Rezension

„Oma, erzähl mal"

Liebevoll erzählte Kindheitsgeschichten von starken Frauen. Eine Sammlung.

„Oma, erzähl mal“. So lautet der Titel eines Buches, das größtenteils leer ist. Es muss nämlich noch geschrieben werden. Die fabelhafte Idee gibt es in den verschiedenen Varianten und soll dazu einladen, seine Familienangehörigen nach ihren Geschichten zu fragen – und diese in einem Buch festzuhalten.

So ähnlich hat sich das wahrscheinlich auch Autorin Roswitha Gruber gedacht, als sie ihre Geschichtensammlung „Großmütter erzählen“ geplant hat. In dem Buch finden sich zehn individuelle Geschichten von Frauen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch Kinder waren, und heute alt sind.

Wilmas Schutzengel

Da gibt es zum Beispiel die kleine Nandl aus Tirol, die selbst von ihrer Großmutter aufgezogen wurde. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Grenze zwischen Deutschland und Österreich geschlossen, was zu einem großen Notstand in Bezug auf Lebensmittel und Handel führte. Deshalb musste alles geschmuggelt werden. Nandl erinnert sich noch genau daran, dass auch sie eines Nachts von ihrem Vater nach draußen geschickt wurde, um Schweine vom Bauern auf der anderen Seite zu holen. Sehr anschaulich berichtet sie von diesem und weiteren Wagnissen.

Auch Wilma aus Rheinhessen hat schon einiges erlebt. Heute wäre sie 103 Jahre alt. Als kleines Mädchen, musste sie bereits mit fünf Jahren im Haushalt anpacken, was zur damaligen Zeit allerdings normal war. Durch ihre Großmutter bekommt sie ein Bewusstsein für Gott und den Glauben. Ihre Oma erzählt ihr auch, dass sie einen Schutzengel habe. Dessen Schutz habe sie oft erlebt, berichtet Wilma. Ihr Gottvertrauen hat ihr durch einige schwierige Situationen hindurchgeholfen. 

Zeitzeugenberichte vom Alltag in der Vor-und Nachkriegszeit

Die Geschichten in Roswitha Grubers Buch spielen zu einer Zeit, die sich heute die meisten kaum noch vorstellen können. Ein Leben auf dem Bauernhof, nur in wenigen Fällen eine Schul-und Berufsausbildung und jede Menge Arbeit. Aber die Erzählungen beschreiben auch viel Unbeschwertheit, Spielen in der Natur und das Leben in einer großen Familie.

Umso schöner ist die Idee von Roswitha Gruber, diese Geschichten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern sie zu sammeln und zu erzählen. Durch die individuellen und persönlichen Erzählungen der alten Damen erwacht die Vergangenheit zum Leben. Man wird als Leser sozusagen unmittelbar in die damalige Zeit hineinversetzt. Wer allerdings einen faktischen Bericht über die Vor-und Nachkriegszeit erwartet, wird enttäuscht. Historische Fakten finden nur dann Erwähnung, wenn wie sich direkt auf den Alltag der Frauen ausgewirkt haben. Trotzdem bietet das Buch eine gelungene Sammlung von Zeitzeugenberichten, die dazu anregt, die eigenen Großeltern mal wieder zu besuchen und nach ihren Erfahrungen zu fragen.

Da das Buch in einem christlichen Verlag erschienen ist, liegt es nahe, dass die Erzählungen von Christinnen stammen. Dies lässt sich allerdings nicht aus jeder Geschichte herauslesen. Einige betonen, so wie Wilma, ihre religiöse Prägung, in anderen Geschichten kommt der Glaube nicht vor. Eine christliche Sichtweise der Geschehnisse aufzuzeigen oder besondere Begegnungen mit Gott herauszuarbeiten, steht also nicht im Fokus der Erzählungen.

Fazit

Alles in allem lohnt es sich, „Großmütter erzählen“ zu kaufen – nicht nur wegen des ansprechenden Covers. Die Geschichten sind nicht besonders anspruchsvoll, aber deshalb nicht weniger spannend. Die Geschichtensammlung nimmt den Leser in die damalige Zeit mit hinein und vermittelt einen plastischen Eindruck vom Leben der Menschen damals. Lesern, die sich gerne mit ihren Wurzeln beschäftigen oder Erzählungen aus vergangenen Tagen lieben, wird dieses Buch gefallen.

Da die Geschichten recht kurz und in sich abgeschlossen sind, eignet sich „Großmütter erzählen“ auch für „Wenig-Leser“. Insgesamt ist es ein empfehlenswertes Buch. Nicht nur zum Lesen, sondern auch zum „selbst kreativ werden“. Wer allerdings tiefgreifende Geschichten erwartet, die geistliche Nahrung bieten, wird sie in diesem Buch nicht finden.


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