Interview

„Ich staune gerne“

Autor Titus Müller lässt seine Romanfiguren suchen, stolpern und staunen. Ein Interview

Wie haben Menschen früher gelebt und woran haben sie geglaubt? Das ist eine Frage, der Schriftsteller Titus Müller in seinen Romanen immer wieder nachgeht. Und das ziemlich erfolgreich: Er wurde 2005 mit dem C. S. Lewis-Preis, 2008 mit dem Sir Walter Scott-Preis und 2014 mit dem Histo-König für einzelne Romane ausgezeichnet.  Wir haben mit dem Autor über seine schriftstellerische Vision und den Glauben in seinen Romanen gesprochen.

ERF Online: Sie scheinen als Autor sowohl in der frommen als auch in der säkularen Welt beliebt zu sein. Wie erklären Sie sich das?

Titus Müller: Ich habe als Autor mit Romanen im säkularen Bereich angefangen. Als Mensch bin ich Christ. Wenn ein Autor wirklich authentisch schreibt und sein Herzblut mit in seine Bücher fließen lässt, zeigt sich automatisch etwas von seiner Persönlichkeit. Und so ging es in meinen säkularen Unterhaltungsromanen auch um Glaubensthemen, wie der Frage, ob es  überhaupt einen Gott gibt. Und wenn es ihn gibt, wie er wohl ist und was ihm wichtig ist. Diese Fragen beschäftigen mich auch. So kam es, dass Christen darauf aufmerksam geworden sind. Manche Leser, die nicht wussten, dass ich Christ bin, haben nach dem Lesen eines Romans ganz verblüffte E-Mails geschrieben. Wenn die Frage nach Gott gestellt wird, ist das aber genauso für säkulare Leser interessant.

Auszug aus Titus Müllers neuem Buch „Der den Sturm stillt“ (Lesezeichen, 14.05.2015)

 Lesen Sie hier einen Auszug aus Titus Müllers neuem Buch "Der den Sturm stillt"

ERF Online: Sie sind einer der wenigen Autoren, dessen Bücher sowohl in christlichen als auch säkularen Verlagen erscheinen. Hat man es als Christ schwer bei einem säkularen Verlag?

Titus Müller: Überhaupt nicht. Wenn man gut erzählen kann, ist es egal, ob man Christ, Buddhist oder Atheist ist. Da fragt der Verlag nicht nach. Bei meinem ersten Roman, "Der Kalligraph des Bischofs", hatte ich deswegen allerdings Sorge. Es geht in dem Buch auch um Themen, die mit dem Glauben zu tun haben. Ich dachte, der Lektor streicht das raus. Aber er hat zu mir gesagt: „Titus, die Stellen musst du erweitern. Die versteht man noch nicht.“ Dann habe ich sie ausgebaut. Ich habe inzwischen andere Lektoren  kennengelernt und es hat keiner gesagt: „Dieses religiöse Zeug will ich nicht haben.“ Wenn es organisch zur Geschichte gehört, ist es in Ordnung.

Über den Tellerrand hinaus

ERF Online: Warum fokussieren Sie sich nicht auf eine Zielgruppe?

Titus Müller: Ein Leser – egal, ob Christ oder Nichtchrist – ist in erster Linie ein Mensch, der auf eine gewisse Art unterhalten werden kann. Es geht darum, Spannung, Gefühl,  vielleicht auch Romantik oder Dramatik zu schaffen. Das ist bei Lesern ähnlich, ob man nun Christ ist oder nicht. Ich lege mich bei meinen Büchern nie auf ein Publikum fest. Ich weiß von vielen, die meine Bücher lesen und Christen sind oder keine Christen sind – und das ist gut so. Ich bin auch ein Mensch, der gerne über seinen Tellerrand hinausschaut und Leute kennenlernt, die anders denken. Glücklicherweise tun meine Leser das auch – egal, welche Weltsicht sie haben.

ERF Online: Um welche Werte geht es Ihnen in Ihren Büchern?

