Gedicht

Lyrische Heimat

Christina Brudereck über Boote auf dem Mittelmeer und was sie 5 vor Zwölf macht.

Pressebild von Buchautorin Christina Brudereck (Foto: Thomas Joussen)
Buchautorin Christina Brudereck (Foto: Thomas Joussen)

Buchautorin Christina Brudereck und Musiker Benjamin Seipel sind das Piano- und Poesie-Duo „2Flügel". in ihrem Programm "Kopfkino" reden sie über Schönes und Schauriges, über Lustiges und manches gar-nicht-so-Lustiges, über Gott, Menschen und alles dazwischen. Zu unserem Schwerpunkttthema „Fremde Heimat" hat Christina Brudereck uns zwei Texte aus ihrem Programm zur Verfügung gestellt.

 

ES KOMMT EIN BOOT

aus dem Live-Programm & Album „Kopfkino“


Es kommt ein Boot.
Geladen. Überladen. Geflüchtet.
In Hoffnung auf Asyl, Menschlichkeit und Gnaden.
Ertrunken. Schande. Scham und Schaden. Gar nicht eingeladen.
Es kommt ein Boot und noch eins mehr.
Übers Mittelmeer. Hierher.
Wir gucken zu, wir gucken weg, wir gucken hin.
Wir Gaffen. Schlaffen. Starren. Lauen. Laschen. Faden.


Eine sagt: Wir schaffen das.
Und andere folgen.
Ich lerne jetzt Arabisch. Ich besuche. Ich begleite. Ich koche. Ich umarme.
Wir lernen uns kennen.
Eine betet. Ich danke für alle, die helfen.
Verwandle uns. Mach uns kreativ. Schenk uns Frieden.


Es kommt ein Boot. Vom Krieg bedroht.
Es kommt die Not. So nah. Der Tod.
Es kommt ein Boot und noch eins mehr.
Übers Mittelmeer. Hierher.
Geladen, überladen, gar nicht eingeladen.
Alle gleich geschaffen.
Einer sagt: Kommt. Kommt alle.
Kommt alle, die ihr beladen seid.
Ich will euch.


„Es kommt ein Schiff,
geladen bis an sein höchsten Bord.
Trägt Gottes Kind, voll Gnaden. Gottes ewges Wort.
Es kommt ein Schiff – es trägt ein teure Last.
Das Segel ist die Liebe, der Heilge Geist der Mast.
Der Anker haft’ auf Erden, da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Mensch uns werden.
Es ist zu uns gesandt.“

 

UM 23 UHR 55
aus dem Live-Programm & Album „Kopfkino“


23 Uhr 55 Deutschlandfunk
Ich habe so eine kleine Angewohnheit.
Nicht jeden Abend, aber fast, höre ich um 23 Uhr 55 Uhr Radio.
Da wird im Deutschlandfunk immer – immer! –
die deutsche Nationalhymne gespielt und dann die Europahymne.


Ich höre die so gerne.
Zuerst denke ich, ehrlich gesagt, immer an Fußball.
Dass wir Weltmeister sind.
An Berlin und dann immer auch schnell an Indien. Soweto und Sarajevo.


Und dann, bei der zweiten Hymne,
„Freude, schöner Götterfunke, Tochter...“ denke ich an Europa.
Ich denke an 70 Jahre Frieden. An Brüssel und an Paris.
Und dass da keine Erzfeinde wohnen.


Ich denke an den Kniefall von Warschau, diese Demutsgeste von Willy Brandt.
An Helmut Kohl und Frankreichs Präsident François Mitterrand,
die in Verdun standen, Hand in Hand, eine ganze Marseillaise lang.
An Johannes Rau, der 55 Jahre nach dem Holocaust in der Knesset sprechen durfte.


Ich denke an Europa als Geschichten der Versöhnung.
Geschichten, die Reisepässe in die Freiheit sind.


Und ich danke.
Ja, immer, wenn ich um 23 Uhr 55 diese beiden Melodien höre,
denke ich ganz glücklich: Danke!


Und ganz aufgewühlt, alarmiert denke ich:
Es ist fünf vor Zwölf!
Und dann bete ich, noch so eine kleine Angewohnheit von mir.
Mein Herz betet für dich, Europa.

© 2Flügel Verlag 2016
www.2Flügel.de


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