Interview

Dickes Fell durch Mode

Warum GNTM Kirchenmaus Jacqueline positiv beeinflusst hat. Ein Interview

Jacqueline Thießen hat vor zwei Jahren an der Castingshow Germany’s next Topmodel teilgenommen und den zehnten Platz belegt. Die damals 16-Jähige ist als „Kirchenmaus“ in die Geschichte der Sendung eingegangen. Am 01. März ist im Brendow-Verlag ihr Modeltagebuch „Life Edition“ erschienen, das sie zu großen Teilen bereits während der Show geschrieben hat . Wir haben mit Jacqueline Thießen über ihre Erfahrungen in der Modewelt und ihre Zukunftspläne gesprochen.

ERF Online: Was fasziniert dich am Modeln?

Jacqueline Thießen: Am Modeln fasziniert mich die Vielfalt des Berufes. Man sitzt nicht jeden Tag im Büro und macht immer dasselbe. Man reist viel, lernt neue Menschen kennen, ist  in verschiedenen Ländern und lernt Städte kennen. Man hat auch die Möglichkeit, mit der Mode zu gehen. Man sieht die neusten Trends als erstes und weiß dann, was im nächsten Jahr modern wird. Man kann komplett mit der Zeit gehen.

ERF Online: Von der unscheinbaren Kirchenmaus zum Supermodel: Wie hast du dich während der Show verändert?

Jacqueline Thießen: Bisher haben alle gesagt, ich habe mich zum Guten verändert. Ich bin selbstbewusster und offener geworden. Ich kann viel besser auf Menschen zugehen und mit Menschen reden. Ich habe auch gelernt, besser mit Kritik umzugehen; dass man Kritik nicht persönlich nimmt und sich davon runterziehen lässt, sondern Kritik so versteht, dass man an etwas arbeiten kann.

Ein knallhartes Business

ERF Online: Wie hast du das Modelbusiness während und nach der Show erlebt?

Jacqueline Thießen: Ich habe festgestellt, dass es ist ein hartes Business ist. Man muss gut mit Absagen umgehen können.  Man hört oft, dass man nicht zu dem Job passt. Oder der Kunde sagt auch mal: „Deine Nase ist hässlich“ oder „Du bist zu fett“.  Sie sagen es schon so drastisch. Da muss man so stark sein, um sagen zu sagen können: Er hat das zwar so gesagt, aber das heißt nicht, dass es auch stimmen muss. Man darf diese Aussagen nicht zu nah an sich ranlassen und muss immer weitermachen. Das ist schon hart, aber es macht auch viel Spaß.

ERF Online: Wie hast du es geschafft, diese Distanz zu Absagen aufzubauen?

Jacqueline Thießen: Am Anfang hat es mich noch stark runtergezogen, wenn ich negative Kommentare oder eine Absage bekommen habe. Ich glaube einfach, dass mir die Unterstützung meiner Familie viel geholfen hat. Meine Familie war immer für mich da und hat trotzdem gesagt: „Nur, weil einer dir keinen Auftrag gibt, heißt das nicht, dass du hässlich bist oder nicht in den Beruf passt.“ Das hat mir geholfen bei jeder Absage zu denken, dass es nur ein Mensch oder eine Firma ist, die mir das sagt. Wenn die nun mal eine Blonde suchen und keine Braunhaarige, dann war man von vornherein raus, egal, wie viel Mühe du dir gibst.

Germany’s next Topmodel appelliert nicht an seine Zuschauer

ERF Online: Dir wird der Vorwurf gemacht, zu naiv mit dem Modelbusiness umzugehen. Die Modewelt kann Mädchen im Magerwahn bestärken, zu Essstörungen führen oder Minderwertigkeitskomplexe hervorrufen. Wie antwortest du diesen Kritikern?

Jacqueline Thießen: Es ist allgemein schwer zu beurteilen von deren Position aus. Die sehen nicht in meinen Kopf und wissen nicht, was ich denke oder warum ich bestimmte Dinge so sehe, wie ich sie sehe. Insgesamt denke ich, jedes Mädchen muss stark genug sein, um sagen zu können: „Ich fühle mich wohl in meinem Körper und das reicht mir.“ Es ist auch wichtig, Menschen um einen herum zu haben, die einen bestärken und sagen: „Jetzt ist genug, du nimmst zu viel ab. Jetzt musst du wieder etwas essen.“ Vielleicht war ich am Anfang ein bisschen naiv, als ich bei Germany’s next Topmodel angefangen habe, aber gerade deshalb war es eine tolle Erfahrung. Ich konnte erst in einem sicheren Umfeld Erfahrungen machen und bin nicht gleich alleine in die große weite Welt gegangen.

