Filmrezension

„The Circle“

Dystopisch angehauchte Romanverfilmung mit Emma Watson und Tom Hanks.

Mae Holland (Emma Watson) hat es geschafft: Durch Ihre Cousine Annie (Karen Gillan) bekommt sie einen Job bei „The Circle“ – das ist der größte (fiktive) Internetkonzern mit einer bahnbrechenden Software bzw. Social-Media-Plattform. Hier braucht man nur noch eine einzige Internet-Identität und kann buchstäblich alles darüber abwickeln. Man stelle sich vor, Soziales Netzwerk, Videokanal, Bankkonto, Telefon und Foto-Sharing-App in einem – dazu Einkaufsmöglichkeiten, offizielle Behördengänge und selbstverständlich eine omnipräsente Kamera-Überwachung, die dazu beiträgt, dass die Kriminalität gegen Null tendiert. Schöne, neue, vernetzte Welt!

Mae ist überwältigt und stürzt sich kopfüber in dieses neue Lebensgefühl, denn zu den Annehmlichkeiten beim „Circle“ gehören neben den Loft-artigen Arbeitsplätzen auch Szene-und Edel-Restaurants, Parties mit Gratis Konzerten angesagter Künstler und sogar eigene Appartements. Auch eine umfassende Krankenversicherung gehört dazu – nicht nur für Mitarbeiter, sondern auch für Familienangehörige! Gut für Maes Vater, der an MS erkrankt ist.

Der rasante Aufstieg

In kurzer Zeit steigt Mae im Konzern auf und wird zur Vorzeigemitarbeiterin. Grund genug für den Firmenchef Eamon Bailey (Tom Hanks) Mae als Gallionsfigur für ein Life-Participation-Projekt zu installieren, bei dem sie eine Kamera trägt, die ihr gesamtes Leben live ins „Circle-Netz“ überträgt. Die Kamera ist lediglich für die Nacht und Toilettengänge kurzzeitig abgestellt. Das Projekt, aber auch Maes Einsatz für die Firma beeinflusst nicht nur ihr eigenes, sondern zunehmend auch das Leben ihrer Familie und ihre Freunde. Ihr Engagement für „The Circle“ wird zudem durch einen mysteriösen Kollegen infrage gestellt, dessen Identität sie nicht feststellen kann: Kalden Ty.

Musste George Orwell in seinem 1949 veröffentlichten Roman „1984“ noch die Gedankenpolizei erfinden, haben wir heute bereits den gläsernen Menschen – und das vollkommen freiwillig: Durch Facebook. Genau das ist das Prinzip des „Circle“. Der Mensch macht sich von allein und vollkommen freiwillig gläsern und wird dadurch mehr und mehr zum Opfer seiner eigenen begrenzten Sichtweise. Dass sich daraus Vorteile in puncto Kriminalitätsbekämpfung, Sicherheit und Forschung ergeben ist unbestritten. Das ist es auch, womit für „Post Privacy“ geworben wird. Die Kehrseite ist die schon von Orwell befürchtete, völlige Überwachung.

Sehr gute Be- und Umsetzung

Der Film selbst ist spannend, vor allem, wenn man das Buch nicht kennt. Fehlende Handlungsstränge und Personen werden den einen oder anderen Leser sicher stören, aber wer den Film als eigenständige Geschichte sieht, dürfte eigentlich nicht enttäuscht werden. Denn „The Circle“ ist eine gut gemachte, an den Roman angelehnte Verfilmung, die, wie schon gesagt, ihr Ziel erreicht. Nicht zuletzt durch die charismatische Besetzung:

Emma Watson ist als Protagonistin Mae Holland nicht nur Eye-Candy, sondern vor allem eine gute Wahl, was die Symbiose aus Unschuld und Berechnung angeht. Superstar Tom Hanks als Firmenleiter Eamon Bailey tritt vergleichsweise spät in Erscheinung, füllt jedoch seine Rolle – wie nicht anders zu erwarten – perfekt aus. Aufstrebende Jung- und Serienstars sind auch noch mit von der Partie, wie die aus Dr. Who und den beiden „Guardians of The Galaxy“-Filmen bekannte Karen Gillan und der Durchstarter der jüngsten Star-Wars Trilogie John Boyega.

Abweichung vom Roman

Im Roman wird ein wesentlich düstereres Bild gezeichnet. Mehr kann ich kaum sagen, ohne zu viel zu spoilern. Nur so viel: Der Roman ist eine Dystopie, der Film weicht davon am Schluss ab, auch wenn der Preis immer noch hoch ist! Auch an anderen Stellen gibt es filmische Veränderungen, die einerseits Kürzungen und filmischer Dramaturgie geschuldet sind, andererseits haben sie keinen Einfluss auf das Ergebnis, das der Film erzielen will:

Sensibilität für die digitalen Medien…

…die als Datenkrake immer mehr Informationen im Namen der Wissenschaft, der Aufklärung, der Forschung, etc. pp sammeln, weil „Privatsphäre nicht mehr zeitgemäß“ sei, aber so auch die Grundlage für überwachungsstaatliche Bestrebungen liefern, die in der Realität längst in Gang gekommen sind. Dass das gelingt, beweist der Gang ins Kino. Ich selbst habe seit Jahren keinen Facebook-Account mehr und auch mein Twitter-Account liegt seit einigen Wochen brach. Für mich war das alles eher lästig als informativ oder nützlich – und bei Twitter war es bisher eine Frage der Zeit, wann @McMandt schließlich der Vergangenheit angehören würde. Inzwischen – nach dem Film – ist es für mich eine Frage der Privatsphäre geworden. Ja, das muss jeder selbst wissen – aber die Folgen sollten wenigstens in Gänze bekannt sein. Der Roman und auch der Film liefern dazu Denkansätze; Der „CCC“ und die „Spackeria“ liefern die realen dazugehörigen Wortgefechte und Argumente.

Fazit

Wer das Buch nicht kennt, wird glänzend unterhalten und überlegt sich, wie er mit seinen Social-Media-Plattformen weiterhin umgehen wird.
Wer das Buch kennt, könnte enttäuscht sein, obwohl der Film sein Ziel erreicht, vor der dunklen Seite der Internet-Macht zu warnen.
Die Be- und Umsetzung lassen eigentlich nur einen Schluss zu: Ansehen!

 

Spaß   ✓✓✓✓
Action   ✓✓✓
Spannung   ✓✓✓✓✓
Gefühl   ✓✓✓✓
Anspruch   ✓✓✓✓✓
Note   1-

 

Trailer (FSK 6)

 

 

„The Circle“
Spielfilm, USA / Vereinigte Arabische Emirate, 2017
Regie:   James Ponsoldt
Verleih:   Universum Film (Disney)
Länge:   110 Min
Kinostart:   7. September 2017
Genre:   Thriller
Darsteller:    
Emma Watson Mae Holland
Tom Hanks Eamon Bailey
Karen Gillan Annie
John Boyega Kalden Ty
Bill Paxton Vinnie
Ellar Coltrane Mercer
Patton Oswalt Tom Stenton
    u.a.
FSK:   12
Unsere
Empfehlung:
 
Ab 9 Jahren – oder wann immer Ihre Kinder mit Facebook und co. anfangen!

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