Bericht

Noch was los im „LutherLand“?

Fotografien aus der „Welt des Glaubens“.

Kirchenaustritte, fortschreitende Säkularisierung, verlassene Gotteshäuser – im Reformationsjubiläumsjahr scheint es um Luthers Erbe in Deutschland nicht allzu gut bestellt zu sein. Doch wo sind sie zu finden, die Christen, die ihren Glauben noch im 21. Jahrhundert leben? Wissen wollte das der Fotograf Jörg Gläscher. Als bekennender Atheist hat er sich auf die Suche gemacht. Entstanden ist dabei ein ungewöhnlicher Fotoband: „LutherLand“. Regina König hat den Fotografen in Dresden getroffen.

Bild: Jörg Gläscher

Recht einsam scheint er auf seinem Sockel zu stehen: Martin Luther in altrosa, am Rand eines Wittenberger Campingplatzes schaut er auf die Elbe. Von hinten hat sich ihm Fotograf Jörg Gläscher mit seiner Kamera genähert, er sieht dem Reformator über die Schulter. Und guckt mit ihm ins weite „LutherLand“, das ihn bei genauer Betrachtung doch nicht so einsam auf dem Sockel zurücklässt. „Der Auslöser war meine fotografische Teilnahme an den Pegida-Demonstrationen, wo ja immer das ´christliche Abendland´ berufen wurde, man müsse es retten; und da ich mein eigenes Verhältnis zum Glauben untersuchen wollte und wusste, dass das Lutherjahr am Horizont auftauchen wird, dachte ich mir: Das schaue ich mir mal genauer an.“

„Wir sind es nicht mehr gewohnt, dass Menschen miteinander beten“

Fotograf Jörg Gläscher (Foto: Andreas Herzau)

Etwa 40 Orte hat Jörg Gläscher aufgesucht und ist dabei quer durch die evangelische Gemeindelandschaft gereist: Landesbischöfin Ilse Junkermann beobachtet er während der Christvesper unter dem hohen Gewölbe des stolzen Magdeburger Doms, versunken in Andacht. Laut und bunt geht es zu beim Jugendkongress „Christival“ in Karlsruhe, innig in der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde in Leipzig: ein junger Mann breitet beim Gebet die Arme aus und schließt die Augen. Christen beobachten beim Beten – ist das nicht befremdlich? „Ganz und gar nicht,“ findet Jörg Gläscher, „gelebter Glaube ist nicht befremdlich, aber wir sind es schlichtweg nicht mehr gewohnt, dass Leute einen Schritt zur Seite gehen und miteinander beten.“

Im Fokus: Das Glaubenseinmaleins im Alltag

Der Fotoband „LutherLand“ von Jörg Gläscher wurde von der Verlagsanstalt Leipzig publiziert und kostet 25 Euro. Den Fotoband beim Verlag bestellen
Die dazugehörige Ausstellung kann noch bis zum 5. Juni im Deutschen Hygiene-Museum Dresden besucht werden. Mehr Informationen zur Austellung

Auch auf Luthers Spuren war der Fotograf unterwegs, etwa in Eisenach, Torgau oder Wittenberg. Doch im Fokus seines Objektivs steht das Glaubenseinmaleins im Alltag: Chorprobe in der Kirchgemeinde auf Stühlen aus DDR-Zeiten; Gottesdienst im Pflegeheim, ein Rollator schiebt sich ins Bild; Besuch einer alten Dame: der Pfarrer hört zu, während der Kuchen auf dem fein gedeckten Kaffeetisch wartet.

Wenig Spektakuläres bieten Gläschers Fotos – und berühren genau deshalb,. Der Glaube wird hier nahbar, die Kirche menschlich. Am Ende seiner Fotoreise ist der Atheist Jörg Gläscher selbst überrascht über die Christen: „Ihr Verein strahlt weit über sich selbst hinaus“, sagt er. „Wenn ich mich mit den Leuten unterhalte und sehe, wie selbstverständlich und offenherzig sie mit der Flüchtlingskrise umgehen, wie sie gemeinschaftlich miteinander arbeiten, Fürsorge leisten für die Alten und Pflege für die Jungen, das finde ich aufopferungsvoll. Es ist immer noch ´ne Menge los in LutherLand!“

 

Und Jörg Gläscher lässt seine Fotos weiter erzählen: Von der mobilen Kirche am Strand von St. Peter Ording, von der zerlesenen Bibel in der Hamburger Kirchenbank, von der Taufe in der Elbe. Und macht damit neugierig, dieses „LutherLand“ selbst zu entdecken.                                                                                          


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