Eine Rezension

„Silence“

Religiös gefärbte Literaturverfilmung und „Remake“ von Starregisseur Martin Scorsese

Radiobeitrag zu „Silence“

Im 17. Jahrhundert reisen die beiden Jesuitenpriester Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garpe (Adam Driver) nach Japan, um ihren verschollenen Mentor Christovão Ferreira (Liam Neeson) zu finden.

Anscheinend hat er sich vom Glauben losgesagt. Die beiden Priester werden von den dörflichen Christen als Segen empfunden, auch wenn ihre Anwesenheit Gefahr bedeutet. Denn in den Dörfern rund um die Stadt Nagasaki herrschen lokale Feudalherren, die die fremde Religion unter keinen Umständen dulden und sehr drastische Maßnahmen gegen Christen ergreifen: Sie werden

  • lebendig auf einem Scheiterhaufen verbrannt,
  • gefesselt ins Meer gestoßen,
  • enthauptet,
  • an Kreuze gebunden und der steigenden Flut ausgesetzt,
  • geschlagen und / oder
  • kopfüber in eine Grube gehängt, während an einer kleinen Wunde hinter dem Ohr das Blut aus dem Körper tropft, und sie schließlich ausbluten.

Die Christen können sich „befreien“ wenn sie auf ein kleines Bildnis von Jesus oder Marias treten und somit ihrem Glauben abschwören. Die Priester müssen mitansehen, wie die, die dies verweigern, hingerichtet werden. Als schließlich Rodrigues gefangen wird, soll auch er dem Glauben abschwören. Jedoch wird nicht er gefoltert und getötet, sondern andere Dorfbewohner seinetwegen, weil er es eben nicht tut. Rodrigues ist nun dem Dilemma ausgesetzt: Lässt er die Menschen weiter leiden oder verrät er seinen Glauben, um ihnen Folter, Qual und Tod zu ersparen?

Die Theodizee-Frage

Ist es theologisch legitim, seinen Glauben zu verleugnen, um Menschen zu retten? Und wie oft kann einem dies vergeben werden? Diese Frage stellt der Film – verbunden mit der Theodizee-Frage: „Wie kann Gott zu dieser Grausamkeit schweigen?“, auf die auch der Titel verweist.

Das neue, sehr religiös gefärbte Drama „Silence“ von Starregisseur Martin Scorsese startet bei uns am 2. März. Der Film behandelt ein interessantes Thema, ist aber nichts für schwache Nerven! In den USA wurde er „R-Rated“ eingestuft, das entspricht in etwa unserer FSK 18. Leider wurde der Film ab 12 freigegeben, was ich für skandalös und unverantwortlich halte. [Ich hoffe jedenfalls, dass Eltern ihren Kindern keine Enthauptungen oder Foltermethoden zumuten (möchten).]

Denn es ist ein ernster, düsterer, brutaler, unerbittlicher Film, der nicht gerade nach einem netten Kinoabend schreit. 161 Minuten lang geht es um Folter und Mord – um des Glaubens willen – was auch deutlich dargestellt wird. Die Gewalt wirkt dabei, ohne, wie heute üblich, alles Brutale zu feiern und auszukosten, beinahe normal. Das nimmt ihr zwar nicht den Schrecken, raubt aber dem Martyrium die Bedeutung. Angesichts des Missbrauchs dieses Begriffs angesichts des heutigen Terrors radikalislamischer Moslems ist das durchaus verständlich. Dennoch verlässt der Film spätestens hier fromme Pfade und verkehrt christliche Aussagen ins Gegenteil. Denn letztlich geht es hier nicht um den Märtyrertod, sondern darum, ihn zu vermeiden.

Romanvorlage stammt aus dem Universum von Joseph Conrad

Der Roman „Schweigen“ wurde 1966 von Endō Shūsaku veröffentlicht und bereits 1971 von Masahiro Shinoda unter dem Titel Chinmoku verfilmt. „Schweigen“ hat anscheinend den Roman „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad zum Vorbild, auf den sich auch die Spielfilme „Aguirre, der Zorn Gottes“ (Werner Herzog) und „Apocalypse Now“ (Francis Ford Coppola) sowie zumindest Teile der Computerspiele Far Cry 2, Red Dead Redemption und Spec Ops: The Line beziehen.

Martin Scorsese bekam den Roman angeblich von einem Priester geschenkt und wollte ihn eigentlich schon in den 1980er Jahren verfilmen. Scorsese selbst stammt aus einer katholischen Familie; seine religiösen Überzeugungen gehen allerdings nicht über einen überlieferten Volksglauben hinaus. Jedoch scheint Scorsese mit den Überzeugungen des Romans, den er verfilmt, übereinzustimmen: Man kann (laut Buch / Film) seinen Glauben durchaus verleugnen, ihn aber im Geheimen weiterpraktizieren. Die Shogune sind im Film auch mit einem geheuchelten „Glaubensabfall“ zufrieden, solange praktizierter Glaube nicht mehr zutagetritt.