Titus Müller: Es ist nicht so, dass ich mir vorher überlege, was ein Roman vermitteln soll. Stattdessen packt mich irgendeine Geschichte. Ein Thema, das deswegen häufig vorkommt, ist das Staunen. Ich bin jemand, der gerne staunt und sich das behalten will. Ich bin jetzt 37 Jahre alt, aber ich möchte mir das kindliche Staunen bewahren. Das hat für mich auch mit Glaube zu tun. In meinem Buch „Der Schneekristallforscher“ staunt zum Beispiel ein einfacher und ungebildeter Mann darüber, wie verschieden die Schneekristalle aussehen. Er war der erste, der sie unter dem Mikroskop fotografiert hat und damit weltberühmt geworden ist. Er hat natürlich auch über Gott nachgedacht. Und ich finde solche Figuren besonders spannend, weil mich das Thema – Staunen über Kleines und über die Schöpfung – fasziniert. Das wirft häufig die damit verbundene Frage auf: Wie ist Gott und was wünscht er sich?

Wie sich Titus Müllers Glaube im Roman zeigt

ERF Online: Wie sieht Ihre schriftstellerische Vision aus?

Titus Müller: Ich möchte die Leser erleben lassen, wie ein anderes Leben – meistens in der Vergangenheit – aussieht. Wie lebte eine Person vor 100 oder 500 Jahren? Indem man ein fremdes Leben miterlebt mit allen Details – Essen, Kleidung, Alltagsprobleme und auch große Sorgen –  sieht man sein Leben anders. Es freut mich, wenn Leser ihr eigenes Leben mehr schätzen und die Freiheiten, die sie heute haben, genießen können. Ich freue mich auch, wenn Leser ins Nachdenken kommen und sich zum Beispiel fragen: „Glaube ich an Gott? Wie ist diese Welt entstanden?“ Dabei biete ich allerdings keine Lösungen an. Meine Romanfiguren sind selbst auf der Suche, zweifeln und stolpern.

ERF Online: Wie beeinflusst der Glaube Ihr Schaffen als Autor?

Titus Müller: Der Glaube ist eine meiner größten Interessen im Leben. Während ich einen historischen Stoff bearbeite, frage ich mich auch: Wie sah es eigentlich damals auf religiösem Gebiet aus? Wie sahen die Kirchen aus? Was haben die Leute geglaubt? Diese Fragen habe ich mir auch beim Schneekristallforscher gestellt. Ich habe versucht herauszufinden, in welche Kirche er gegangen ist. Durch Artikel, in denen er zitiert wurde, hat man gemerkt, dass er an Gott glaubt. Er gehörte aber keiner Kirche an. Da wird dann der religiöse Aspekt an der Figur interessant. Was muss das für ein Typ gewesen sein? Was hat ihn vielleicht gestört? Warum war er trotzdem so ein tiefgläubiger Mensch?

ERF Online: Wie kommt Ihr Glaube bei den Lesern an?

Titus Müller: Viele äußern sich nicht dazu, sondern loben einfach den Roman: „Der Roman war spannend, ich habe ihn gerne gelesen.“ Ich glaube auch, dass manche darüber hinweg lesen. Es gehört zu der Figur, so wie das Essen oder Trinken. Das ist für mich okay, wenn jemand meinen Roman zur Unterhaltung in drei Tagen durchliest. Ab und zu gibt es aber auch E-Mails oder Briefe, in denen jemand von seinem eigenen Leben erzählt; von seinen Zweifeln, von seiner Weltsicht und was ihn berührt hat im Roman. Das freut mich natürlich besonders. Wenn das eigene Buch für jemanden etwas Besonderes war, macht das glücklich.

Ganz selten gibt es auch andere Reaktionen. Bei einer Lesung hatte eine Buchhändlerin gesagt, dass ich in ihrem Laden nichts Christliches sagen soll. Das respektiere ich. Natürlich haben die Leute, wenn sie sich das Buch gekauft haben, trotzdem etwas Christliches mit nach Hause genommen. Das ist aber auch nur einmal in 14 Jahren vorgekommen.

Ich habe auch mal eine Science-Fiction-Geschichte geschrieben: „Die Siedler von Vulgata“. Da kam ein bisschen Wut bei Science-Fiction-Fans auf, weil sie in der Perry Rhodan Reihe erschienen ist. In der Reihe haben die Protagonisten vorher nie gebetet oder sich mit der Bibel auseinandergesetzt. Ich war dann bei einem Kongress eingeladen und sollte zum Thema „Gott und Science-Fiction“ einen Vortrag halten. Die Stimmung im Saal war schlecht. Erst als ich Gott mit einem Außerirdischen verglichen habe, der nicht von dieser Welt kommt und den ich interessant finde, wurde die Stimmung besser. Ich habe gesagt: "Ich weiß zwar wenig über ihn, aber ich versuche Kontakt zu ihm aufzunehmen und forsche seinen Spuren nach." Da haben sie mich verstanden.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.

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