Eine Filmrezension

Frauen, Jazz und Heroin

Die Geschichte des weißen Blues-Trompeters Chet Baker.

Sex, Drugs und … Jazz! Das ist die Geschichte des weißen Blues-Trompeters Chet Baker, der als „King of Cool“ oder „James Dean des Jazz“ in die Geschichte einging. Sex, Drugs und … Jazz! Wer an der Nadel hängt, hat Erfolg – und fühlt sich gut. Nach eigenen Angaben hatte Baker nur eine Erklärung für seine Sucht: „It makes me happy.“ – Es macht mich glücklich. Dass das eine Lüge in die eigene Tasche war, zeigt auch das melancholisch-dramatische Porträt, das am 8. Juni 2017 unter dem Titel „Born To Be Blue“ ins Kino kommt. Ethan Hawke spielt die Hauptrolle.

1966 ist Baker ganz unten. Seine Sucht laugt ihn aus, Dealer schlagen ihm die Zähne aus und seine Karriere als Trompeter scheint am Ende. Mühsam und wegen seiner Drogensucht ohne Schmerzmittel muss er mit einer Zahnprothese das Trompete-Spielen neu erlernen. Jeder Ton schmerzt – nicht nur ihn, sondern auch den Zuschauer. Und beide Parteien sind froh, dass Jane da ist. Jane (Carmen Ejogo) ist der Lichtblick in Bakers verkorkstem Leben. Sie hat in einem Filmprojekt (das wegen der fehlenden Zähne gerade gecancelled wurde) Chets Ehefrau gespielt und zwischen den beiden hat sich eine zarte Liebe angebahnt. Sie ist sein Stoppschild, weshalb er die Finger von den Drogen lässt und sich wieder nach oben kämpft. Sie ist es, die als Einzige an ein Comeback glaubt. Sie liebt diesen Mann. Dank ihr gibt sein alter Produzent Dick Bock (Callum Keith Rennie) dem Junkie noch eine Chance. Und obwohl Baker sich immer im Schatten von Miles Davis glaubte, mit seinem ersten Konzert darf er sich vor dem Meister, der „Miles Ahead“ war, beweisen.

Legendenbildung, statt Tatsachen

Auch wenn der Film eher Legenden preist, als sich ausschließlich an belegte Fakten zu halten, ist es doch ein Erlebnis, „Born To Be Blue“ zu sehen. Natürlich lebt der Film auch von der Jazz-Musik. Echten Fans von Chet Baker wird der Film vermutlich aber Widerstreben, weil keine Originalaufnahmen verwendet worden sind. Dem Laien – also mir – verdirbt das den Spaß allerdings nicht.

Die tragische Musik-Liebes-Drogen-Geschichte wird von Ethan Hawke als herunter gekommener Musiker wunderbar getragen. Er macht sogar eine gute Figur an der Trompete, auch wenn er sie nicht selber spielt. Immerhin singt er die Passagen selbst. Der Texaner beweist wieder einmal, dass sein Charakter-Spiel echte Qualität hat. Auch die Darstellerin der Jane, Carmen Ejogo („Selma”) hat ein Lob verdient! Ihre Nuancen zwischen freudig, genervt, angespannt, betrügt und todtraurig müssen besondere Erwähnung finden.

An Drogenverherrlichung vorbeigeschrammt

Nein, der Film ist insgesamt nicht Oscarreif, er ist eher ein weichgezeichnetes Bio-Pic mit sehr freier Erzählweise, in der Baker zur tragischen Figur seines eigenen Lebens stilisiert wird. Dass dabei eine Lobeshymne auf die Droge Heroin gesungen wird, ist nur die halbe Wahrheit. Der Rausch als kreatives Mittel für die Perfektion wäre eine finstere Message, die der Film weitergeben würde, wäre da nicht der Zerbruch zu spüren, auf den Baker unaufhaltsam zusteuert. Ja, er ist gut am Instrument, doch der Preis, den er zahlt, ist hoch. Auch wenn dies nicht die wahre Geschichte des Chet Baker ist, reißt die Story mit. Es sind die kleinen, klischeebehafteten und dennoch nahe gehenden Momente, in denen der Film sich ganz nah an das Herz des Zuschauers schmiegt und ihm die volle Ladung Blues gibt: Baker spielt bei seinem Comeback den Song: „I've Never Been in Love Before“ – eines der wunderbarsten, sanftesten Liebeslieder überhaupt. Als seine Freundin Jane dazukommt und den Zeilen lauscht, ahnt sie – und auch der Zuschauer im Kinosaal – dass diese Zeilen mehrdeutig gemeint sind: Baker preist dort auf der Bühne nicht Jane, sondern entweder die Musik, die Droge oder beides gemeinsam. Dieser zerstörerischer Cocktail aus Leidenschaft, Musik und Rausch wirkt, weil Hawke und Ejogo ein wunderbares Paar abgeben, das auf der Leinwand harmoniert. 

