Interview Lesezeit: ~ 6 min

Blind Klavier spielen

Sich als Musiker zu etablieren ist schwer. Mit Behinderung gar unmöglich? Axel Schruhl erzählt, welche Herausforderungen er als blinder Musiker erlebt.

Axel Schruhl ist Musiker. Er hat ein absolutes Gehör und ist von Geburt an blind. Mit seiner fast blinden Frau Stefanie hat er das Duo „One Heart One Soul“ gegründet. ERF Online hat nachgefragt, wie er Musik wahrnimmt und welche Schwierigkeiten er als Blinder in diesem Berufsfeld erlebt.

ERF Online: Was bedeutet dir Musik?

Axel Schruhl: Ich kann mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen. Ich war immer Musiker, selbst in der Zeit, als ich nicht als Musiker gearbeitet habe, war ich immer jemand der Musik als absolute Kunst, als absoluten Genuss wahrgenommen hat. Ich bin da nicht festgelegt auf einen Stil. Ich kann nicht sagen, ob ich das genauso empfunden hätte, wenn ich sehen könnte. Denn mein Leben ist damit losgegangen, dass ich nicht sehen konnte.

ERF Online: Du hast ein absolutes Gehör. Was bedeutet das?

Axel Schruhl: Das absolute Gehör bedeutet, dass man einen Ton nicht nur als Ton wahrnimmt, sondern auch genau weiß, welcher Ton das ist. Das heißt, wenn ich ein C höre, dann weiß ich nicht nur, ob das ein hoher oder ein tiefer Ton ist, sondern ich weiß genau, das ist ein C. Es geht sogar noch einen Tick weiter, weil man nicht nur einen Ton wahrnimmt, sondern mehrere gleichzeitig wahrnehmen kann. Ich kann ohne groß nachzudenken Akkorde analysieren.

ERF Online: Wann hast du gemerkt, dass du ein absolutes Gehör hast?

Axel Schruhl: Ich bin mir nicht sicher, wer mir als Erstes gesagt hat, das ist ein G, das ist ein C. Ich weiß aber, dass ich es schon wusste, als wir unser erstes Klavier gekriegt haben. Das war ein gebrauchtes Klavier, ein hübsches, aber eben gebrauchtes, altes Klavier und es war nicht richtig gestimmt. Es war einen ganzen Ton zu tief. Das wusste ich damals und ich habe es einfach hingenommen. Ich hab mir gesagt: „Okay, dieses Klavier klingt anders, aber ich muss wissen, wenn ich ein G spiele, dann klingt das wie ein F.“ Ich war damals vier.

Nach Gehör Klavierstücke spielen - ganz ohne Noten

ERF Online: Wann hast du angefangen Klavier zu spielen?

Axel Schruhl: Ich hab mit Klavierunterricht angefangen, als ich 4 oder 5 Jahre alt war. Der erste Klavierunterricht war noch nicht so richtig toll, aber natürlich eine super Möglichkeit überhaupt erst mal an dieses Instrument ranzukommen. Ich habe schon früh angefangen als Begleitung zum Radio zu improvisieren. Ich war immer jemand, der viel improvisierte. Meine Eltern wollten mich am Anfang wahrscheinlich mehr als den typischen Konzertpianisten sehen. Aber ehrlich gesagt kenne ich keinen blinden Konzertpianisten, der es wirklich gepackt hat.

ERF Online: Hast du nach Gehör oder nach Blindennoten Klavierspielen gelernt?

Axel Schruhl: Ich habe in den ersten Jahren meines Klavierunterrichts nur vom Tonband gelernt. Es gab damals noch so richtig alte Spulentonbandgeräte, die haben wir immer zum Klavierunterricht mitgenommen. Dann haben wir meine Klavierlehrerin die Stücke aufspielen lassen, die ich spielen sollte. Meine Musiklehrerin aus der Blindenschule fand das echt toll. Sie hat mich immer gefördert und unterstützt. Irgendwann hat sie dann gesagt: „So aber eine Sache kann ich dir beibringen, die kann deine Klavierlehrerin dir nicht beibringen, die Blindenpunktschriftnoten.“ Das hat sie dann gemacht, als ich  in der dritten Klasse war.

ERF Online: Was ist Musik für dich?

Axel Schruhl: Es ist eine Gabe, die ich habe. Musik ist für mich etwas mit dem ich Dinge sagen kann, die ich in Worten nicht so deutlich sagen kann. Es ist eine Gabe, die Gott mir geschenkt hat. Und das schon zu der Zeit in der ich noch nicht an Jesus geglaubt habe. Ich bin mir sicher, dass Gott etwas mit mir vor hat. Gott hat immer etwas Gutes mit uns vor. Das ist für mich das absolutes Credo, auch wenn das platt klingt. Aber nichtsdestotrotz stimmt es. Gott benutzt mich so wie ich bin - mit meiner Musikalität und mit meiner Blindheit. Gott ist nicht jemand, der von vornherein sagt: „Du hast eine supergute Gabe und du hast ein absolutes Defizit.“ Gott nimmt mich einfach an. Das finde ich stark.

