Interview Lesezeit: ~ 6 min

Was ist gerecht?

Dieser Frage stellen sich John Grishams Romane und zeigen: Der Glaube gibt nicht auf alles Antworten.

Heute startet die Frankfurter Buchmesse. Aus diesem Anlass haben wir den Theologen und Buchautor Michael Kotsch interviewt. Er hat sich ausführlich mit John Grisham beschäftigt und berichtet von Gerechtigkeit und Glauben in Grishams Romane, aber auch davon, wieso Grisham kein typischer christlicher Autor ist.

Michael Kotsch (Bild: Hermann Damm)

ERF Online: Was interessiert Sie an John Grishams Büchern?

Michael Kotsch: Ich lese für meine Arbeit sehr viel, meistens Sachbücher. Aber zwischendurch lese ich gerne unterhaltende Literatur mit einem bestimmten Anspruch. Mich faszinieren dabei Thriller und Krimis von klassischen Autoren wie Agatha Christie, aber auch von Autoren der Gegenwart. John Grisham lese ich gerne. Er greift bei seinen Büchern interessante gesellschaftliche Themen auf und behandelt diese nicht platt. Auch seine Sprache gefällt mir und wie er Charaktere entwickelt. Was mir auch gefällt, ist, dass in allen seinen Romanen etwas Christliches vorkommt. In vielen anderen Romanen vermisse ich das. Da werden religiöse Themen entweder ignoriert oder höchstens der islamische Terrorist oder der christliche Spinner kommen darin vor.

ERF Online: Wie schreibt Grisham denn in seinen Romanen vom Glauben?

Michael Kotsch: Grisham bezieht in seinen Romanen in sehr feiner Art und Weise Religiosität ins normale Leben mit ein, ohne dass es platt wirkt. Es ist nicht so, dass der Held immer Christ ist. In seinem Roman „Die Liste“ etwa besucht der Held mit einem Rechtsanwalt und Journalisten zehn verschiedene Gottesdienste. Diese Gottesdienste von unterschiedlichen Denominationen beschreibt Grisham eindringlich und mit dem Blick eines nichtreligiösen Besuchers. Einige Personen in seinen Büchern sind gläubig und wirken überzeugend als Gläubige, aber Grisham stellt auch Heuchler dar. Gerade diese Vielfalt Grishams, den Glauben miteinzubeziehen, gefällt mir. Er greift aber auch soziale Probleme auf, verbunden mit der Suche nach Gerechtigkeit.

Grisham macht das Böse nachvollziehbar ohne es zu rechtfertigen

ERF Online: Wie ist das denn in Grishams Romanen – wird der Böse immer bestraft oder kommt er manchmal auch davon?

Michael Kotsch: Häufig ist es so, dass man am Ende aufatmen und sagen kann: „Gerade noch geschafft. Der Böse wird bestraft.“ In den meisten Fällen ist es so, dass nach einigem Auf und Ab und einigen Bestechungsversuchen der in seinem Recht Benachteiligte gerettet wird. Aber das ist nicht immer so. Es kommt auch vor, dass man als Leser unbefriedigt am Ende eines Buches zurückbleibt; dass einige der Guten sterben und einige der Bösen scheinbar triumphieren. Ich kann mich an keinen Roman erinnern, wo das Böse auf ganzer Linie siegt, aber im Roman „Das Testament“ stirbt zum Beispiel eine zentrale Heldin. Man denkt den ganzen Roman lang: Das geht sicherlich gut aus. Aber sie stirbt. Ab und an kommen auch gebrochene Personen vor. Manchmal beschreibt Grisham junge Anwälte, die reich werden wollen und der Faszination des Materialismus erliegen. Dann aber scheitern sie vollkommen, weil sie merken, dass dieser Materialismus sie leer zurücklässt.

ERF Online: John Grisham liebt das Gericht als Kulisse. Ist das Gericht für ihn eine Instanz, die das Leben ordnet?

Michael Kotsch: Grisham hat ja selbst gut zehn Jahre als Anwalt praktiziert. Wahrscheinlich beschreibt er das Gericht auch deshalb, weil er es am besten aus dem alltäglichen Leben kennt. Ich glaube aber, dass da noch mehr dahintersteckt. Gerade in den USA sind Gerichtsserien sehr beliebt. Ich denke dahinter steckt die Sehnsucht, dass es irgendwo auf der Welt eine Instanz geben muss, die über Recht und Unrecht entscheidet. Dieses Denken findet sich auch in Grishams Romanen wieder. Aber manchmal irrt sich das Gericht eben auch oder man kommt als Leser auf den Gedanken, dass es sich irren könnte. Manchmal zeigt Grisham in seinen Romanen auf, dass die Grenze zwischen Recht und Unrecht gar nicht so einfach zu finden ist. Das finde ich bei ihm sehr schön, dass er sich häufig in die Situation des scheinbar Bösen hineinversetzt und auch dessen Motive, Denken und Lebenssituation aufzeigt, sodass man fast Mitleid mit ihm hat. Der Böse ist dann nicht nur der ganz Böse. Das Böse wird zwar nicht als gut benannt, aber man versteht, warum er so handelt.

