Interview

"Mein Kind ist bei Facebook"

Eltern sollten wissen, wie ihre Kinder Facebook sicher nutzen können. Doch was tun, wenn man selbst keine Ahnung davon hat? Autor Thomas Pfeiffer hilft weiter.

Facebook – das ist eine Welt, in der sich viele Eltern im Gegensatz zu ihren Kindern und Teenagern nicht auskennen. Können diese Eltern ihren Kindern trotzdem dabei helfen, das Netzwerk verantwortungsvoll zu nutzen? Ja, sagt Thomas Pfeiffer, Autor des Buches Mein Kind ist bei Facebook. Tipps für Eltern. Im Interview mit ERF Online erklärt er, warum eine elterliche Begleitung der Kinder wichtig ist und plädiert für einen gelasseneren Umgang mit Social Media.

Thomas Pfeiffer ist Diplom-Pädagoge und Programmierer. Als Pädagoge erklärt er jungen und alten Menschen das Internet und engagiert sich im Bereich Netzpolitik und Digitaler Wandel. Er lebt und arbeitet in München.
Mehr Informationen über ihn und seine Arbeit finden Sie unter webevangelisten.de. (Bild: Thomas Pfeiffer)

ERF Online: Sie haben selbst keine Kinder und schreiben trotzdem ein Buch mit Tipps für Eltern, was Facebook angeht. Warum?

Thomas Pfeiffer: Ich bin Diplom-Pädagoge und bekomme in meinem Umfeld mit, dass viele Menschen Fragen zu Facebook haben. Sie äußern immer wieder die Befürchtung, dass Kinder das soziale Netzwerk nicht richtig nutzen oder nicht verstehen, was mit ihren Einträgen passieren kann. Dieses Buch soll eine Handreichung sein, die Generationen miteinander zu versöhnen.

Außerdem stellen gerade jüngere Kinder viele Fragen bezüglich Facebook noch an die eigenen Eltern. Es ist Aufgabe von verantwortungsvollen Eltern, diese Fragen richtig beantworten zu können. Erziehungsberechtigte brauchen dabei nicht alles zu erlauben oder gut zu heißen. Aber ähnlich wie in der Verkehrserziehung sollten sie dem Kind zeigen, wie es sich sicher im Internet bewegen kann. Je kleiner die Kinder sind, desto weniger lässt man sie alleine unterwegs sein – das gilt auch für Facebook.

ERF Online: Viele Eltern sind allerdings selbst nicht bei Facebook und möchten auch nicht hin. Können sie trotzdem ein Ansprechpartner in Sachen Social Media sein?

Thomas Pfeiffer: Genau dafür haben wir das Buch geschrieben. Wir haben einen großen Teil darauf verwendet, es so zu schreiben, dass auch jemand den Inhalt versteht, der nicht bei Facebook ist.

ERF Online: Das Buch beschreibt die Funktionsweise von Facebook recht detailliert. Besteht nicht die Gefahr, dass es deswegen sehr schnell überholt ist?

Thomas Pfeiffer: Wir beschreiben viele Mechanismen wie Facebook funktioniert. Diese Mechanismen wird es voraussichtlich auch in einigen Jahren noch geben. Außerdem sind viele Änderungen minimal. Darüber hinaus bieten wir facebookfuereltern.de an, eine Webseite zum Buch. Dort gehen wir kontinuierlich auf Neuigkeiten ein.

Das Kind begleiten und sich auf die eigenen pädagogischen Fähigkeiten verlassen

ERF Online: Laut den Bestimmungen von Facebook darf ein Kind erst mit 13 Jahren dem Netzwerk beitreten. Was tun, wenn jüngere Kinder schon zu Facebook wollen?

Thomas Pfeiffer: Es gibt Gerüchte, dass es sogenannte gekoppelte Accounts geben soll. Dabei wäre das Profil eines Kindes unter 13 Jahren mit dem eines Erwachsenen verbunden. Grundsätzlich wäre das eine gute Möglichkeit, weil Kinder so begleitet surfen und schrittweise an Facebook herangeführt werden können. Momentan springt ein Kind mit einer Anmeldung bei Facebook quasi ins kalte Wasser. Als Elternteil steht man daneben und hofft, dass das Wasser tief genug ist und das Kind schwimmen kann.

Abgesehen von diesem Gerücht, muss man im Einzelfall entscheiden. Manchmal lässt man auch 11-Jährige schon in einen Kinofilm, der erst ab 12 Jahren freigegeben ist. Als Elternteil muss man verschiedene Aspekte miteinander abwägen, wie zum Beispiel den mitunter berechtigten Wunsch der Kinder bei Facebook zu sein, mit der Frage, ob das Kind reif genug dafür ist oder ob ich genügend Hilfestellung leisten kann. Ich persönlich würde mir von den AGBs eines Unternehmens nicht in meine pädagogischen Kompetenzen hineinreden lassen. Die Altersgrenze wurde von Facebook auch willkürlich gesetzt und nicht aufgrund von pädagogischen Erwägungen.