Zeitgeistliche Interpretation

Roman und Film tun sich leicht, aus der Distanz von 350 Jahren das Dilemma etwas weichzuzeichnen. Und es fällt einem nichtgläubigen Regisseur sicherlich ebenso leicht. Die historischen Tatsachen belegen, dass die japanischen Christen dem Glauben nicht abschworen, weil ihre Hoffnung eine andere war, als „nur“ ihr Leben zu retten. Ihre Perspektive ging über den Tod hinaus, so, wie es die Bibel erklärt. Und, ja, die Bibel ist hier wesentlich radikaler. Von den ersten Christen in der Bibel wird bezeugt, dass sie lieber für ihren Glauben gestorben sind, statt sich und ihr Leben zu retten – und das hätte sicherlich auch gegolten, wenn es andere Mitglaubende getroffen hätte – den Mord begehen schließlich Andere! 
Jesus selbst hat dazu mehrere Aussagen gemacht, die nicht nur eindeutig, sondern auch ziemlich drastisch sind: „Denn wer sein Leben behalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's behalten.“ (Mk 8,35, Joh 12,25, Mt 10,39Mt 16,25Lk 9,24) Es geht nie um das Leben auf der Erde, sondern darum, ob die Seele gerettet wird. (Mt 5,29, Mt 5,30, Mt 18,8, Mt 18,9, Mk 9,43, Mk 9,45, Mk 9,47).

Das geheuchelte Abschwören klingt demnach wie ein Zeitgeist, der den Körper, die Gesundheit und die eigene, irdische Existenz als Nonplusultra ansieht. Noch einmal die Bibel: „Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“ (Röm 10,9) Es geht auch und vor allem um das öffentliche Bekenntnis – von öffentlichem Abschwören und heimlichem Glauben hält die Bibel, hielt Jesus, nichts.

Ein Dilemma, das wohl nur Christen verstehen

Auch die Tatasache, dass es hier um andere Menschen geht, die gefoltert werden, macht die Sache wenig anders. Denn die Folterer (und auch der Film) bürden dem Priester die Verantwortung für die Menschenleben auf. Die Folterer sind es, die den Schwarzen Peter dem Gläubigen zuschieben, der nicht abschwört. Als wäre der Glaube die Folter und das Böse, das ausgemerzt werden müsse. Doch ist es ja nicht der Gläubige, der foltert und mordet. Um einen gläubigen Mann in die Knie zu zwingen, wird Gutes in Böses verkehrt und die Wahrheit zurechtgebogen, wozu die Bibel übrigens auch nicht schweigt:
Vgl. Jesaja 5, ab Vers 20!

Ich möchte und muss hinzufügen, dass ich nicht wüsste, was ich täte, wenn es beispielweise um meine Familie ginge. Es ist und bleibt ein Dilemma, dem ausgesetzt zu sein niemand verdient hat. Aber auch diese Gräuel wäre den Folterern anzulasten!

Es ist der Zeitgeist, der hier regiert, wenn sich Rodrigues als Erzähler fragt: „Angenommen, Gott existiert nicht…“ Es ist der Roman eines Zweiflers, eines Mannes, der vermutlich nie über eine gewisse Faszination des Glaubens hinausgekommen ist – und es ist ein Film eines Mannes, der mit dieser Position, mit dieser Meinung nur zu gern übereinstimmt. Demnach ist „Silence“ kein Film eines katholischen Christen oder gar ein christlicher Film. Es ist die Rechtfertigung der Glaubenslosigkeit und der treulosen Heuchelei.

„Silence“ macht aus dem Glaubensabfall einen Akt christlicher Nächstenliebe. So lässt der Film den abgefallenen Priester Ferreira erklären: „Jesus selbst wäre aus Nächstenliebe auch (vom Glauben) abgefallen“, um die Leidenden zu erlösen. („Christ would have apostatized for the sake of love“) Diese Aussage ist nicht nur eine Lüge – denn Jesus hat

  1. aus Nächstenliebe große Leiden und Schmerzen am Kreuz auf sich genommen, hat sogar gefleht, dies nicht tun zu müssen, seinen eigenen Willen aber unter den Willen Gottes gestellt;
  2. seinen Jüngern Leid wegen ihres Glaubens vorausgesagt (1.Petrus 4,12-14), es ist auch eine Verhöhnung derer, die sich im Laufe der Jahrhunderte für die biblische Botschaft einsetzten, aufopferten und sich eben nicht dazu hinreißen ließen, ihrem Glauben abzuschwören, von denen nicht Wenige umgebracht worden sind

Bei allem Tadel

Was der Film leisten kann und sollte: Jeder, der ihn sieht, kann sich mit anderen Menschen darüber austauschen, über den Glauben ins Gespräch kommen, Inhalte diskutieren – auch über Glaubens- und Religionsfreiheit zu reden. Wenn das passiert, ist viel getan. Und dann ist weder der Roman sinnlos geschrieben, noch der Film sinnlos gedreht worden.

Spaß   --
Action  
Spannung   ✓✓✓
Anspruch   ✓✓✓✓
Gewalt   ××××
Note   5-

Trailer "Silence" (FSK 12)

 

 

 

„Silence“
Spielfilm, USA, 2016
OT:   Silence
Genre:   Historiendrama
Regie:   Martin Scorsese
Verleih:   Concorde
Länge:   161 Min
Darsteller:    
Andrew Garfield Sebastião Rodrigues
Liam Neeson Cristóvão Ferreira
Adam Driver Francisco Garrpe
Ciarán Hinds Pater Valignano
Tadanobu Asano Dolmetscher
Yosuke Kubozuka Kichijiro
Issei Ogata Inquisitor Inoue
Shinya Tsukamoto Mokichi
    u.a.
FSK:   ab 12
Unsere
Empfehlung:
 
frühestens ab 18!

 


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