Literatur

Tolkien und die Hobbits

Der Autor J.R.R. Tolkien begeistert seit 75 Jahren kleine und große Leser. Tolkiens „Der Hobbit“, sein Leben und Glauben im Kurzformat.

„In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.“ Mit diesem Satz beginnt die Geschichte, die Millionen von Lesern in das Fantasiereich „Mittelerde“ entführt hat. Am 21. September 1937, vor 75 Jahren, erschien „Der Hobbit oder Hin und Zurück“ von J.R.R. Tolkien.

Um nachvollziehen zu können, wie es zu der Entstehung von Tolkiens „Der Hobbit“ und seiner Welt Mittelerde kam, muss man einen Blick auf den Menschen Tolkien werfen.

Ein Professor in Oxford

John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973) war katholisch im anglikanisch geprägten England. Seine Mutter war nach dem Tod des Vaters zum Katholizismus konvertiert, weil sie dort Halt in ihrer schwierigen Lage als Witwe gefunden hatte. Ihr Verwandten missbilligten diese Entscheidung und versagten ihr jegliche Hilfe. Als auch die Mutter starb, wurden Tolkien und sein jüngerer Bruder deshalb von einem katholischen Pater aufgezogen. Was Tolkien in seiner Kindheit liebte? Sprachen – so sehr, dass er sogar selbst welche erfand.

Seine spätere Frau Edith lernte Tolkien kennen, als er gerade einmal sechzehn Jahre alt war – und sie neunzehn. Doch sein Ziehvater war gegen die aufblühende Beziehung zwischen den beiden jungen Leuten, vor allem, weil Edith protestantisch war. Erst wenn er die Volljährigkeit erreiche, dürfe er Edith wieder schreiben, hieß es. Genau das tat Tolkien auch – und kam fast zu spät. Denn Edith hatte sich in der Zwischenzeit schon mit einem anderen Mann verlobt. Doch es wendete sich alles zum Guten und die beiden heirateten 1916. Die Liebe zueinander und zu ihren vier Kindern bildete einen wichtigen Grundstein in Tolkiens Leben.

Tolkien erlebte jedoch auch die Grausamkeiten des Krieges. Er war in der Schlacht an der Somme dabei, die als die grausamste und verlustreichste des Ersten Weltkrieges in die Geschichte eingegangen ist. Sicherlich ist diese Schlacht ein Anstoß zu der Grundthematik seiner Werke: Das Böse fällt unvermittelt in ein friedliches Leben ein und es ist der unerschrockene Mut der „kleinen“ Leute, der das Schicksal zum Guten wendet. In die Zeit des Kriegs fiel auch die Entstehung der ersten Fragmente der Geschichten, die in seiner fiktiven Welt Mittelerde spielen.

Tolkiens Leben wurde nach dem Krieg wieder in beschaulichere Bahnen gelenkt. Er wurde Dozent und Professor an verschiedenen Universitäten, zuletzt in Oxford. Er war – kaum verwunderlich – Sprachwissenschaftler. Ebenfalls in Oxford lehrte C.S. Lewis, der ein enger Freund Tolkiens wurde. Sie teilten die Leidenschaft an Fantasiewelten und lasen sich oftmals ihre Geschichten gegenseitig vor. Dass Lewis später zum christlichen Glauben fand, freute Tolkien. Eine der Geschichten, die Tolkien C.S. Lewis vorlas, war „Der Hobbit“.

„In einem Loch im Boden…“ – Tolkien und seine Hobbits

Hobbit, wird sich manch einer fragen, was ist ein Hobbit? Hobbits lieben gemütliche Wohnhöhlen, Pfeifenrauchen und Essen. Außerdem laufen sie lieber barfuß, haben aber zum Schutz vor Widrigkeiten behaarte Füße. Und sie sind klein, kaum größer als ein Meter. Hobbits leben im Auenland, einem beschaulichen Fleckchen Erde abseits von den Siedlungen der großen Menschen. Tolkien verglich sich manches Mal gern mit ihnen. „'Ich bin selber ein Hobbit'“, schrieb er einmal, 'in allem bis auf die Größe. Ich liebe Gärten, Bäume und Ackerland ohne Maschinen; ich rauche Pfeife, esse gern gutbürgerlich (nichts aus dem Kühlschrank) und verabscheue die französische Küche; ich trage gern – ein Wagnis in dieser öden Zeit – dekorative Westen. Ich mag Pilze (vom Felde), habe einen sehr einfachen Humor (den sogar meine wohlwollendsten Kritiker störend finden); ich gehe spät zu Bett und stehe spät auf (wenn möglich). Ich reise nicht viel.'“1

