für die Kinder sind das ein Stück weit traumatische Erlebnisse, die eine verfrühte Sexualisierung zur Folge haben können. Es entsteht auch eine sexualisierte Sprache.

Jugendliche entwickeln auch oft falsche Schönheitsvorstellungen, da die Personen, die sie im Internet sehen, meist sehr schön sind. Sie haben dann Mühe, Partner zu finden, weil diese ihren Schönheitsidealen nicht entsprechen. Hinzu kommt, dass sich falsche Frauenbilder entwickeln. Im Internet haben die Frauen immer Lust und Zeit, im Leben ist das anders.

Sehr häufig endet der Pornokonsum in einer Selbstbefriedigungssucht, dies kann bis zu mehrere Stunden am Tag in Anspruch nehmen.

ERF Online: Was können Eltern tun?

Rolf Trauernicht: Eltern sollten nicht davon ausgehen, dass ihre Kinder keine Pornos schauen. Das tun alle Kinder, weil sie gar keine andere Wahl haben, da sie alle mit dem Internet aufwachsen. Eltern müssen daher die Zeit des Internetzugangs kontrollieren und begrenzen. Sie sollten möglichst nicht vor zehn Jahren einen Internetanschluss im Zimmer des Kindes zulassen und sie sollten mit ihren Kindern darüber reden, was sie schauen und ob in der Schule dieses Thema behandelt wird. Meistens jedoch ist es im Unterricht nirgends präsent, das ist eine enorme Lücke im Lehrplan.

ERF Online: Welche Auswirkungen hat Pornografie auf die Partnerschaft?

Rolf Trauernicht: Oft ist es der Mann, der sich Pornos anschaut. Es ist dann fast immer so, dass die Partnerin nicht mitmacht, sich entwertet vorkommt und sich nicht mehr attraktiv findet. Ihr Partner ist nämlich unzufrieden mit ihr, weil sie nicht an das heranreicht, was er im Internet sieht. Es gibt wissenschaftlich anerkannte Studien darüber, dass  Pornografie für die Sexualität und für die Beziehung schädlich ist. Das Sexangebot hat zur Folge, dass die Scheidungsrate steigt.

Die reale Sexualität wird zudem verachtet. Ich habe häufig mit Leuten zu tun, die sagen: „Ich habe überhaupt keine Lust, eine wirkliche Frau kennenzulernen, weil ich mir im Internet ständig neue anschauen und wechseln kann. Es ist für mich einfach unattraktiv, eine Beziehung einzugehen.“

Wenn man Studien sieht, fällt auf, dass die heute Sechzigjährigen mit 30 Jahren zu 60 Prozent verheiratet war. Heute sind es nur noch 15 Prozent. Dies hat auch damit zu tun, dass viele ihre Sexualität außerhalb einer Beziehung leben, zum Beispiel online.

ERF Online: Wie stellen Menschen fest, dass ihr Pornokonsum zu einem Problem wird?

Rolf Trauernicht ist 61 Jahre alt und verheiratet. Er ist Pastor, Heilpraktiker für Psychotherapie und Coach (IHK). Seit 2006 ist er der Leiter des Weißen Kreuzes, Ev. Fachverband des Diakonischen Werkes für Sexualethik und Seelsorge, Ahnatal bei Kassel. In den darin über 120 angeschlossenen Beratungsstellen werden Menschen in sexualethischen Fragen und Beziehungskrisen begleitet. Über viele Jahre hat er selber Menschen in Beziehungskrisen begleitet.

Rolf Trauernicht: Wenn es eine Sucht wird, merken sie, dass sie sehr viel Zeit dafür verwenden. Andere merken es erst, dass sie etwas tun müssen, wenn sie eine Freundin haben und die Freundin seine Probleme mit den Pornos mitbekommt und sich von ihm trennen will.

Dasselbe Problem stellt sich in der Ehe, wenn z.B. die Ehefrau davon erfährt und Eheprobleme die Folge sind. Sie kann ganz klar sagen, dass sie die Pornografie ablehnt, aber ihren Partner nicht ablehnt. Sie sollte versuchen, ihn zu überzeugen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wichtig ist, dass die Hilfe nicht der Partner selbst ist, sondern jemand anderes. Nicht selten ist es auch so, dass die Kinder etwas davon entdecken. Meistens muss irgendetwas passieren, damit jemand bereit ist, sich zu ändern.

ERF Online: Wie kann man von Pornos loskommen?