Axel Schruhl ist seit 2007 mit seiner Frau Stefanie verheiratet. Zusammen bilden sie das Duo „One Heart One Soul“ und treten in kleinen Clubs auf. Freiberuflich gibt Axel sehenden Schülern Klavierunterricht.

Spaß haben und vom Glauben erzählen

ERF Online: Mit deiner fast blinden Frau trittst du als Duo „One Heart One Soul“ auf. Sie schreibt die Texte und du komponierst. Woher nimmst du die Inspiration für neue Stücke?

Axel Schruhl: Meistens läuft es so, dass ich mir erst mal Steffis Text geben lasse. Steffi hat eigentlich überall, wo sie ist, etwas zu schreiben dabei. Wir haben mehrere Möglichkeiten Punktschrift zu schreiben. Unsere Hauptmöglichkeit ist inzwischen elektronisch. So können wir auch unterwegs etwas aufzuschreiben. Steffi schreibt gerne Texte in der Bahn. Ich gucke mir diesen Text dann an und improvisiere ein bisschen.

ERF Online: Wenn ihr Konzerte gebt, transportiert ihr euer ganzes Equipment alleine und baut es eigenständig auf. Fühlst du dich dabei durch deine Blindheit eingeschränkt?

Axel Schruhl: Ja, natürlich. Ich bin eingeschränkt. Ich kann es nicht verleugnen. Ich bin schon dadurch eingeschränkt, dass ich nicht Auto fahren kann. Als Musiker ist das eigentlich ein No-Go. Nicht Autofahren zu können als jemand, der Instrumente mit sich herumschleppt, die zusammen genommen 60 Kilo wiegen, ist blöd. Es ist besonders schwierig an Orten, wo es nicht viele öffentliche Verkehrsmittel gibt. Aber es ist machbar.

ERF Online: Erzählt ihr in euren Liedern von eurem Glauben?

Axel Schruhl: Wir haben Stücke im Programm, die ganz deutlich unseren Glauben ansprechen. Aber es gibt auch Stücke, die machen wir einfach nur, weil sie uns Spaß machen. Ich finde auch das geht. Wir können da frei entscheiden und diese Freiheit genieße ich sehr. Ich weiß, dass Gott mir meine Musikalität auch geschenkt hat, damit ich und andere Spaß daran haben.

ERF Online: Früher hast du in der christlichen Band „two4one“ gespielt. War es damals leichter das Publikum mit christlichen Inhalten zu erreichen?

Axel Schruhl: Ich bin mir nicht sicher, ob ich damals mit „two4one“ wirklich viele Leute erreicht habe. Und ob ich mehr Nichtchristen erreicht habe als ich heute dadurch erreiche, dass ich in normalen Clubs spiele. Wenn man nur von Jugendgruppe zu Jugendgruppe zieht, von Kirchenraum zu Gemeindesaal - wie wir damals - kann dabei auch herauskommen, dass man als Christ irgendwo im eigenen Saft brät. Das möchten Steffi und ich nicht.

„Ich habe immer noch Träume“

ERF Online: Könntest du dir vorstellen auch mal außerhalb Deutschlands als Musiker aufzutreten?

Axel Schruhl: Ich habe früher gesagt: „Drei Monate auf einem Kreuzfahrtschiff zu spielen, wäre lustig.“ Aber das ist ein harter Job. Ich kenne einige Leute, die es gemacht haben. Ich habe keine Kinder mehr zu versorgen, von daher wäre das vielleicht noch mal eine Idee, aber ob ich die Idee in die Tat umsetze, weiß ich nicht. Die Frage ist auch, ob man auf einem Kreuzfahrtschiff etwas mit einem 50-jährigen blinden Musiker anfangen kann.

ERF Online: Möchtest du weiterhin als Musiker arbeiten?

Axel Schruhl: Ich möchte weiterhin auf der Bühne sein. Das ist ganz wichtig für mich. Ich will nicht durch möglichst viele Jobs möglichst viel Geld verdienen. Denn das würde bedeuten, dass ich weniger Zeit für meine Familie hätte. Aber ich werde auch weiterhin Ausschau halten nach Jobs, die mir die Möglichkeit bieten, Musikstücke zu komponieren und Menschen mit meiner Musik zu helfen.

Ich bin nicht der Beste, das weiß ich ganz genau, es gibt viele andere Leute die besser als ich sind. Im Bereich Musik ist der Konkurrenzkampf immens hoch. Ich bin jetzt 50 und werde nicht jünger. Das bedeutet, dass ich erkennen muss, dass bestimmte Sachen noch gehen, andere aber nicht. Aber ich habe immer noch Ziele, ich habe immer noch Träume, es gibt immer noch Dinge, die ich gerne mal ausprobieren würde, auch musikalisch. Eines dieser Projekte ist es, eine CD mit Steffi zusammen aufzunehmen.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.

 

 


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.