Buchrezension

Jedes Kind kennt Gut und Böse

Wie sich das menschliche Gewissen und moralische Werte bilden. Eine Rezension.

Als Kinder lernen wir, was Gut und Böse ist. Doch haben Kinder selbst schon ein Gespür dafür, was richtig und was falsch ist? Dieser Frage ist der Psychologieprofessor Paul Bloom in seinem Buch „Jedes Kind kennt Gut und Böse – Wie das Gewissen entsteht“ nachgegangen.

Um diese Frage zu beantworten, schaut Bloom sich verschiedene Parameter an. Er geht sowohl dem Entstehen von Mitgefühl und Empathie nach, klärt aber auch, wieso unser Wunsch nach Bestrafung des Bösen größer ist als der nach Belohnung des Guten. Er setzt sich damit auseinander, wie Rassismus entsteht und macht deutlich: Menschen sind hilfsbereit und egoistisch zugleich; gleichermaßen fähig zum Guten wie zum Bösen.

Jedes Kind kennt Gut und Böse:
Wie das Gewissen ensteht
; Paul
Bloom, Pattloch Verlag 2014,
19, 99 Euro, 304 Seiten, ISBN:
978-3-629-13057-0

Der Mensch – ein widersprüchliches moralisches Wesen

Wieso das so ist, kann Bloom nur bruchstückhaft erklären. Das liegt zum einen darin begründet, dass die Ergebnisse der verschiedenen Versuche, die Bloom in seinem Buch schildert, durchaus widersprüchlich sind. Diese Widersprüchlichkeit wird besonders bei der Empathie deutlich. Empathie bedeutet, dass wir Gefühle eines anderen wahrnehmen und sie sich automatisch auf uns übertragen. Doch wenn es sich um unangenehme Gefühle handelt, kann es sein, dass daraus Abneigung folgt.

Wenn ich jemand leiden sehe, kann das dazu führen, dass denjenigen tröste. Aber auch Distanzierung vom Leid anderer könnte eine Reaktion sein, wenn die Emotionen, die er auf mich überträgt, mich stören. Mit dieser Abgrenzungsreaktion lässt sich erklären, wieso viele Menschen mit Zynismus oder Gleichgültigkeit auf Schreckensbotschaften in den Nachrichten reagieren. Der Mensch versucht durch Distanzierung die natürliche Empathie zu unterdrücken.

Moralisches Denken entsteht nicht zufällig

Zum anderen ist problematisch an dem Buch, dass der Autor überzeugter Atheist ist. Grundsätzlich bin ich zwar der Überzeugung, dass es reicht, ein guter Wissenschaftler zu sein, um ein wissenschaftlich wertvolles Buch zu schreiben. Aber bei „Jedes Kind kennt Gut und Böse“ hakt es an mehreren Stellen. Alle Gründe, die Bloom dafür anführt, dass bereits kleine Babys die Unterschiede zwischen „jemandem helfen“ und „jemandem schaden“ verstehen, basieren nämlich auf der Evolutionstheorie.

Nun mag es von Bedeutung für unser heutiges Denken sein, wie die Menschen vor vielen tausenden von Jahren gelebt haben. Das kann Einfluss auf unsere Vorfahren und über sie auch auf uns gehabt haben. Aber herauszufinden, dass der Mensch schon im frühen Lebensalter ein moralisches Geschöpf ist, und gleichzeitig anzunehmen, dass diese Eigenschaft sich zufällig durch Selektion entwickelt hat, erscheint mir trotz aller Erklärungsversuche des Autors widersinnig.

Gewohnheit und Verstand machen gut - oder doch nicht?

Nicht minder irritierend empfand ich seine These, dass sich die Menschheit aufgrund von Verstand und Gewohnheit beständig zum Guten weiterentwickle. Als Kinder lernen wir laut Bloom, dass Regeln für alle gelten. Wir lernen etwa, dass nicht nur andere, sondern auch wir teilen müssen. Diesen Fakt beginnen wir mit fortschreitendem Alter immer mehr zu akzeptieren und umzusetzen.

Dieser Prozess wird durch Verstand und Gewohnheit unterstützt. Denn unser Verstand macht es möglich, uns in andere hineinzuversetzen. Wir können verstehen, wieso sie nicht wollen, dass man ihnen wehtut – und tun es deshalb auch nicht. Unsere Gewohnheit sorgt im weiteren dafür, dass richtiges Verhalten zum „Reflex“ wird. Wir geben selbstverständlich Trinkgeld, verhalten uns höflich und sind freundlich; nicht, weil wir uns immer der Folgen für andere bewusst wären, sondern weil man das so tut. So konditioniert unsere Gesellschaft Kinder zu moralischem Verhalten.

Natürlich hat Bloom mit diesen Feststellungen in Teilen Recht. Erziehung macht bei moralischem Verhalten viel aus. Aber seine Schlussfolgerungen erklären nicht, wieso diese Prozesse bei manchen Kindern problemlos ablaufen, bei anderen hingegen nicht fruchten. Es gibt Kinder – und Erwachsene ‒, die anderen bewusst Schaden zufügen, wohlwissend um die Folgen. Manche Menschen würden für 500 Euro einen Menschen umbringen, andere würden dies nicht einmal tun, wenn ihr eigenes Leben davon abhinge. Woher diese starken Unterschiede im Moralsinn kommen, können die Parameter Gewohnheit und Verstand nicht überzeugend erklären.