Rolf Trauernicht: Zunächst einmal muss man sagen: „Okay, ich habe hier ein Problem.“ Solange man das nicht einsieht, dann ist es wie bei jeder Sucht, da wird nicht viel passieren. Dann müssen die Betroffenen eine Entscheidung fällen, dass sie wirklich bereit sind, davon loszukommen. In persönlichen Gesprächen reicht mir kein Kopfnicken, sondern sie müssen das möglichst per E-Mail bestätigen. Dazu gehört auch, dass Maßnahmen getroffen werden, dass man z.B. einen Rechenschaftspartner hat oder eine Selbsthilfegruppe besucht.

Es ist nicht ganz leicht, von den Pornos wegzukommen, weil die Bilder sich häufig über Jahre eingeprägt haben. Sie sitzen tief und müssen ausgehungert werden. Es ist nicht selten, dass hinter dem Pornokonsum Probleme stecken. Probleme mit den Eltern, der Schule, mit dem Studium, mit dem Partner. Die wahren Sehnsüchte wollen gestillt werden, Pornografie ist dafür der falsche Weg.

ERF Online: Wie können Gemeinden mit diesem Problem umgehen?

Rolf Trauernicht: Ich finde es wichtig, dass man Pornographie in Vorträgen und Predigten anspricht, ohne sie ständig zum Thema zu machen. Es sollte Schulungen geben, in denen es darum geht, Medienkompetenz zu erarbeiten. Das gilt auch für Eltern, damit präventiv gehandelt werden kann. Wir bieten auch Broschüren zu diesem Themengebiet an, die in Gemeinden verteilt werden können.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch!


Weiterführende Links mit Informationen, Beratung und Broschüren:

www.weisses-kreuz.de

www.loveismore.de

www.nacktetatsachen.at

Die Bibel und die Sache mit dem Sex (Hintergrundartikel zum Thema Bibel und Sexualität)

Themenwoche Pornographie mit verschiedenen Beiträgen zum Thema (u.a. Interviews mit einer betroffenen Ehefrau und einer Frau, die selbt mit Pornographie zu kämpfen hatte).

ERF Online bietet in Kooperation mit dem Weißen Kreuz einen Online-Workshop an, der erste Schritte und Hilfen aus der Pornographie vorstellt: „Ausweg aus der Sexsucht“. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist jederzeit möglich.

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Kommentare

Von Rainer am .

Da liegen Sie auf einer Linie mit Alice Schwarzer. Pornographie sehe ich auch nicht als "Idealerotik", aber Sex ist nun einmal körperliche und nicht platonische Liebe. Ich glaube, dass hier ein einseitiges Bild erzeugt wird.

Von Emy am .

Man sollte Pornographie nicht verharmlosen. Sie kann ein falsches Frauenbild hervorrufen und Ehen zerstören. Harte pornografische Inhalte können zu Zerstörung und Missbrauch führen, da der Realitätsbezug ganz verloren gehen kann und die Betroffenen ihre Partner dazu bewegen ähnliches durchzuführen, obwohl diese es nicht möchten.

Von Rainer am .

Das Hohelied Salomos beschreibt laut meinen Theologen die freie Liebe und nicht ehelichen Sex oder das Verhältnis Gottes zu Israel, auch wenn mancher hier das gern so hätte. Ich erfreue mich an Gottes wohlgeformter Welt und gucke als Single gern sportlichen Frauen hinterher!

Von Martin am .

Hallo,
im Interview wird nicht ausgeschlossen, dass es auch Frauen gibt, die damit ein Problem haben.
Kein Thema, dass Gott uns die Sexualität geschenkt hat und das es in der Bibel nur so wimmelt von Liebesgeschichten. (Ich frag mich manchmal, wie das bei Salomo klappt mit den ganzen Nebenfrauen) Im Hohelied findeich da beispielsweise einen Vers (6,9: Aber eine ist meine Taube, meine Reine) der für mich das göttliche Design von Sexualität wiederspiegelt:
Sie ist für Mann und Frau (1) gemacht mehr

Von Rainer am .

Frage mal provokant: Wenn ein Ehepaar sich beim Sex filmen und das ins Netz stellen würde, wäre das dann auch Pornographie? Es geht doch hier um alles, was mit nackter Haut zu tun hat. Dann dürfte man sich auch nicht mehr ins Freibad oder an den Strand legen. Schade, dabei zeigt doch die Bibel gerade im Hohelied Salomos, wie herrlich sexuelle Fantasien sind. Außerdem gucken auch Frauen Pornos und lesen erotische Bücher, das weiß ich.


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