Kommentar zu Samuel Kochs Buch "Zwei Leben"

Bewegungs- oder bedingungslos?

Was ich von Samuel Koch gelernt habe. Ein Kommentar von Bettina Schwehn.

Wie viele andere auch, war ich schockiert über den Unfall von Samuel Koch in der „Wetten dass“-Sendung vom 4. Dezember 2010. Was aber qualifiziert mich, nun einen Artikel über ihn zu schreiben? Was soll man über diesen jungen Menschen schreiben, was nicht bereits andere Medien aufgegriffen haben? Die Antwort auf diese beiden Fragen lautet: „Wahrscheinlich nichts“. Dennoch möchte ich einen Versuch wagen und darüber schreiben, was Samuel Koch mich gelehrt hat - wobei ich über ihn nur aus seinem Buch „Zwei Leben“ urteilen kann. Da er aber sehr offen und ehrlich von sich berichtet, glaube ich, ihn wenigstens ein bisschen zu kennen.

Samuel im Kreis seiner Familie: Christoph, Marion, Rebecca, Samuel, Jonathan und Elisabeth (von links) (Bild: Simone Fischer-Trefzer)

Bedingungslose Liebe
Wer ihn jedenfalls sehr gut kennt, sind seine Familie und Freunde. Es kommt nicht von ungefähr, dass Samuel einen großen Freundeskreis besitzt, denn schon immer spielten Beziehungen in seinem Leben eine große Rolle. Er war nicht nur beliebt wegen seiner Späße und seiner Energie, die er ausstrahlt, sondern vor allem wegen seiner netten und höflichen Art, mit der er Menschen begegnet. Dem jungen Mann ist niemand egal. Selbst unter Schmerzen und ans Bett gefesselt fragt er seine Besucher, Pfleger und Ärzte, wie es ihnen geht. Er zeigt echtes und offenes Interesse an seinen Mitmenschen.

Der Aufnahmeleiter des Films „Vier Tage im Mai“, bei dem der angehende Schauspieler mitgewirkt hat, schreibt im Buch: „Er war einfach voller Sympathie für jeden Menschen, egal, ob groß oder klein, dick oder dünn, bedeutend oder unbedeutend. Samuel hat da nie einen Unterschied gemacht.“

Ich will mir an Samuel ein Beispiel nehmen und mir wieder bewusst werden, dass ich nicht für mich und meine Wünsche hier auf dieser Welt bin. Wie viel mehr kann ich mit meinem Leben anfangen als nur die Befriedigung meiner Bedürfnisse! Gerade als Christ sollte ich danach streben, meinen Nächsten so zu lieben wie mich selbst. Und das möchte ich tun: Andere wieder in das Zentrum meiner Aufmerksamkeit stellen – und nicht mehr nur um mich selbst kreisen. Egal, ob mein Nächster jemand ist, für den ich zunächst nicht so viel Sympathie empfinde. Auch unabhängig davon, ob andere mir positiv oder negativ entgegentreten. Das ist bedingungslose Nächstenliebe. Danke, Samuel, für dein Zeugnis.

Mir ist außerdem bewusst geworden, wie abhängig wir eigentlich von anderen Menschen sind. Samuel spürt das nun ganz deutlich, wenn er auf Pfleger und Ärzte angewiesen ist und fast nichts ohne die Hilfe anderer tun kann. Aber auch ich merke: Wir sind quasi in Beziehungen hineingeboren. Schließlich kommen wir auch nicht von alleine auf die Welt. In unserer recht individualistischen Gesellschaft in Deutschland liegt ein hoher Stellenwert nicht mehr nur auf Familie und Freundschaften, sondern eben auch auf Karriere und Erfolg. In anderen Ländern, gerade südeuropäischen, habe ich dies anders erlebt. Samuel zeigt mir: Es ist sehr viel leichter, mit der Unterstützung anderer durchs Leben zu gehen, als mit ausgefahrenen Ellenbogen alleine.

