Filmrezension

„Die göttliche Ordnung“

Pikante Komödie rund um die Einführung des Frauenwahlrechts in der Schweiz 1971.

Die 68er-Bewegung kennt man hier (noch) nicht: Im Jahr 1971 ist die Welt im Appenzeller Land noch „in Ordnung“. Die göttliche Ordnung lautet: „Das Weib schweige in der Gemeinde“ (1.Korinther 14,34) und daran halten sich alle. Nora auch, die als zweifache Mutter und Hausfrau zufrieden lebt und sich um ihre Familie samt dem griesgrämigen Schwiegervater kümmert. Doch als sie wieder arbeiten gehen will und ihr Mann etwas dagegen hat, beginnt in Nora ein Veränderungsprozess. Das Gesetz schreibt nämlich vor, dass ihr Mann seiner Frau eine Arbeitsstelle „genehmigen“ muss.

Außerdem verbietet eben dieses Gesetz den Frauen zu wählen. Auch ein fieser Zwischenfall mit Noras Nichte lässt sie umdenken. Nur weil die junge Dame einen Freund hat, der dazu noch mit einem Motorrad durch die Welt braust, wird sie von ihrem Vater ins Jugendgewahrsam für Schwererziehbare eingewiesen. Dazu später mehr. Nora beginnt aufzubegehren und organisiert einen Informationsabend für das Wahlrecht der Frauen – über das in einem „Volks“-Entscheid demnächst die Männer abstimmen sollen. Zwar wird der Abend eine Katastrophe, doch so holt Nora immer mehr Frauen auf ihre Seite – und bald ist ein Kampf entbrannt, der längst nicht mehr einzig ums Frauenwahlrecht geht, sondern um echte Gleichberechtigung. Durch diese aufgeladene Situation droht Nora bald ihr gesamtes Leben um die Ohren zu fliegen – mitsamt Ehemann und mürrischem Schwiegervater.

Trailer Schwizerdütsch

 

Spätes Recht für alle

Erst 1971 führte die Schweiz als eines der letzten Länder Europas das Wahlrecht für Frauen ein. Um diese Tatsache rankt sich diese Schweizerische Komödie, die mit dem Humor des 21. Jahrhunderts eine Zeitreise unternimmt. Der Film war in der Schweiz ein echter Straßenfeger und räumte einige Filmpreise ab, unter anderem den Publikumspreis des Tribeca-Filmfestivals. Vielleicht erzählt das etwas über die Schweiz, vielleicht erzählt das etwas über sturen Konservativismus, vielleicht über christliche Werte.

 

Nein, letztere beinhalten eigentlich schon seit Jesus Christus die Gleichberechtigung. Denn den verhängnisvollen Satz aus dem Korintherbrief hat Paulus verbrochen. „Das Weib schweige in der Gemeinde“ war für viele Machos und Chauvinisten die ultimative Rechtfertigung, ja Waffe, Frauen das Maul zu verbieten. Ich will hier keine theologische Diskussion anzetteln, aber dass der paulinische – nennen wir ihn – „Rat“ historisch zu sehen ist, darüber sollte Einigkeit herrschen.

 

Definitiv erzählt dieser Film jedenfalls von einer Entwicklung einer einzelnen Frau, stellvertretend für viele. Und es sind die kleinen Sachen, die hier wichtig sind. Der Schwiegervater, der die Zeitung liest und immerhin die Füße hebt, als Nora staubsaugt. Die „freundlichen“ Aufforderungen, den Männern als Schöpfungsgehilfin zu dienen, die  Kleidung, die Selbstverständlichkeit, mit der dies alles getan und ertragen wird. Heute undenkbar. Und eigentlich wollte Nora doch nur wieder arbeiten. Die Kinder brauchen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit und ihr alter Arbeitgeber würde sie gern wieder einstellen. Doch ihr Hans macht erst brav, später überdeutlich klar, dass ihm das zu weit geht: Das erste Argument, dass die Jungs ein ordentliches Essen daheim bekommen sollen, zieht nicht. Ständig fremde Männer um Nora, das sei ihm zu viel, doch schließlich spricht er das Machtwort und droht mit dem Gesetz. Er könne ihr ja noch ein Kind machen, dann sei ihr nicht mehr so langweilig. Das „Ehegesetz“ wurde im Übrigen erst 17 Jahre später, 1988 abgeschafft (in Deutschland „schon“ 1977).

