Buchrezension Lesezeit: ~ 4 min

Stefanies letzte 296 Tage

Das Buch „Gott, du kannst ein Arsch sein“ ist so ehrlich, dass es wehtut.

Mit 15 Jahren denkt man als junges Mädchen an vieles, nur an eines ganz sicher nicht – ans Sterben. Doch genau damit muss sich die 15-jährige Stefanie auseinandersetzen, denn sie leidet an einer schweren Form von Lungenkrebs. Die Ärzte geben ihr nur noch sechs bis zwölf Monate. Stefanie ist schockiert, doch sie beschließt, das Beste aus der ihr noch verbleibenden Zeit zu machen. Unter dem provokanten Titel „Gott, du kannst ein Arsch sein“ schreibt sie ihre Erfahrungen und Gefühle auf.

Das Leben lieben, aber sterben müssen

Frank Pape: Gott, du
kannst ein Arsch sein:
Stefanies letzte 296 Tage.
Heyne Verlag 2016, 144 S.,
ISBN: 978-3-453-60398-1
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Dieses Tagebuch hat Stefanies Seelsorger Frank Pape nach Stefanies Tod in Zusammenarbeit mit „Tour des Lebens“ in Buchform herausgebracht. Und nun – etwa ein Jahr nach der Veröffentlichung des Buches durch „Tour des Lebens“ – ist „Gott, du kannst ein Arsch sein“ im Mai in einer zweiten Fassung beim Heyne Verlag erschienen. Dass ein großer Verlag wie Heyne diese Geschichte aufgegriffen hat, verwundert nicht. Denn Stefanie schreibt mit sehr viel Mut und Lebensfreude über ihre Erkrankung.

Man spürt dem Buch ab: Hier spricht ein Mensch, der das Leben liebt, aber sterben muss. Sich damit als Leser auseinanderzusetzen, fällt an vielen Stellen schwer – besonders wenn man selbst schon Freunde oder Angehörige verloren hat. Wer sich auf Stefanies Geschichte einlässt, dem wird unmissverständlich klar: „Auch dein Leben wird einmal zu Ende sein – und du weißt nicht, wieviel Zeit dir bis dahin noch bleibt!“

Authentisch und echt, aber formal etwas holprig

Ich musste beim Lesen dieses Buches immer wieder Lesepausen einlegen. Oft habe ich das Buch für Wochen zur Seite gelegt und erst später wieder zur Hand genommen, weil mir Stefanies Geschichte so nah gegangen ist. An manchen Stellen habe ich herzlich gelacht, an anderen kamen wie von selbst die Tränen. Denn das Buch schildert das Wechselbad der Gefühle, die Stefanie durchlebt hat, so lebendig, als sei man selbst dabei. Man kann die Persönlichkeit Stefanies als Leser regelrecht greifen. Sie kommt einem so nahe wie ein guter Freund oder Bekannter.

Diese Lebendigkeit des Buches hilft auch darüber hinweg, dass die Sprache an einigen Stellen holprig ist und auch der eine oder andere Rechtschreibfehler ins Auge sticht. Hier merkt man eben doch, dass eine 15-Jährige das Buch geschrieben hat. Doch da ich die erste Fassung von „Tour des Lebens“ gelesen habe, ist zu vermuten, dass einige dieser formalen Stolpersteine in der Druckfassung von Heyne bereinigt wurden.

„Verzeiht mir den Titel und vergesst mich nicht!“

Nicht geändert wurde allerdings der Titel: Ein Titel, der mir auf der Buchmesse 2015 sofort ins Auge sprang und überhaupt erst dafür sorgte, dass das Buch auf meinem Tisch als Rezensentin landete. Es ist ein Titel, der direkt provoziert. Denn zu Gott zu sagen, dass er ein Arsch ist, ist vermutlich die größte Blasphemie, die man sich vorstellen kann.

