Buchrezension Lesezeit: ~ 4 min

Der Weg

William Paul Young, Autor des Bestsellers „Die Hütte“, hat mit „Der Weg“ ein zweites Buch veröffentlicht. Hält der neue Roman, was er verspricht?

Wenn ein erfolgreicher Autor einen neuen Roman herausbringt, spekulieren Leser und Kritiker oft schon im Vorfeld, ob das Buch an seine letzte Veröffentlichung heranreichen wird. Diese Frage stellt sich auch bei „Der Weg - Wenn Gott Dir eine zweite Chance gibt“, denn den Erfolg von „Die Hütte“ kann Autor William Paul Young kaum toppen. 2007 veröffentlichte der Kanadier den Roman und landete sofort einen Bestseller. Bereits Anfang 2010 hatte sich das Buch weltweit 10 Millionen Mal verkauft und war in 30 Sprachen übersetzt worden. Gestern ist das neue Buch von Young in Deutschland erschienen, einige Tage früher als in den USA. Aber ist „Der Weg“ genauso gut wie „Die Hütte“?

Diese Frage zu beantworten ist nicht leicht, denn obwohl es viele Parallelen zwischen den Romanen gibt, sprechen beide unterschiedliche Themenfelder an. Während in „Die Hütte“ die Frage nach dem Leid vordringlich war, geht es in „Der Weg“ mehr um Charakterbildung und darum wie Entscheidungen unseren Charakter prägen.

Zwischen Leben und Tod

Im Mittelpunkt der Handlung steht Anthony Spencer, ein eiskalter Geschäftsmann. Gefühle kennt er nicht, bei ihm zählen Geld und Erfolg. Von seiner Frau hat Tony sich scheiden lassen, der Kontakt zu seiner Tochter ist abgebrochen; niemanden lässt er an sich heran. Seine Selbstzentriertheit wird durch seinen geradezu paranoiden Verfolgungswahn hervorgehoben und verdeutlicht. Am Anfang des Romans erleidet Tony einen Zusammenbruch und wird mit einer schweren Kopfverletzung ins Krankenhaus eingeliefert. In einer Art „Zwischenzeit“ trifft er Jesus und den Heiligen Geist. Er erfährt von ihnen, dass er im Koma liegt und sterben wird, aber einen Menschen heilen darf.

Für Tony beginnt dann eine ungewöhnliche „Reise“: Erst findet er sich in Cabby, einem Jungen mit Down-Syndrom, wieder, dann begleitet er Krankenschwester Maggie in ihrem Alltag. Tony lernt die Welt durch die Augen anderer Menschen zu sehen. Dabei kommt es zu einigen Verwicklungen, denn Tony kann mit den Personen kommunizieren, in deren Seelen er kurzzeitig wohnt. Im zweiten Handlungsstrang, der genannten „Zwischenzeit“, lernt Tony immer mehr seinen wahren Charakter kennen. Seine Seele - dargestellt als öde Landschaft - wird nämlich bewohnt und bewacht von seinem Ego, das Eigenschaften wie Ehrlichkeit und Anständigkeit als Unkraut ausrupfen lässt. Tony verändert sich, sowohl durch die Gespräche mit Gott in der „Zwischenzeit“ als auch durch das Erleben der Welt aus dem Blickwinkel anderer Menschen. Doch die Frage bleibt: Wird Tony sein Geschenk nutzen, um einem anderen Menschen zu helfen, oder sich selbst heilen?

Gute Botschaft, Realitätsnähe ungenügend

In „Der Weg“ wird die Reise eines Menschen zu sich selbst und zu Gott beschrieben. Durch die Begegnung mit Gott erkennt Tony seine eigenen Charakterschwächen und Fehler. Schutzmechanismen, die jeder Mensch verwendet, werden als das offengelegt, was sie sind: Mauern, die Gott und andere Menschen ausschließen. Weil Tony die Gedanken anderer Menschen teilen kann, lernt er die Bedeutung von Liebe und Vertrauen. Young gestaltet die beiden Erzählstränge authentisch, humorvoll und unterhaltsam. Allerdings übertreibt der Autor es in der Ausgestaltung der Handlung, wenn er die Geschichte von Tonys Familie mit der seiner unfreiwilligen Helfer verbindet. Zudem wirkt unrealistisch, dass bis auf Tony alle anderen Figuren im Roman an Gott glauben. Pathetische Äußerungen und fromme Klischees nehmen die Freude am Lesen.