„Ich habe einen Tiger zwischen meinen Beinen“

Dass der eigentlich sehr kleinschrittige Weg der Schweizer aus dem „Mittelalter“ in einem Film abgehandelt werden konnte, ist der Buchautorin und Regisseurin Petra Volpe zu verdanken. Sie schafft es, die Verhältnisse ihres Heimatlandes in den 70ern gut einzufangen und darstellen zu lassen. Dass auch sie nicht um die sexuelle Revolution herum kommt, erlebt man in einem Selbstfindungsseminar nach einer Demo, wo Nora ihre Vagina als „Tiger zwischen meinen Beinen“ entdeckt und lernt, dass sie noch nie einen Orgasmus hatte. Dem einen zu bieder, dem anderen schon zu freizügig, ist Volpes Lösung dieses Themas geradezu spielerisch gelungen. Niemand muss sich hier aufregen, denn zu wissen gibt es alles, zu sehen gibt es (fast) nichts – außer einem Plakat, auf dem „Tiger“ und Co schemenhaft dargestellt sind. In diesem Zusammenhang das Wort „keusch“ zu benutzen scheint widersinnig, ist aber die beste aller Lösungen für die Leinwand.

Hintergründig ist der Film aber auch noch in zwei anderen Bereichen: die schon angesprochene Praxis, „rebellische Kinder und Jugendliche“ in eine Strafanstalt zu stecken, war in der Schweiz ebenfalls bis in die 80er Jahre gang und gäbe. Ging es einem Vater (die Frauen hatten ja nichts zu sagen) über die Hutschnur, wurde der oder die Halbstarke schlicht weggesperrt. Zweitens wird (leider nicht allzu) deutlich, dass auch Männer mit ihrer vorherbestimmten Rolle Probleme haben konnten. Denn der Vater, der im Film seine Tochter „loswird“ ist mit seiner Situation als Erbe eines Hofs gnadenlos überfordert und sucht schon deshalb nach jedem Strohhalm, der ihm hilft, der Gesellschaft zu zeigen, dass er ein „richtiger Mann“ ist – was immer das bedeuten mag. Insofern hat das Aufbegehren der Frauen, zu ihrem Recht zu kommen ja auch den Männern Vorteile verschafft! 

Fazit

Ja, der Film hat ein Happy-End. Da sist beklannt und ist der Schweizer Geschichte zuzuschreiben. Dass in der Realität der Erfolg lange auf sich warten ließ, darf man getrost wissen: Der Kampf um das Frauenwahlrecht begann in der Schweiz bereits im 19. Jahrhundert. Trotzdem ist „Die göttliche Ordnung“ ein gutes Abbild dessen, was 1971 passiert sein muss. Vielleicht taugt der Film nicht als historisches Material, aber gewiss als Denkanstoß für heutige Betonköpfe und ewig Gestrige. 

 

Spaß   ✓✓✓
Action   ✓✓
Spannung   ✓✓
Gefühl   ✓✓✓
Anspruch   ✓✓✓
Note   2-

 

Trailer Hochdeutsch

 

 

„Die göttliche Ordnung“
Spielfilm, Schweiz, 2017
Regie:   Petra Volpe
Verleih:   Alamode (Filmagentinnen)
Länge:   96 Min
Kinostart:   3. August 2017
Genre:   Komödie
Darsteller
(alphabetisch):












 
 

Therese Affolter,
Elias Arens,
Rachel Braunschweig,
Sibylle Brunner,
Peter Freiburghaus,
Sofia Helin,
Noe Krejcí,
Marie Leuenberger,
Nicholas Ofczarek,
Ella Rumpf,
Max Simonischek,
Bettina Stucky,
Finn Sutter,
Marta Zoffoli,
u.a.

FSK:   6
Unsere
Empfehlung:
 
ab 15