Bedingungsloser Glaube
Soweit mir bekannt ist, wurde der Vergleich von Samuel Koch und Hiob bisher gar nicht oder nur wenig gezogen. Was mich ehrlich gesagt etwas wundert, denn ich sehe zwischen den beiden eine gewisse Parallelität. So wie Samuel, ein Sportler durch und durch, einen großen Teil seiner Bewegungsfähigkeit verlor, hat auch Hiob einen großen Teil seines Besitzes und seine Kinder verloren.

Doch anstatt bitter zu werden und die Existenz Gottes zu bezweifeln, bekennt Hiob: „… Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“ (Hiob 1,21) Egal, was passiert ist - Hiob nahm alles aus Gottes Hand, auch wenn er zunächst trauerte.

Samuel beim Sporteln
(Bild: adeo Verlag/Familie Koch)

Ob Samuel Koch das genauso sieht wie Hiob, weiß ich nicht genau. Ich weiß aber, dass es diese Zeiten gab, in denen der Leistungsturner haderte und die „Warum“-Frage stellte. Aber es gab von seiner Seite aus eine ehrliche Interaktion und Auseinandersetzung mit Gott. Anstatt bitter zu werden und an der Existenz und Güte Gottes zu zweifeln, bleibt er im Glauben. Auch in Zeiten größter Verzweiflung, Schmerzen und Hoffnungslosigkeit.

Samuels letzter Gedanke vor dem Sprung, bei dem er verunglückte, war ein Teil des 23. Psalms: „ … denn du bist bei mir …“ Mich beeindruckt, dass er bis heute diese Aussage nicht in Frage gestellt hat. Und dass er sogar an der Zusage festhalten kann, dass denen, die Gott lieben, alles zum Besten dient (Römer 8,28). Auch wenn er noch keine Antwort auf das „Warum?“ gefunden hat. Für den jungen Mann gehört der Glaube selbstverständlich dazu, ganz ungekünstelt und nicht aufgesetzt. Er glaubt eben an Gott, auch wenn seine Umstände nun alles andere als rosig aussehen.

Ich werde oft schon ungehalten, wenn ich nach einer zehnstündigen Reise den Anschlussflieger verpasse. Dann sitze ich schmollend noch eine weitere Stunde am Gate und ärgere mich solange über die verlorene Zeit, bis ich zuhause bin. Nein, dieses Beispiel ist nicht zu vergleichen mit dem, was Samuel Koch erlebt hat. Umso erschreckender ist es, dass ich bei einem solchen Erlebnis schon bitter werde. Zwar wird mein Glaube nicht dadurch angefochten, aber ich frage mich schon: „Warum, Gott? Ich bin so fertig, ich will nach Hause, warum lässt du mich dann hier noch weiter sitzen?“

Durch die Lektüre des Buches „Zwei Leben“ habe ich gemerkt: Warum glaube ich immer, dass nur das Schlechte von Gott kommt oder dass es eine Bestrafung von ihm sein könnte? Warum bin ich nicht einfach dankbar für das Gute und versuche, das Beste aus meiner Situation zu machen? Ich habe gelernt: Gott begleitet mich auf allen Wegen, ob die mir gerade passen oder nicht, ob sie eher zu den schönen oder den schlechten Erlebnissen zählen. Es ist egal, in welchen Umständen ich lebe. Ich werde das Warum nicht immer verstehen. Aber Gott ist da. Und ich glaube an ihn – ohne Bedingungen.

Bedingungslose Hoffnung
Samuel schaut zuversichtlich in seine Zukunft. Obwohl er nur wenige Fortschritte bei seiner Behandlung verzeichnen kann, gibt er trotzdem nicht auf. Anders als andere mit ähnlichen Verletzungen und ihren Folgen, hat er einen ungebändigten Willen, in seiner Therapie vorwärtszukommen.

Ein Graffitti für Samuel unter einer Brücke in Lörrach (Bild: adeo Verlag / Familie Koch)

In seinem Körper mag Samuel Koch nun begrenzt sein. In seinem Geist ist er aber noch immer ein freier Mensch. Frei, zu hoffen, leidenschaftlich zu sein und zu kämpfen. Die Spanne zwischen zufrieden sein und sich zufrieden geben ist nicht sehr groß. Ich bin beeindruckt davon, wie Samuel in diesem Zwiespalt lebt. Er hat zwar die stete Hoffnung, dass sich etwas an seinem Zustand ändert, er nimmt es aber auch an, wenn sich nichts ändert.