Am Ende bleibt die Frage: Woher kommt die Moral?

Bloom wirft in seinem Buch meiner Ansicht nach viele wichtigen Fragen auf. Er schildert interessante Versuche zum moralischen Verhalten und Empfinden von Kindern und Babies. Fraglich ist aber, ob die Schlussfolgerungen, die er daraus zieht, beweisbar sind. An vielen Stellen fehlt jegliche Einordnung dessen, was er durch seine Experimente und Versuche beweisen oder widerlegen möchte. Der Leser muss dann selbst die Auswertung der Fakten übernehmen.

In vielerlei Hinsicht ist Blooms Buch somit unbefriedigend. Seine langen Versuchsbeschreibungen nehmen in „Jedes Kind kennt Gut und Böse“ übermäßig viel Raum ein. Das Buch gleicht an manchen Stellen daher eher einer langatmigen und trockenen Forschungsarbeit. Bloom schafft zwar, Kompliziertes auf einfache Weise zu veranschaulichen, braucht dafür aber sehr viele Seiten. Trotzdem hat mir das Buch an vielen Stellen neue Horizonte eröffnet. Denn Paul Bloom erforscht Zusammenhänge, die bisher weitgehend unerforscht sind. Seine Erkenntnisse sind an vielen Stellen nachvollziehbar und hilfreich.

Trotzdem fällt es mir als gläubigem Menschen manchmal schwer, den Schlussfolgerungen Blooms zu folgen. Was für mich als Christ ein Zeichen dafür ist, dass Gott den Menschen gemacht und ihm ein Verständnis für Gut und Böse mitgegeben hat, wertet Bloom in die gegensätzliche Richtung. Auch darauf, warum manche Menschen selbstlos handeln und andere durchweg egoistisch, gibt Bloom keine befriedigende Antwort. Das größte Problem sehe ich in Blooms Überzeugung, dass der Verstand eine wichtige Rolle beim Gut-Sein spiele. Denn dann müssten intelligente Menschen freundlicher und moralischer handeln, was sich durch die tägliche Erfahrung nicht belegen lässt.

Letztlich muss der Leser am Ende dieses Buches selbst entscheiden, wie er die darin präsentierten Erkenntnisse und Fakten verstehen will.

Fazit

Paul Bloom hat ein beeindruckendes, aber auch diskutables Buch zur Entwicklung des menschlichen Gewissens geschrieben, das sich wegen seiner Länge von 260 Seiten nur für Menschen mit viel Zeit eignet. „Jedes Kind kennt Gut und Böse“ ist daher nur etwas für Leser, die tief ins Thema einsteigen möchten. Diese finden in dem Buch allerdings viele Anregungen zum Nach- und Weiterdenken.


Kommentare

Von Heidi am .

Danke für die Erklärungen

Von Anmerkung der Redaktion am .

Studien von Christen zu diesem Themenbereich gibt es nach unserem Wissensstand noch nicht. Auch in der Bibel finden sich zu diesem konkreten Themenbereich keine genauen Informationen. Dass Kinder schon bevor sie sprechen können, Verhalten anderer moralisch einordnen, ist daher eine sensationelle Entdeckung. Diese wollten wir mit den Lesern hier teilen, auch wenn der Autor unsere Glaubensgrundsätze nicht teilt. Insgesamt ist unser Ziel von ERF Online nicht allein, geistlich erbauliche Texte zu mehr

Von Heidi am .

Ich frage mich, ob es notwendig ist, ein Buch vorzustellen, deren Autor eine grundlegende Frage der Menschheit nicht aufgrund der Bibel, sondern anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen eines Atheisten beantwortet.
Gibt es nicht auch Christen, die sich mit diesem Thema anhand der Heiligen Schrift auseinandergesetzt haben? Dabei geht es sicherlich nicht unbedingt um das Zutrauen der Leser, ob sie das Buch lesen wollen oder nicht. Ich auf jeden Fall habe meine Entscheidung getroffen.

Von Anmerkung der Redaktion am .

Es geht in dem Buch nicht vornehmlich um die Erklärung, was Gut und Böse ist. Es handelt sich um ein wissenschaftliches Buch, das erstaunliche Ergebnisse dazu präsentiert, ab wann bei Kindern die Entwicklung des Gewissens und des Gerechtigkeitssinns stattfindet. Deswegen haben wir es trotz der Einstellung des Autors vorgestellt, die Problematik dessen aber angesprochen. Wir trauen unseren Lesern zu, aufgrund einer solchen Buchvorstellung selbst zu entscheiden, ob sie dieses Buch lesen wollen mehr

Von Heidi am .

Warum stellen Sie ein Buch vor, das von einem Atheisten geschrieben ist? Da stimmt doch schon die Basis nicht! Kann ein Atheist wirklich erklären, was gut und Böse ist???


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