Der Ring, den Bilbo im "Hobbit" findet, spielt im "Herrn der Ringe" noch eine große Rolle. (Bild: zanastardust [CC-BY-SA-2.0-de] )

Geht es also im „Hobbit“ nur um Essen, Pfeife rauchen und Gartenarbeit? Weit gefehlt: Der Hobbit Bilbo Beutlin bekommt überraschend Besuch von Gandalf dem Zauberer und dreizehn Zwergen. Er soll zusammen mit ihnen nach Osten aufbrechen, um dem Drachen Smaug einen Schatz zu entreißen. Denn Hobbits sind „Leisetreter“: wenn sie es vermeiden wollen, gesehen zu werden, dann sieht man sie auch nicht. Bilbo fällt daher die Aufgabe des „Meisterdiebs“ zu. Der kleine Mann ist von dieser Idee wiederum überhaupt nicht begeistert, denn Hobbits sind nicht unbedingt reisefreudig. Noch weniger wollen sie mit Abenteuern zu schaffen haben. Doch Gandalf ist ein Überredungskünstler – er vermag es sogar, einen Hobbit umzustimmen. Deshalb ziehen alsbald dreizehn Zwerge, ein Zauberer und ein Hobbit nach Osten. Auf der Reise begegnet Bilbo den geheimnisvollen Elben, er durchquert ein ganzes Gebirge – mittenhindurch – und findet sogar einen geheimnisvollen Ring, der ihn unsichtbar machen kann.

Angesiedelt ist die Geschichte um Bilbo in Tolkiens fiktiver Welt Mittelerde, an der er schon länger arbeitete. „Der Hobbit“ war anfänglich nur lose mit Tolkiens sonstiger Schöpfung verbunden. Auf Drängen seines Verlegers schrieb Tolkien eine Fortsetzung zum "Hobbit", die sich aber schnell von einer beschaulichen Hobbit-Geschichte zum Krieg um einen Ring entwickelte: „Der Herr der Ringe“. Inhaltlich sind beide Geschichten verknüpft, deshalb war es notwendig, dass Tolkien im „Hobbit“ einige Änderungen vornahm. Die Fassung, die man heute lesen kann, ist also nicht diejenige, die 1937 erschien.

„Der Hobbit“ erscheint

Tolkien las seinen vier Kindern stets gern Geschichten vor oder erfand selbst welche für sie. So auch seine Geschichte von einem Hobbit und seinen Abenteuern. Über eine seiner Studentinnen kam sein Manuskript in die Hände eines Verlegers Stanley Unwin. Dieser war der Meinung, dass ein Kind ein Kinderbuch am besten einschätzen könne. Weil sein zehnjähriger Sohn  begeistert von der Geschichte war und sogar eine Rezension schrieb, wurde das Buch veröffentlicht. „Der Hobbit“ erschien am 21. September 1937 und die erste Auflage war nach drei Monaten bereits ausverkauft. In der Times erschien eine sehr wohlwollende Rezension des neuen Kinderbuchs. Kein Wunder, der Kritiker war C.S. Lewis.

J.R.R. Tolkien hat „Das Silmarillion“ (1977), „Der Hobbit“ (1937) und „Der Herr der Ringe“ (1954/55) geschrieben. Sie erzählen die Geschehnisse in chronologischer Reihenfolge vom Beginn von Mittelerde bis zu den Ringkriegen, die im „Herrn der Ringe“ behandelt werden. Das „Silmarillion“ wurde allerdings erst posthum von seinem Sohn Christopher herausgebracht.

In Deutschland erschien das Buch unter dem Titel „Der kleine Hobbit“ jedoch erst 1957. Schuld daran war nicht das mangelnde Interesse der deutschen Verleger in den 30er-Jahren. Aber sie hätten gern einen Nachweis von Tolkien gehabt, dass er kein Jude war. Tolkien war zwar kein Jude, lehnte aber aufgrund der Anfrage erbost jegliche Zusammenarbeit ab.

