Buchrezension

Selbstlos und trotzdem glücklich?

Was Timothy Keller über Selbstwert denkt

Als Kind mochte ich Kreisel. Mit dem richtigen Dreh konnte ich einige Minuten lang dem schönen Farbenspiel und den Bewegungen des Kreisels zusehen. Immer und immer wieder stieß ich den Kreisel an. Und auch heutzutage kommt mir das Szenario recht bekannt vor – nur ohne Spielzeug. Ich drehe mich um mich selbst. Immer wieder stoße ich den Kreisel an und kann der beeindruckenden Abwärtsspirale meiner Gedanken zusehen. Und schwupps befinde ich mich im Sud der depressiven Gedanken, des Selbstmitleids und Minderwertigkeitsgefühls.

Jedes Mal denke ich mir dann: „Es muss doch noch mehr geben, als sich permanent um sich selbst zu drehen, sich selbst zu verwirklichen und darzustellen!“ Ich wünsche mir sehnlichst, einmal an den Punkt zu kommen, an dem ich mehr auf das „Du“ und das „Wir“ schaue als auf das „Ich“. Ich hoffe, dass Timothy Kellers neues Buch „Vom Glück, selbstlos zu leben“ mir hilfreiche Impulse dazu gibt.

Bauklotz auf Bauklotz

Ohne Vorworte oder Einleitung beginnt Keller mit dem Bibeltext, auf dem alle weiteren Argumentationen im Buch basieren. Bei einem Buch zum Thema Selbstliebe hätte ich eine Passage aus Psalm 139 oder Matthäus 22 erwartet. Aber eher untypisch für diese Thematik wählt Keller eine Stelle aus 1. Korinther 3.

Laut Keller werden in diesem Text drei Dinge deutlich:

  • wie unser menschliches Ego funktioniert
  • wie das Evangelium unser Selbstbewusstsein verändert
  • wie wir diese neue Sicht auf uns bekommen können

Auf jeden dieser Punkte geht der Autor in jeweils einem Kapitel ein. Auf knapp 40 Seiten legt er den Bibeltext aus und gibt dem Leser am Ende Fragen und Impulse zum Weiterdenken mit. Das Buch erinnert vom Aufbau und der Wortwahl an eine abgetippte Predigt - viel länger als eine Predigt benötigt man auch nicht zum Lesen.

Aufgeblasen wie ein Luftballon

Ausgehend vom Bibeltext vergleicht Keller das menschliche Ego und seine Beschaffenheit mit einem aufgeblasenen Luftballon: leer, voller Schmerz, rastlos und zerbrechlich. Diesen Eigenschaften des Egos kann ich zwar zustimmen, wie Keller sie aus dem Bibeltext ableitet, kann ich jedoch nicht nachvollziehen.

In der Gesellschaft gibt es zwei verschiedene Ansätze, mit dem ständigen Streben des Ego nach Selbstwertgefühl umzugehen: Entweder höher oder geringer von sich selbst denken.

Timothy Keller zieht anhand des Texts von Paulus jedoch einen anderen Schluss: Einfach weniger an sich denken. Wie man das schafft und welche Rolle das Evangelium dabei spielt, erläutert er im letzten Kapitel.

Die Seifenblase platzt

Ich erkenne: Ich kann nichts tun, um mir Selbstwertgefühl zu verschaffen. Diese Antwort am Ende des Buches ist einerseits etwas unbefriedigend für mich, andererseits gibt sie mir auch viel Freiheit. Gott ist mein Gegenüber, mit dem ich dieses Thema immer wieder durchbuchstabieren muss.

„Vom Glück, selbstlos zu leben“ hat mir daher tatsächlich die erwarteten Impulse gebracht. Es war erkenntnisreich, einen ganz anderen Ansatz kennenzulernen, um mit dem Thema umzugehen. Den Gedankenkreisel, mit dem ich früher so gerne gespielt habe, lasse ich jetzt liegen.

Daher: Klare Lese-Empfehlung für alle, die ahnen, dass nur Gottes Liebe das eigene Ego füllen kann. Wer allerdings nicht an Gott glaubt, für den ist das Buch - auch aufgrund des predigtähnlichen Charakters - weniger geeignet.


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