Buchauszug

Im Wartezimmer der Hoffnung

Autorin Corinna Kohröde-Warnken erzählt von Menschen mit chronischen Krankheiten.

Buchautorin und Bloggerin Corinna Kohröde-Warnken verbrachte aufgrund ihrer Krebserkrankung viel Zeit in Wartezimmern. In ihrem neusten Buch "Im Wartezimmer der Hoffnung" berichtet sie von ihren Begegnungen mit den unterschiedlichsten Patienten und zeigt, dass viele trotz körperlicher Einschränkungen gelernt haben, ihr Leben als Geschenk anzunehmen. Wie zum Beispiel Hannah, die seit vielen Jahren an Epilepsie leidet. Ihre Geschichte erzählt Corrina Kohröde-Warnken im folgenden Buchauszug, den wir mit freundlicher Genehmigung des 4-Türme-Verlags in gekürzter Fassung veröffentlichen.

In der Radiologie mit Hannah

Hannah treffe ich im Wartezimmer der Radiologie. Sie braucht ein MRT. Das ist neben einem EEG Teil der Diagnostik bei Epilepsie. Die brünette Frau mit dem frechen Kurzhaarschnitt ist 47 Jahre alt und hat die Diagnose einer fokalen Epilepsie vor über 25 Jahren erhalten. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter im Teenageralter.

Hannah ist eine Künstlerin im Wortsinn – eine selbstständige Schauspielerin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Inhaberin eines kleinen (Kinder-)Theaters in einer Großstadt. Regelmäßig tourt sie mit ihrer Truppe durch Deutschland und ist sehr erfolgreich mit ihren Stücken.

Sie hat keinen Schwerbehindertenausweis beantragt, kämpft aber neben dieser Krankheit mit diversen Allergien und mit Migräne. Seit mehreren Jahren ist Hannahs Krankheitsstatus stabil und sie lebt ohne Anfälle, weil sie medikamentös eingestellt wurde. Bei der Diagnosestellung war sie sehr jung und sie hatte Angst, in ein Heim zu müssen und als behindert zu gelten.

Trotz Krankheit nicht isoliert

Hannahs Situation als selbstständige Künstlerin ist wirtschaftlich einerseits eine Belastung, denn auch sie kann sich lange Krankheitsphasen nicht »leisten«, andererseits möchte sie die Unabhängigkeit und die große Freiheit, die sie dadurch hat, nicht missen.

»Wartezimmer sind mein zweites Zuhause«, lacht sie. »Ich brauche viel Schlaf«, beschreibt sie ihr Leben mit der Erkrankung. »Auch aus einer inneren Verpflichtung heraus, weil ich weiß, dass Schlafmangel, Stress und Unruhe Anfälle fördern können. Da achte ich genau darauf, dass ich ausreichend Schlaf bekomme. Ich habe sowieso Angst vor Kontrollverlust. Den erfahre ich bei Anfällen in einer sehr ausgeprägten Form. Die Krankheit ist für mich Verlust und Bereicherung zugleich. Früher bedeutete sie für mich allerdings mehr Einschränkungen. Dabei waren die Schwangerschaften eine echte ›Aufwertung‹ meines Lebens. Isoliert fühle ich mich nicht, aber im Kontakt mit meinen Kindern gibt es schon gewisse Einschränkungen und das macht mich dann wütend auf meine eigene ›Unzulänglichkeit‹ durch meine Erkrankung. Im Moment spüre ich eigentlich wenige Belastungen durch meine Krankheit. Ich habe zur Zeit nur noch Routineuntersuchungen, da die medikamentöse Einstellung gut greift. Ich weiß es nicht genau, aber ich denke, dass ich durch die Medikamente auch körperlich empfindlicher geworden bin. Ich muss regelmäßig essen, da ich sonst Magenprobleme bekomme. Gefühlsmäßig beschäftigt mich mein Anfallsleiden zum Teil erheblich – früher allerdings noch mehr als aktuell. Die Angst dominiert, aber auch Trauer, Depression und Resignation sind mir nicht unbekannt«, erzählt Hannah sehr ehrlich.

Eine Heldin mit Wunden

Ob diese Nebendiagnosen Teil der Erkrankung sind oder dadurch entstanden sind, ist sekundär. Viele chronisch Kranke haben zumindest in der Bewältigungsphase eine depressive Episode, was etwas anderes ist als eine manifeste Depression. Das gehört zu einem Trauer- beziehungsweise Bewältigungsprozess dazu. Meine Frage nach ihrer Krankheitsbewältigung beantwortet Hannah sehr eindeutig: »Die Liebe zu meinem Beruf ist eine wichtige Säule. Meine Kreativität als Schauspielerin und Regisseurin ist ein extrem positiver Aspekt und das tut mir gut, damit kann ich mir und anderen etwas beweisen. Wichtig war und ist mir ein gutes Behandlungsteam. Danach habe ich lange gesucht und es dann auch gefunden. Ich habe Verständnis für die oftmals überforderten Pflegekräfte. Sie sind so etwas wie ›Schwellenhüter‹, um die behandelnden Ärzte vor uns Patienten zu schützen.«

Die Unterstützung, die sie von ihrem sozialen Umfeld bekommen hat, beschreibt Hannah auch als sehr hilfreich. Ihre Kernfamilie geht mit großer Selbstverständlichkeit mit ihrer Erkrankung um, ebenso wie ihr großer Kollegen- und Freundeskreis. »Sie definieren mich nicht über meine Krankheit und so muss ich das erst recht nicht tun«, schmunzelt sie etwas selbstkritisch und spricht schnell weiter: »Das hilft mir im Umgang mit meinen Einschränkungen. Ich habe auch mehrere enge Freundinnen, die mich über all die Jahre hinweg begleitet haben. Bei ihnen bin ich nicht immer ›Hannah mit der Epilepsie‹, sondern auch oft einfach nur Hannah. Das ist sehr wohltuend.“

Hannah sieht ihre Epilepsie als Aufgabe, das heißt, sie findet einen »Sinn« und damit Hoffnung in ihrem Leben mit einer chronischen Erkrankung.  „Aber,“ so ergänzt sie: „Die Krankheit bleibt ein wunder Punkt, eine Verletzung, über die ich stolpere, und sie ist ein persönliches Drama. Ich bin eine Heldin mit Wunden, aber ich verbinde damit eine Hoffnung – ich kann meine Lebenssituation bewältigen.«


Ein Interview mit Corinna Kohröde-Warnken über ihr neues Buch:

 


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