Doch wenn man das Buch liest, wird deutlich, dass diese Zeilen Stefanies nicht blasphemisch gemeint sind. Sie beschreiben eher ihr Ringen mit dem, was sie erwartet. Im Kontext ihres Buches liest sich dieser Satz wie folgt: „Selbst jetzt, während ich das hier schreibe, kann ich nur sagen: ‚Gott, du kannst ein Arsch sein!‘ Was willst du denn noch von mir? Du bekommst jeden Tag ein bisschen mehr von mir und jetzt nimmst du mir Stück für Stück alles weg, was mir wichtig ist. Ich kann nur aus tiefstem Herzen sagen: Sterben ist scheiße!“

Aus Verzweiflung und in Protest gegen Gott, der sie so früh sterben lässt, tätowiert Stefanie sich diesen Satz auf den Bauch. Er beschreibt ihre ambivalente Haltung zu Gott, die in dem Buch an mehreren Stellen deutlich wird. An einer anderen Stelle schreibt sie etwa: „Natürlich ist der liebe Gott nicht schuld daran, dass ich Krebs habe oder daran, dass ich nicht mehr lange habe. Aber verdammt noch mal! Es kann ja wohl auch nicht sein, dass an allem, was gut ist, immer der liebe Gott beteiligt ist und wenn er scheiße macht, es immer heißt, dafür ist er nicht verantwortlich.“

Und obwohl Stefanie von sich schreibt, dass sie nicht mehr glauben kann, bleibt Gott für sie Ansprechpartner für ihr Unverständnis und ihre Verzweiflung. Über den Buchtitel schreibt sie selbst „Verzeiht mir den Titel und vergesst mich nicht!“ Letztlich muss der Leser also selbst entscheiden, wie er Stefanies Aussagen über Gott versteht.

Den eigenen Tod annehmen ohne sich damit abzugeben

Doch das ist auch gar nicht schlimm. Denn Stefanies Weg ist ein sehr persönlicher Weg. Ihr Buch macht deutlich, dass das Sterben und das Akzeptieren des bevorstehenden Todes etwas ist, mit dem sich jeder Mensch auf seine Weise auseinandersetzen muss.

Stefanies Geschichte macht Mut, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen ohne sich in seinem Lebensmut schwächen zu lassen. Sie zeigt, dass man den eigenen Tod annehmen kann ohne sich mit ihm abzugeben. Dass man dem Tod entgegentreten kann ohne den Mut und oder seinen Humor zu verlieren. Dadurch kann das Buch ein Trost für alle sein, die selbst Angehörige und Freunde verloren haben. Außerdem ermahnt es die unter uns, die sich gerne für „unsterblich“ halten: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90,12)


Interview mit Notfallseelsorger Frank Pape im DAS!-Magazin:

 

 


Kommentare

Von Fragezeichen am .

Ich finde den Titel nicht gotteslästerlich, sondern sehr authentisch. Keine geschwollenen frommen Worte, sondern ein echtes Gespräch, wie es nur unter Vertrauten stattfinden kann.

Von Anmerkung der Redaktion am .

Wir können die kritischen Aussagen zu diesem Artikel gut verstehen und waren uns vor Veröffentlichung des Artikels der „Problematik“ des Titels bewusst. Gerne erläutern wir, warum wir die Rezension trotzdem so veröffentlicht haben wie geschehen:
Das Buch ist der Erfahrungsbericht eines Mädchens, das mit 15 Jahren erfahren hat, dass es noch höchstens ein Jahr zu leben hat. Der Titel ist ein Ausspruch dieses Mädchens aus der Verzweiflung heraus sterben zu müssen. Er ist nicht blasphemisch mehr

Von Torsten am .

Meine Befürchtung war, dass mit solch einem provokanten und irgendwie doch gotteslästerlichen Titel nur Werbung gemacht werden soll. Meine Befürchtung war umsonst. Ich habe mir jetzt den Artikel durchgelesen und das Interview in DAS! angesehen - und ich fand es sehr echt und ergreifend. Und es hat mich auch und gerade aus christlicher Sicht zum Nachdenken gebracht. Fragen bleiben, aber ich wollte nachdem ich meine Reaktion auf den puren Titel hier kundgetan habe, fairer und ehrlicher Weise auch meinen Eindruck nach Lesen und Hören weitergeben.

Von Peter S. am .

Habt Ihr eigentlich komplett den Arsch offen?

Von Don Pedro am .

Das geht mir zu weit! Inclusive der Versuch, es hinzubiegen! ERF: Quo Vadis?

Von Torsten am .

Diesen Kommentar schreibe ich bewußt bevor(!) ich den Artikel gelesen habe. Es geht mir nämlich nicht um den Inhalt, sondern um den Titel. Wenn man 'Gott' und 'Arsch' in Bezug setzt und das noch in einem Buchtitel finde ich das aus religiösen Gründen geschmacklos. Ich bin nicht von Zucker und man kann ruhig mal ein paar derbe Worte sagen, aber GOTT!? Wenn man das mal in einer Scheiß-Situation (sehen Sie das würde ich normaler Weise nicht schreiben oder sagen) für sich selber sagt denkt, sagt mehr


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