Der Film ist nicht nur etwas für Jazz-Fans – man sollte der Musik aber zugeneigt sein, wenn man den Film sieht. Einer überflüssigen Sexszene darf man ruhig gegenüber abgeneigt sein, denn ansonsten ist der Film tatsächlich zu empfehlen – wie gesagt, nicht als Bio-Pic, sondern als unterhaltsames Musik-Drogen-Liebes-Drama. Da die blutige Prügelei am Anfang nichts für ein jüngeres Publikum ist, empfehle ich den ab 12 freigegebenen Film erst ab 15 Jahren.

 

Spaß   ✓✓✓
Action  
Spannung   ✓✓✓
Gefühl   ✓✓✓✓✓
Musik   ✓✓✓✓✓
Note   2+

 

Trailer des Films – FSK 12

 
„Born to Be Blue“
Spielfilm, Kanada/GB 2015
Regie:   Robert Budreau
Verleih:   Alamode (Filmagentinnen)
Länge:   98 Min
Kinostart:   8. Juni 2017
Genre:   Drama, Biographie, Musik
Darsteller:    
Ethan Hawke Chet Baker
Carmen Ejogo Jane / Elaine
Callum Keith Rennie Dick Bock
Tony Nappo Officer Reid
Stephen McHattie Chesney Baker Sr.
Janet-Laine Green Vera Baker
Dan Lett Danny Friedman
Kedar Brown Miles Davis
    u.a.
FSK:   12
Unsere
Empfehlung:
  ab 15

 

 

Chet Baker, geb. 23.12.1929 in Yale, Oklahoma, USA. Der Vater war Profi-Gitarrist, die Mutter Pianistin. Die Familie musste sich jedoch nach der „Großen Depression“ mit Farmarbeit über Wasser halten. Chet spielte schon früh Posaune, später Trompete und sang im Kirchenchor. Nach dem Militär, Anfang der 50er Jahre  begann er seine Profikarriere in LA, spielte Für Charlie Parker, später wesentlich erfolgreicher als Teil des Gerry Mulligan Quartett. Mit seinem Chet Baker Quartett produzierte er mehrere erfolgreiche Alben. Von Lesern zweier Musikmagazine wurde Baker mehrfach noch vor Miles Davis (!) zum Besten Trompeter gewählt.

Schon in den 50ern wurde Baker heroinsüchtig. Dauerhaft clean wurde er nie wieder. Mehrfach musste er deswegen ins Gefängnis.

Trotz des Verlusts seiner Zähne, was eine Prothese notwendig machte, schaffte Baker mithilfe von Dizzy Gillespie Ende der 60er Jahre ein erfolgreiches Comeback. 1978 zog er nach Europa, wo er, durch Drogen beflügelt, äußerst produktiv war. In den USA geriet er in Vergessenheit. Baker starb am 13. Mai 1988 in Amsterdam. Noch kurz vor seinem Tod zeichnete er mit der NDR Bigband und dem Rundfunkorchester Hannover das „Last Great Concert“ auf.

 

 

Lyrics – I've never been in love before

I've never been in love before
now all at once it's you
it's you forever more

I've never been in love before
I thought my heart was safe
I thought I knew the score

But this is wine
It's all too strange and strong
I'm full of foolish song
And out my song must pour

So please forgive this helpless haze I'm in
I've really never been

in love before

But this is wine
It's all too strange and strong
I'm full of foolish song
And out my song must pour

So please forgive this helpless haze I'm in
I've really never been
in love before


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