Samuel lehrt mich, nicht aufzugeben und an den Punkten dranzubleiben, wo ich in meinem Leben nicht zufrieden bin. Sei es mein Bestreben, anderen aufmerksamer zu begegnen oder mein Ziel, mehr Bibelwissen zu erlangen. Natürlich möchte ich dankbar sein, was Gott in meinem Leben bisher bewirkt hat. Aber dort möchte ich nicht stehenbleiben, sondern weiter wachsen und Gott um Veränderung bitten.

Hoffnung sollte immer bedingungslos sein. Wenn ich nur hoffen kann, wenn die Umstände tatsächlich gut aussehen, ist dies eine Hoffnung, die nicht trägt. Ich möchte demnächst daran denken, mich in scheinbar hoffnungslosen Situationen an Gott zu wenden und ihm zu vertrauen, dass er da ist und dass mir alles zum Besten dient.

Dank
Danke, Samuel, dass du mich gelehrt hast, was bedingungslose Liebe, Glaube und Hoffnung bedeuten. Wahrscheinlich hast du mich und andere noch viel mehr gelehrt. Auf jeden Fall hast du mich dazu ermutigt, wieder relevanter, authentischer und bewusster zu leben.

Für mich bist du nicht der arme Kerl, der im Fernsehen verunglückt ist und der bewegungslos im Rollstuhl sitzt. Für mich bist du derjenige, der bedingungslos lebt. Und der Menschen bewegt.


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Fasel, Christoph
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Kommentare

Von gabriela p am .

Lieber Samuel,
ich las heute einiges über dein Leben. Was du erlebt hast und vorallem wie du damit umgegangen bist und immer noch umgehst hat mich zutiefst beeindruckt. Ich stehe selbst vor einem Berg und verstehe manches nicht, aber genau heute hat mich dein Vertrauen auf dem Herrn mir neues Vertrauen und Kraft geschenkt. Danke, dass es Dich gibt. Gott segne Dich! Schalom Gabriela

Von Kornelia R am .

Hallo, Samuel ist nicht auf seine Körperbehinderung zu reduzieren. Ich glaube, genau dadurch gibt er der Welt Zeugnis. Ich wünsche ihm die Nähe Gottes, die Kraft und Liebe und seinen heiligen Geist.Ich wünsche mir, mit Samuel im Himmel Fußball zu spielen.

Von Sandra L am .

HAllo, obwohl es schrecklich ist, was passiert ist. Kommt es mir so vor, dass Gott verherrlicht wird, weil durch das ehrliche und authentische Zeugnis von Samuel viele Menschen von unserem liebenden Gott,Vater und Freund erfahren. Also, einfach danke dafür Samuel. Möge Gott Dich segnen.

Von Ludwig R am .

Ja, danke.
Auch ich kann bestätigen, Gott ist da. Egal wie die Umstände aussehen und wenn wir ihn in unserem Herzen haben, dann ist alles zum Guten. Der Glaube an ihn und die Hoffnung auf sein Handeln, können Wunder bewirken. So hat es Jesus gesagt.
Der Vergleich mit Hiob ist echt gut. Laßt uns für Samuel beten, daß durch seinen Glauben an Jesus, seine Bewegungen zurück kommen und Gott der Vater im Himmel dadurch verherlicht wird. s. Joh. 14, 13-14 und Hebr. 11,6 Es kann zu einem großen Zeugnis werden.
Allen einen guten Tag und Gottes Segen

Von Harry-Puschel am .

Ich bin Ihnen sehr dankbar für diesen schönen
Artikel.Weiter so.Bedenken sollten wir,Führe uns nicht in Versuchung.Überschreiten wir nicht öfters Grenzen die uns gesetzt sind?
Ein Fisch kann Schwimmen,ein Vogel kann Fliegen,aber wir wollen alles.


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