Buchvorstellung

Die Wächter von Enruah

Kann ein Computerspiel so real erscheinen, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen? Ein Fantasy-Roman greift diese Frage auf.

Was ist real? Und was ist wirklich? Gibt es da einen Unterschied? Mit dieser Frage beschäftigt Timo Braun in seinem Buch „Der Wächter von Enruah“ den Leser. Für Jakob, Hauptfigur der Geschichte, scheint sich die Frage gar nicht zu stellen. Als BWL-Student hat er auch wahrlich andere Probleme. Sein Vater hält ihn für einen Versager und die Frauenwelt interessiert sich nicht für ihn. Sollen sich doch der überhebliche Konstantin und Pierre, seine beiden WG-Mitbewohner und Studenten der Philosophie, darüber Gedanken machen. Jakob flüchtet sich lieber in die Welten seiner PC-Spiele.

Wenn aus Spiel Realität wird

Besonders das Spiel „(Realms of) Evertale“ hat Jakob in seinen Bann gezogen. In „Evertale“ wird er zu Darian, einem mutigen und erfolgreichen Schwertkämpfer und stößt eines Tages auf einen Charakter namens Quentin. Dieser hat einen Auftrag für den Krieger: Darian soll eine Schriftrolle zu Bokai bringen, dem Herrscher von dem verborgenen Land „Enruah“.

In der darauffolgenden Zeit verschwimmen die Grenzen zwischen dem realen Jakob und dem fiktiven Darian. Während der an Fieber leidende Jakob am PC sitzt und versucht, seine Kopfschmerzen zu vergessen, findet Darian den Weg nach „Enruah“. Dort angekommen fühlt sich plötzlich alles so echt und lebendig an: Die Muskeln schmerzen, sein Schwert ist messerscharf und die Landschaft sieht unglaublich realistisch aus. Darian begibt sich auf den Weg, um seinen Auftrag zu erfüllen – und auch auf eine Reise zum Herzen von Jakob.

Darians Auftrag gestaltet sich jedoch schwieriger als gedacht. Bokai entpuppt sich als Egozentriker, der das Land kontrolliert und nach immer mehr Macht strebt. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass er mit Hilfe von entführten Männern aus dem ganzen Land inmitten der Hauptstadt einen Turm errichten lässt, der seine Größe zeigen soll.

Aber ist der Herrscher von „Enruah“ wirklich so rücksichtslos und grausam wie er erscheint, oder versteckt sich in ihm ein verletztes Herz, welches der Gnade bedarf? Gibt es vielleicht auch andere Wege den Auftrag zu erfüllen, als Gerechtigkeit gegenüber Bokai walten zu lassen und ihn mit Gewalt zu stürzen? Immer wieder sieht sich Darian mit der Frage nach Gut und Böse konfrontiert, zumal die anderen Charaktere ihn teilweise an Personen aus dem realen Leben erinnern.

Am Ende gelingt es Darian, seinen Auftrag erfolgreich auszuführen. Er begegnet seinem Auftraggeber Quentin und wird mit dem Schiff aus der Spielwelt heraus- und in sein reales Leben wieder hineingeführt.

War diese Reise nur eine Mischung aus Delirium und Fantasie? Egal – Jakob hat in „Enruah“ neu zu sich und seinem Herzen gefunden. In der Realität lernt er nun, Herausforderungen und Probleme nicht mehr als notwendiges Übel anzusehen, sondern sie aktiv und positiv anzugehen.

Stärken & Schwächen

Im Roman lernt man einen Jungen kennen, dem die Realität oft zu kompliziert ist und der sich deswegen in virtuelle Welten flüchtet. Im Spiel erhält Jakob die Anerkennung, die ihm in der realen Welt versagt bleibt. Er hat die Kontrolle über die Geschehnisse, ist beliebt und jede noch so große Herausforderung gelingt ihm relativ mühelos – klar, denn er kann immer wieder zum letzten Speicherpunkt zurück.

Hier greift das Buch eine Thematik auf, die im Zusammenhang mit Computerspielen immer wieder diskutiert wird: Die Sogwirkung eines Spiels wird klar geschildert und für die Gestaltung der Fantasiereise als Ausgangspunkt genutzt. Bei dem Leser kann der Eindruck entstehen, dass PC-Spiele in gewisser Art und Weise verherrlicht werden. Vielleicht bestätigt sich für ihn so sogar die Meinung, dass diese die persönliche Entwicklung eines Jugendlichen schädigen. Es gehört daher Mut dazu, einen christlichen Roman zu veröffentlichen, der sich in dieser Art und Weise mit diesem Thema beschäftigt.

Dem Autor Timo Braun gelingt es jedoch, Fragen mit christlichem Bezug aufzuwerfen und die fantastische Geschichte mit zahlreichen und nachdenklich machenden Gleichnissen zu spicken. Er zeigt außerdem, dass Computerspiele durchaus auch positive Charaktereigenschaften wie Teamfähigkeit fördern und der Spieler durch Parallelen zur Realität fürs Leben lernen kann.

Eines der Gleichnisse ist beispielsweise die zu erkennende Parallele zwischen dem Turmbau in „Enruah“ und dem biblischen Turmbau zu Babel. Zu biblischen Zeiten als auch im Spiel wird der Turm aus dem Bestreben heraus gebaut, Gott gleichzukommen und sich einen Zufluchtsort zu schaffen. Einer der Hauptgedanken des Romans ist es, dass es nicht ausreicht, dem Götzen „Ich“ zu dienen und alles unter Kontrolle zu haben. Wie sähe denn ein eine Welt aus, in der alle meine Wünsche erfüllt werden würden? Würde ich es als Paradies bezeichnen oder wäre es die Hölle?

Ein weiteres christliches Thema, das in der Geschichte aufgegriffen wird, ist das der Vergebung. So muss Darian letztlich die Schriftrolle aus der Hand geben, die ihn an den Herrscher Bokai gebunden hat. Diese Handlung erinnert den Leser an den Bibelvers aus Matthäus 18,18: „Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein.“

Schwachpunkt des Romans ist der Beginn der Geschichte, der tendenziell nur für Leser verständlich ist, die bereits einen Bezug zu Computerspielen haben. Die detailreiche Beschreibung der einzelnen genannten Spiele und deren Terminologie schafft bei dem unkundigen Leser vermutlich mehr Verwirrung als Klarheit.

Fazit

„Die Wächter von Enruah“ ist ein fesselnder Fantasy-Roman, der den Leser auf eine spannende Gedankenreise entführt und auch christliche Themen anspricht. Wer moderne Gleichnisse, Computerspiele und Fantasyliteratur mag, für den ist der Roman genau das Richtige. Alle anderen Leser können über die christlichen Themen auch etwas aus dem Buch mitnehmen – es bleibt jedoch die Frage, ob sie aufgrund der besonderen Thematik lange genug dranbleiben.

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Kommentare

Von Anmerkung der Redaktion am .

Obwohl die Rahmenhandlung in der Rezension grob skizziert wurde, bietet die Geschichte neben der Rahmenhandlung noch viele weitere Handlungsstränge. Der Reiz des Buches besteht besonders aus dem Weg. Lassen Sie sich überraschen …

Von Adele P. am .

Nie würde ich ein Buch kaufen, wenn in einer Rezension schon soviel preisgegeben wird und man gleich erfährt, wie es ausgeht!!! Schade. Das kann man doch auch wirklich anders machen!!!


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