Ich glaube außerdem nicht, dass ein Druck entsteht für die Zuschauer von Germany’s next Topmodel, dass sie auch so aussehen wollen. Im Grunde sehen die Mädchen, die bei Germany’s next Topmodel mitmachen, normal aus. Sie sind nicht so dünn wie die Models von Victoria‘s Secret. Wir sind im Grunde normale Mädchen. Wir achten auf unsere Ernährung und machen viel Sport. Wenn jeder das machen würde, dann könnte auch jeder so aussehen. Mir kam es nie so vor, dass die Show ausgesagt hat, die Zuschauer müssen auch so aussehen wie die Teilnehmer.

ERF Online: Inwiefern hast du Germany’s next Topmodel als sicheres Umfeld erlebt?

Jacqueline Thießen: Das Team und Heidi waren immer für uns da. Die Kunden der Jobs, die wir hatten, waren im Grunde nett. Natürlich waren auch teilweise welche dabei, die gemeinere Sachen gesagt haben. Aber es war immer so, dass jemand für einen da war – auch mit den Mädchen haben wir uns gegenseitig geholfen. Bei einem Kunden waren zum Beispiel ein paar der Mädchen schon vor mir da und sie sagten, dass er ziemlich unfreundlich ist. Dann bin ich reingegangen und der Kunde meinte halt zu mir: „Du siehst ganz nett aus, aber dein Kopf ist viel zu groß für deinen Körper. Das sieht hässlich aus.“ Danach winkte er auch nur so nach dem Motto, dann kannst du auch wieder gehen.

Das war das erste Casting, das wir gemacht haben. Ich war ziemlich bestürzt darüber. Jemand sagt, mein Körper ist zu klein für meinen Kopf, wie soll ich damit umgehen? Daran kann ich auch nichts ändern! Dann haben alle Mädchen erzählt, dass er auch zu ihnen gesagt hat, sie sind hässlich. Eine Nase ist hässlich oder eine ist dick. Sie haben mich dann aufgebaut, als wir zum nächsten Casting gefahren sind. Da konnte ich mit neuem Mut rangehen.

Vom Laufsteg in die Kirche

ERF Online: Du modelst immer noch nebenbei, studierst Sozialökonomie und möchtest später Pastorin werden. Wie passt das zusammen?

Jacqueline Thießen: Ich finde es auch schwer, da alles zusammenzubekommen. Aber es sind Bereiche, die mich interessieren. Außerdem bin ich noch jung und möchte mich noch nicht festlegen. Pastorin kann ich mein ganzes Leben noch sein. Jetzt läuft das Modeln nebenbei, aber wenn etwas Großes kommt, würde ich das Studium aufgeben. Mit Mitte oder Ende 20 ist das Modeln auch schon vorbei und dann habe ich immer noch genug Zeit, mich auf das Pastorin sein zu konzentrieren.

ERF Online: Warum möchtest du Pastorin werden?

Jacqueline Thießen: Die Kirche hat mich von klein auf fasziniert. In dem Dorf, in dem wir gewohnt haben, hatten wir einen tollen Pastor. Er hat alles lebendig und modern gestaltet, sodass die Kirche für mich nie etwas Altmodisches war. Als wir dann umgezogen sind, habe ich mich hier in der Kirche ehrenamtlich eingebracht in der Kinderkirche, im Musiktheater oder auch als Teamerin bei den Konfirmanden. Von unserem Pastor habe ich gelernt, wie viel als Pastor zu tun ist und wie viele unterschiedliche Bereiche man hat. Ausschlaggebend war für mich noch, dass ich in dem Beruf singen und lesen kann, ich mit Menschen zu tun habe und auch vor Menschen reden kann. Das sind so die Dinge, die ich neben dem Modeln gerne mache. Dann habe ich für mich gesagt, das passt zu mir, das würde ich gerne machen.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.


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