Buchrezension

Tomaten mögen keinen Regen

Die Autorin Sarah M. Orlovsky erhält den Evangelischen Buchpreis für ihre Geschichte eines stummen Jungens.

„Die Schwestern haben immer gesagt, ich lebe bei ihnen, weil sie mich lieb haben. Aber in Wirklichkeit ist es anders. In Wirklichkeit lebe ich bei den Schwestern, weil mich sonst keiner liebt.“ Hovanes kann seine stille Wut niemals rausschreien. Der stumme und gehbehinderte Waisenjunge ist die Hauptfigur im Debütroman der Österreicherin Sarah Michaela Orlovský. Aus seiner Perspektive erzählt die 30-jährige Autorin vom Zusammenleben einer kleinen Gemeinschaft.

Stumme Fragen an Gott

Zwei Ordensschwestern kümmern sich mit Liebe und Strenge um fünf Kinder mit unterschiedlichen Handicaps. Mit seinen zwölf Jahren ist Hovanes der Älteste von ihnen. Gefangen in seiner Stummheit ist er oft genervt, besonders vom unbekümmerten Sirup, der immer läuft, die Türen knallt und fröhlich ist. Viel Abwechslung gibt es im Alltag der Kinder nicht. Da ist schon der Bau eines Hasenstalls ein Ereignis. Oder die Pflege der Tomatenpflanzen. Oder wenn Lucine mit den blonden Augen zu Besuch kommt und für jeden ein gutes Wort hat.

Manchmal müssen sich alle in der Kapelle zum Beten treffen. Hovanes macht das wütend, weil er schon länger das Gefühl hat, dass Gott ihm nicht antwortet. Er fühlt sich eingesperrt und einsam. Durch die Begegnung mit Sandro, einer Aushilfe, erlebt er zum ersten Mal Freundschaft und echtes Interesse, allerdings nur für kurze Zeit.

Zweite Erzählebene erzeugt Spannung

Mit viel Feingefühl, guter Beobachtungsgabe und klarer Sprache versetzt sich Sarah Michaela Orlovský in die Gefühlswelt eines pubertierenden Jungen. Beim Lesen fühlt man seine Wut, sein Gefangensein und seine Sehnsucht als eigener Mensch wahrgenommen und geliebt zu werden. Man versteht, dass er an Gottes Liebe zweifelt, weil Menschen ihn verlassen und enttäuschen.

Das Buch enthält eine weitere Spannungsebene durch eine Rahmenhandlung, die einen Unfall von Sirup andeutet, an dem Hovanes Schuld zu sein scheint. Diese Krankenhausszenen werden durch eine andere Schrift abgesetzt und zwischen die insgesamt 24 Kapitel des Buches gefügt. Erst gegen Ende des Buches wird der Unfall und seine Umstände geklärt. Das lässt den Leser doppelt mitfiebern.

Sarah Michaela Orlovsky:
Tomaten mögen keinen
Regen, 176 S., 17,90 €,
Wiener Dom-Verlag 2013,
ISBN: 978 3 7022 3368 6
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Bekannte Gefühle im Gewand einer aktuellen Geschichte

Auch wenn “Tomaten mögen keinen Regen“ ein Jugendbuch ist und vom Dom Verlag ab 12 Jahren empfohlen wird, habe ich mich beim Lesen dieses Romans weder gelangweilt noch unterfordert gefühlt. Im Gegenteil: Es freut mich, dass viele Leser offensichtlich der gleichen Ansicht waren und Sarah Michaela Orlovský für dieses Buch heute den Evangelischen Buchpreis 2014 verliehen bekommt - und auch schon einige andere Preise erhielt.

Das Buch endet mit einem Psalm aus der Bibel: David schreit ‒ wie Hovanes ‒ zu Gott, klagt, wünscht sich Hilfe, Schutz und Freiheit. Aus bekannten Gefühlen im alten Gewand der Bibel macht das Buch „Tomaten mögen keinen Regen“ bekannte Gefühle im Gewand einer aktuellen Geschichte. Und es stimmt nicht, dass es über dem Waisenhaus immer nur regnet...


Kommentare

Von Eva M. am .

Hallo! ich habe versucht den link der lesbar zu öffnen zum buch "tomaten mögen keinen regen", aber es funktioniert nicht. können sie mir da irgendwie weiterhelfen?
Mfg


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