Manchen Lesern wird auch die „Seelenwanderung“ Tonys negativ auffallen. Dass Tony durch einen Kuss von der einen zur anderen Person übertragen werden kann, mutet komisch an. Doch Tony ist in Youngs Darstellung nur Besucher in fremden Seelen. Er kann die Menschen nicht zu Handlungen zwingen oder manipulieren. Da auch am Aufbau des Buches erkennbar wird, dass die Geschichte eine Art Gleichnis ist, stört mich persönlich dieser Aspekt nicht so stark. Doch ich kann nachvollziehen, wenn Leser gewisse Passagen esoterisch verstehen und dadurch verwirrt oder beunruhigt sind.

Trotzdem ist „Der Weg“ lesenswert, denn Young schafft es, sowohl die übersteigerte Selbstwahrnehmung als auch die Selbstzweifel der Hauptfigur anschaulich darzustellen. Das Zusammenspiel dieser beiden Eigenschaften wird besonders in der Passage deutlich, in der Tony sich seinem eigenen Ego entgegenstellt. Dies ist meiner Ansicht nach eine der stärksten Szenen im ganzen Roman. Auch die Gestaltung der Nebenfiguren gelingt Young: Der leicht zurückgebliebene, aber herzensgute Cabby wirkt genauso lebensnah wie Krankenschwester Maggie in ihrer zupackenden, direkten Art. Neben den Gesprächen mit den verschiedenen Gottesfiguren, die man bereits aus „Die Hütte“ kennt, bereichert gerade dieser zweite Handlungsstrang das Buch.

Fazit

Lohnt sich das Buch also? Ist es so gut wie Youngs erster Roman? Darauf gibt es keine einfache Antwort. In vielen Teilen der Handlung sind die Ähnlichkeiten zum Vorgängerbuch zu groß: Auch Tony hat ein Kind verloren und man ahnt bereits, dass irgendwann die einzelnen Gottespersonen auftreten werden, wenn Tony in der „Zwischenzeit“ landet. Der Überraschungseffekt fehlt. Dennoch ist „Der Weg“ wegen der anderen Thematik kein bloßer Abklatsch von „Die Hütte“. Die Allegorien und Handlungsstränge ähneln sich, sind aber dennoch eigenständig zum Vorgängerbuch.

Insgesamt ist „Der Weg“ ein wertvoller Roman, der mit anschaulichen Gleichnissen darauf hinweist, wie wenig es braucht, um aus unserer Seele eine Räuberhöhle zu machen. Dennoch gleiten viele Passagen in frommen Kitsch ab. Wie bei „Die Hütte“ gibt es einige Punkte, die man an der theologischen Ausrichtung des Buches kritisieren kann. Aber wer das Buch als Allegorie versteht, dem wird es gefallen. Doch so authentisch und berührend wie sein Vorgänger ist es nicht.


Kommentare

Von Anne H. am .

Ich habe das Buch nicht gelesen, sondern nur den Klappentext, war aebr sehr negativ überrascht, dass es wohl darum geht, dass Tony nur in den Himmel darf wenn er eine andere Person heilt. Das hat überhaupt nichts mit dem zu tun, was Jesus sagt.
Fand ich sehr komisch.

Von Aeppli am .

An und für sich gefällt mir die Geschichte. Aber dass sein Geist im Kopf eines anderen Menschen lebt, währenddem sein Körper im Koma liegt, das ist für mich zu skurril und unnötig. Es tut der Geschichte nicht gut, da man somit alles, was geschieht ins Reich der Märchen schieben könnte. Es hätte auch die Möglichkeit geben können, dass sein Geist über den Mitmenschen schweben und so alles mitbekommen könnte.....

Von Johannes M. am .

Das Buch hat mich beruehrt.
Deshalb empfehle ich es gerne witer.

Von Wilfried D am .

Ja, sicher gut gemeint, so eine Buchvorstellung - aber bleibt bei so einer differenzierten und intellektuell abgeklärten Beurteilung nicht allzu schnell nur das Negative hängen mit der Wirkung, das es schon fast Mut braucht, das Buch trotzdem noch zu kaufen? Kitsch und Klischees gehören als Stilmittel doch zum Mainstream in Literatur und Film. Scheinbar hilft es, um ein Massenpublikum zu erreichen. Hätten "Fachleute" zu entscheiden, wäre wohl manches Buch nicht zum Bestseller geworden. Deshalb wäre mir hier eine Skizzierung des Romaninhalts ohne Vergleiche und Bewertung lieber gewesen.


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