Buchvorstellung zum Thema "Work-Life-Balance"

Leben im Rhythmus

Ausgeglichen und in Balance zu leben ist ein Traum vieler Menschen. B. Miller entlarvt diesen Wunsch als unrealistisch und zeigt eine Alternative.

Bruce Miller ist aus eigener Erfahrung kein Fan von „Work-Life-Balance“ – Konzepten.  Im Gegenteil: Der amerikanische Pastor hält sie für eine der Ursachen unseres gestressten Lebensstils. Wer sein Leben in eine gesunde Balance zwischen Arbeit, Familie, Freizeit, Sport und Kirche bringen will, handelt seiner Meinung nach wie ein Jongleur, der zu viele Bälle auf einmal in der Luft hat. 

Stattdessen stellt der Autor in „Leben im Rhythmus. Lebensphasen erkennen und optimal ausschöpfen“ ein anderes Konzept vor. Miller geht davon aus, dass unser Leben eher in Wellen verläuft, denn in einer ausgeglichenen Balance. Stoßzeiten und Ruhephasen wechseln sich miteinander ab und verschiedene Lebensabschnitte verlangen unterschiedliche Prioritäten. Wichtig sei nun zu erkennen, in was für einer Phase oder Lebensabschnitt man sich befinde und sich entsprechend zu verhalten. Tun wir das nicht, handeln wir gegen unsere von Gott geschaffene Natur, verlangen zu viel von uns und brennen aus.  Um das zu vermeiden, gibt Miller dem Leser zwei Hilfen an die Hand: Die Kairos-Rhythmusstrategie und die Chronos-Rhythmusstrategie.

Kairos – unterschiedliche Phasen erfordern unterschiedliche Schwerpunkte.

Die Kairosstrategie besagt schlicht, dass es im Leben unterschiedliche Phasen gibt und dass es Unsinn ist, sich in allen gleich verhalten zu wollen: Eine junge Mutter verlangt zu viel von sich, wenn sie ihre Ehrenämter in der Gemeinde nicht zurückfährt und darauf besteht, genauso viel Sport wie ihre ledigen Freundinnen zu machen. Ein Geschäftsmann, der sich im Endspurt für ein wichtiges Projekt befindet, kann in dieser Zeit nicht so für seine Ehe und Familie da sein, wie in einer ruhigeren Phase. Punkt.

Es geht Miller darum, dass wir erkennen, was in der aktuellen Phase gerade wichtig ist und welche Dinge dafür eingeschränkt werden müssen. Nicht alle Bälle müssen also zur gleichen Zeit in der Luft gehalten werden: „Indem Sie sich von Erwartungen lösen, die nicht zu ihrem aktuellen Rhythmus passen, werden Sie Schuldgefühle zurückfahren. Indem Sie Gott vertrauen, dass er Sie genau in diese Phase und in dieses Stadium hineingesetzt hat, werden Sie zunehmend Frieden erleben.“

„Viele Kairos- Ereignisse liegen außerhalb unserer Macht. Wie werden wir reagieren, wenn sie eintreffen? Wir sollten sie nicht widerwillig hinnehmen, sondern sie begreifen und annehmen. Sich von den Erwartungen zu lösen und sich auf den Rhythmus einzulassen, bedeutet die Grenzen zu akzeptieren, die uns eine bestimmte Phase auferlegt. Wenn wir z.B. in einer Trauerzeit sind, ist es nicht dran, ein großes Projekt zu beginnen. Wenn Sie sich gerade von einer Verletzung erholen, treten Sie keiner Aerobic-Gruppe bei. Und wenn Sie im Urlaub sind, sollten Sie sich keine Arbeit vornehmen, sondern entspannen.“

Chronos – mit den natürlichen Kreisläufen leben lernen.