 

Tolkiens Religiosität im Leben und Werk

Tolkien war wie seine Mutter Katholik und nahm seinen Glauben immer sehr ernst. Er war seine Quelle der Zufriedenheit und Freude. „Religiosität war also einer der tiefsten und stärksten Züge seiner Persönlichkeit“2, schrieb sein Biograph Humphrey Carpenter. Und dieser Zug kommt, neben seiner Begeisterung für Altenglisch und Altnordisch, in seinen Werken deutlich zum Ausdruck.

Tolkiens Religiosität gab immer wieder Anlass, seine Werke theologisch auszudeuten. Manche übertrieben es: Frodo, der Handlungsträger im „Herrn der Ringe“ wurde durchaus schon mit Jesus verglichen – eine Deutung, der Tolkien nie und nimmer zugestimmt hätte. Doch natürlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass sich Tolkiens eigenes Weltbild auch in seiner fiktiven Welt wiederfindet.

Im „Hobbit“ und dem „Herrn der Ringe“ wird der Leser allerdings selten über konkrete Hinweise auf den christlichen Glauben stolpern. Zwar wird erwähnt, dass die Geschehnisse kein Zufall sind, sondern Fügung. Aber Tolkien vermeidet es, eine bestimmte Lesart der Sätze vorzugeben. Es war typisch für ihn, in diesen beiden Büchern nur Andeutungen und Hinweise auf einen viel größeren Zusammenhang zu geben. Die Hinweise erschließen sich erst, wenn man seine anderen Werke über Mittelerde ebenfalls kennt.

Weil Tolkien seine Welt möglichst detailgetreu gestalten wollte, existiert auch ein Schöpfungsmythos, der durchaus Ähnlichkeiten zur biblischen Schöpfungsgeschichte aufweist. Tolkien lag es fern, eine eigene „Bibel“ zu schreiben. In seinen Schöpfungsmythos fließen deshalb auch andere Elemente ein, wie etwa Vorstellungen aus der nordischen Mythenwelt. Doch er erschuf einen Mythos, der in seiner Gesamtheit immer noch zu seinem christlichen Weltbild passte.

Tolkiens Einfluss

Am 13.12.2012 erscheint der erste Teil des Kinofilms zum „Hobbit“. Es wird jedoch nicht allein die Geschichte von „Der Hobbit“ verfilmt, sondern es finden auch zahlreiche Szenen aus anderen Werken Eingang in den Dreiteiler.

Tolkiens Werke sind nicht nur weltberühmt geworden, sie prägten und prägen auch eine gesamte Literatursparte. Noch immer müssen sich die Autoren der Fantasy-Literatur mit Tolkien messen. Manche tun das, indem sie sich bewusst von Tolkiens Form der Fantasy abgrenzen. Andere wollen wiederum ebenso detailreiche Welten erschaffen. Das Besondere an Tolkiens Mittelerde ist schließlich seine hohe Detaildichte. Der Leser wird immer wieder bemerken, dass die Bücher, die er liest, nur kleine Ausschnitte von Mittelerde sind. Dass Tolkiens Welt aber überhaupt erst so plastisch und detailreich werden konnte, liegt nicht nur am Perfektionismus seines Schöpfers. Sondern vor allem auch in dem langen Zeitraum, in dem er daran arbeitete. Über fünfzig Jahre hat er erdacht, geschrieben und gefeilt.

Daher ist es nicht verwunderlich, wenn 75 Jahre nach dem Erscheinen des „Hobbits“ der neue Kinofilm im Winter herbei gesehnt wird. Tolkiens Welt kann immer noch so bezaubern wie damals.

 

 

 

 

 

 

 

 


1 Humphrey Carpenter, J.R.R. Tolkien - Eine Biographie. München 1991, dtv/Klett-Cotta, S. 202.

2 Ebda. S. 151.


Kommentare

Von Erhard W am .

wenn man in Oxford Professor wird, dann ist man nicht "einfach"
Grüße

Anmerkung der Redaktion: Danke für den Hinweise. Die Wortwahl war an dieser Stelle tatsächlich etwas unglücklich. Wir haben den Text geändert.


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