ERF Online: Welche Themen greift Grisham in seinen Thrillern vornehmlich auf?

Michael Kotsch: Er greift er viele Themen auf, die in den USA und auch in Deutschland gesellschaftlich relevant sind. Ganz häufig ist es das Thema der sozialen Ungerechtigkeit. Oft geht es in den Büchern um reiche Unternehmen wie die Tabakindustrie oder Chemieunternehmen, die versuchen um Zahlungen herumzukommen. Manchmal nimmt er auch Prozessanwälte ‒ also seine eigene Zunft ‒ aufs Korn, die ‒ nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht ‒ versuchen aus Unternehmen viel Geld herauszupressen. Grisham thematisiert auch häufig die Todesstrafe ‒ ein ganz heikles Thema in den USA. Und in all diesen Fällen ist das Gericht eine Art Instanz, die losgelöst vom Staat und von Interessen einzelner Personen oder Unternehmen Gerechtigkeit üben soll.

Der Glaube gibt nicht auf alles Antworten

ERF Online: Immer wieder tauchen aber auch Figuren auf, die den Glauben an die Gerechtigkeit verloren haben, zum Beispiel in dem Roman „Das Komplott“.

Michael Kotsch: Das kommt wirklich immer wieder vor. Es gibt in seinen Romanen Leute, die ihren Glauben an Gerechtigkeit verloren haben. Da beschreibt er ein Stück weit auch die Realität. Es ist ja geschönt, dass das Rechtswesen wirklich immer Recht schafft. Das wird auch deutlich, wenn er beschreibt, wie manche Rechtsanwälte durch Tricks versuchen, Zeugen zu beeinflussen oder Fakten zu unterdrücken. Man merkt, das Gericht als klärende Instanz ist ein Ideal.

ERF Online: Welche Rolle spielt denn der Glaube zur Findung von Wahrheit und Gerechtigkeit in Grishams Romanen?

Michael Kotsch: Grisham zeigt schon auf, dass auch in christlichen Kreisen nicht immer die Antwort klar ist und dass es bei Christen auch Fraktionen gibt, die sich manchmal widersprechen. Im Roman „Das Geständnis“ geht es zum Beispiel um die Todesstrafe und da werden verschiedene christliche Gruppen vorgestellt: Die einen sind vehement für die Todesstrafe, die anderen vehement dagegen. Grisham will deutlich machen: Die Beziehung zu Gott gibt Sinn und Ziel, aber viele Menschen, die sich auf den Glauben beziehen, vertreten ganz unterschiedliche – manchmal auch eigensüchtige ‒ Positionen vertreten. Insofern soll das Gericht eine Art neutrale Schiedsinstanz sein.

ERF Online: Will Grisham eventuell auch seinen Lesern den Rücken stärken, christliche Positionen zu vertreten?

Michael Kotsch: Ich glaube schon und das ist ja gerade seine Stärke, dass er christliche Positionen sehr natürlich miteinfließen lässt. Manchmal kann man über einige Christen und darüber wie sie auftreten auch etwas lächeln. Er ermutigt die Leser eindeutig dazu, sich mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Aber ich glaube, er will Christen auch zeigen, dass sie vorsichtig sein sollen in ihren Absolutheitsansprüchen, zum Beispiel bei Fragen der Gesellschaft, der Politik oder der Wirtschaft. Er führt ihnen immer wieder vor Augen: Man kann ‒ wenn man will ‒ fast alles mit christlichen Aussagen belegen. Und da er mahnt zu Vorsicht. Seine Aussage ist: „Ja, der christliche Glaube gehört dazu. Er bringt den Gläubigen etwas, aber er gibt auch nicht auf alles eine Antwort.

Fäkalausdrücke und Sexszenen unerwünscht

ERF Online: Unterscheidet Grisham sich in der Art seines Schreibens oder auch in der Wortwahl von anderen Autoren?

Michael Kotsch: Ganz deutlich. John Grisham will nicht verstanden werden als christlicher Autor. Das hat er mehrfach in Interviews gesagt. Er will als guter Autor verstanden werden, der eben auch Christ ist. Seine Bücher sind keine christlichen Romane, wo am Ende immer noch irgendetwas rein muss. Es gibt ja auch christliche Romane, die künstlich wirken und von ihrer Machart einfach nicht gut sind. Das will John Grisham nicht.

Trotzdem versucht er nicht nur thematisch, sondern auch literarisch seinen christlichen Glauben umzusetzen. Das wird beispielsweise daran deutlich, dass er keine ausschweifenden Sexszenen in seine Romane einbaut. Er legt sogar Wert darauf, dass in den Verfilmungen seiner Romane keine ausschweifenden Sexszenen vorkommen. Außerdem legt er im Vergleich zu vielen anderen Erfolgsautoren der Gegenwart Wert darauf, eine Sprache zu benutzen, die keine Straßensprache ist. Er benutzt keine oder nur sehr wenige Fäkalausdrücke. Das merkt man tatsächlich in seinen Romanen. Das ist zwar keine Hochsprache, aber es ist eine Sprache, die den Menschen ernstnimmt und ihn nicht erniedrigen will.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview.


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