Anhand der Chronosstrategie fragt Miller, wie wir die größeren Zyklen erkennen, in denen unser Leben eingebettet ist. Der fünffache Familienvater ist überzeugt, dass Gott uns Jahres-, Fest- und Ruhezeiten, Monate, Wochen und Tage als Hilfe gegeben hat, um die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Er empfiehlt dem Leser zum Beispiel zu überlegen, welche Aufgaben regelmäßig anstehen und dann bewusst Zeit dafür einzuplanen. So kommen Weihnachten, die Steuererklärung  oder die Schulabschlussfeier der Kinder nicht jedes Jahr wieder neu überraschend und ungelegen. Auch in diesem Teil des Buches warnt Miller vor überhöhten Erwartungen: Ist es realistisch, jeden Tag eine volle Stunde Zeit mit Gott zu verbringen? Wäre es stattdessen nicht besser jeden Tag zehn Minuten, einmal in der Woche eine volle Stunde und einmal im Vierteljahr einen halben Tag mit ihm einzuplanen?

Im Zusammenhang mit der Chronosstrategie spricht Miller auch den Wechsel zwischen Arbeit und Ruhe an. Er hält es für falsch, ein möglichst gleichbleibendes Lebenstempo anzustreben: „Das Leben ist kein Marathon, sondern eine Aneinanderreihung von Sprints und Pausen. Wenn wir versuchen, eine gleichmäßige Geschwindigkeit einzuhalten, erhöhen wir den Stresslevel mehr und mehr. Der Mensch ist einfach nicht geschaffen, so zu leben.“

Übungen und Praxishilfen für den Alltag

Anschließend an die vorgestellten Strategien bietet der Autor Tabellen, anhand derer man die eigene Lebensplanung damit abgleichen und überlegen kann, was gerade dran ist oder wie regelmäßige Aufgaben in die Jahresplanung eingebunden werden können. Außerdem schließen die meisten Kapitel mit eine "Alltagsübung" ab. Diese geben Impulse, wie man das Gelesene praktisch umsetzen kann.

Schwächen des Buches

Millers strikte Trennung zwischen einem Leben im Rhythmus und einem in Balance wirkt an manchen Stellen etwas bemüht. Ein Leser, der sich nie intensiv mit Work-Life-Balance auseinandergesetzt hat, kann die Unterschiede nicht immer nachvollziehen. Das Buch ist nach Angaben des Autors ausdrücklich dafür geeignet, mit einer Gruppe durchgearbeitet zu werden. Die Fülle der Informationen und die geforderte Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben passen meiner Meinung nach jedoch besser zu einem Selbststudium - es sei denn, man fasst Kapitel zusammen und gibt die Impulsfragen quasi als "Hausaufgaben" bis zum nächsten Treffen mit. Typisch amerikanisch ist wohl auch, dass der Autor seine Erkenntnisse tendenziell als die alles verändernde neue Sichtweise darstellt.

Stärken des Buches

Trotzdem spricht Miller einen Schwachpunkt unserer Gesellschaft an: Wir wollen auch in Bezug auf unsere Lebensgestaltung immer alles und zu jeder Zeit möglich machen. Oder wir meinen zumindest, dass wir das müssten. Deswegen tut es gut, sich neu zu bewusst zu machen, dass uns Grenzen nicht einschränken, sondern den Blick auf das Wesentliche einer Phase frei machen. Zahlreiche Beispiel helfen, die etwas kompliziert formulierten Grundsätze des Buches zu begreifen und in den Alltag zu übertragen.

Fazit

Es lohnt sich, „Leben im Rhythmus“  zu lesen. Denn die rund 230 Seiten machen Lust darauf, einen Lebensstil wiederzufinden, der von Gottes Vorstellungen für uns und nicht vom westlichen Leistungsdenken geprägt ist. Darin liegt der große Gewinn von Millers Ausführungen: Sie laden dazu ein, unterschiedliche Zeiten neu als ein Geschenk zu begreifen, statt sie zu etwas herabzuwürdigen, das wir bis auf die letzte Minute perfekt durchorganisieren müssten.
 


Kommentare

Von Wolfgang am .

Wer sich ernsthaft fragt: "Ist es realistisch, jeden Tag eine volle Stunde Zeit mit Gott zu verbringen? Wäre es stattdessen nicht besser jeden Tag zehn Minuten, einmal in der Woche eine volle Stunde und einmal im Vierteljahr einen halben Tag mit ihm einzuplanen?" Der braucht wahrscheinlich die Kairos- und die Chronos-Rhythmusstrategie.
Wer Gott allerdings an die erste Stelle seines Lebens rückt und versucht seinen Tag mit ihm zu verbringen, der kommt auch ohne diesen okkulten und unbiblischen Unsinn aus.


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