ERF Online: Was spricht denn dafür, mein Kind bei Facebook mitmachen zu lassen?

Thomas Pfeiffer: Zum einen ermöglicht Facebook den Kontakt mit der Altersgruppe. Wenn viele davon bei Facebook sind, dann wäre ein Kind sozial ausgeschlossen, wenn es nicht dabei ist, keine Fotos anschauen oder kommentieren kann. Dann tauschen sich Kinder genauso wie Erwachsene gerne mit anderen aus. Dafür ist Facebook neben dem Telefon oder einem persönlichen Treffen eine zusätzliche Möglichkeit. Das ist ein Wert an sich, der für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen gilt.

Es gehört auch zu einem medienkompetenten Umgang und zur Selbstverortung in unserer Gesellschaft, dass ich mich mit meiner Meinung darstelle und mit anderen in Kontakt trete. Auch das gilt für Jugendliche genauso wie für Kinder und ist ein wichtiges Prinzip unserer Demokratie. Schließlich macht Facebook einfach Spaß. 22 Mio. Menschen in Deutschland sind dabei, nicht weil sie gezwungen werden, sondern weil es ihnen Spaß macht.

ERF Online: Nun schreibt ein 13-Jähriger aber vielleicht etwas, was er als 20-Jähriger nie mehr so sagen würde. Auf Facebook ist diese Aussage trotzdem zementiert.

Thomas Pfeiffer: Ich kann diesen Schritt nicht mitgehen, dass einem das, was man einmal geschrieben hat, immer wieder vorgehalten werden kann. Als Erwachsener kann ich lernen, mich nicht an dem messen zu lassen, was ich als 13-Jähriger gesagt habe. Außerdem kann ich solche Einträge sehr wohl löschen. Dann sind sie der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Der zweite Punkt ist, wie wir als Umfeld diese Information einordnen. Ich weiß von den meisten Erwachsenen, die ich kenne, dass sie sich irgendwann bei einem Kinobesuch älter gemacht haben oder betrunken waren. Es hat nicht automatisch schlechte Folgen, wenn die Welt weiß, dass ich als Jugendlicher einmal eine Dummheit gemacht habe.

„Mein Kind ist bei Facebook.
Tipps für Eltern”
T. Pfeiffer / J. Muuß-Merholz
208 Seiten
19,80 €
Verlag Addison-Wesley
ISBN: 978-3-8273-3153-3


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(Bild: Verlag Addison-Wesley)

ERF Online: Werden wir konkret: Auf was müssen Eltern achten, wenn ihr Kind bei Facebook aktiv ist?

Thomas Pfeiffer: Zum einen kann man genau festlegen, wer einen bestimmten Eintrag auf Facebook sehen können soll. Ich kann zum Beispiel bestimmen, ob alle Facebooknutzer oder nur meine Freunde sehen sollen, welcher Religion ich angehöre. Darüber hinaus sollte man sich gemeinsam mit dem Kind sein Profil aus der Sicht eines Fremden anschauen. Wenn man dabei merkt, dass Informationen zu lesen sind, die nicht zu lesen sein sollten, muss man sie entweder löschen oder das Publikum für diese Beiträge eingrenzen. Zum anderen kann man mit Freundeslisten genau definieren, wer z.B. eine Statusmeldung lesen kann: meine Fußballfreunde, meine entfernten Bekannten oder nur engere Freunde? Wenn ich diese Vorauswahl getroffen habe, kann ich auch sehr persönliche oder peinliche Statusmeldungen oder Fotos einstellen. Denn das sieht dann nur ein sehr kleiner definierter Kreis, der aus fünf oder sechs Leuten besteht.

ERF Online: Trotzdem besteht die Gefahr, dass ich mich mit einem dieser engen Freunde irgendwann nicht mehr verstehe und er dieses Bild dann gegen mich verwendet.

Thomas Pfeiffer: Ja, aber das ist im Offlineleben genauso. Wenn ich einem Freund ein Geheimnis anvertraue und er erzählt es ein halbes Jahr später jedem, dann ist das nichts anders. Dass Freundschaften auseinander gehen, hat nichts mit Facebook zu tun.

„Die Gefahren sind überzogen dargestellt.“

ERF Online: Nur dass die Reichweite bei sozialen Netzwerken viel größer ist und das Ganze eine Dynamik entwickeln kann, die man unter Umständen nicht mehr stoppen kann.

Thomas Pfeiffer: Das stimmt. Aber wie gesagt, wenn ein Freund mein Vertrauen missbraucht, dann hat das in der Offlinewelt auch negative Folgen. Im Übrigen reden wir auch nicht über intime Details wie zum Beispiel Aktfotos. Solche Dinge sollte man weder on- noch offline anderen zugänglich machen. Es geht um Fotos, die nicht alle sehen müssen, bei denen es aber auch kein Beinbruch ist, wenn man sie sieht.

ERF Online: Wie hoch schätzen Sie aufgrund Ihrer Kenntnisse die Gefahr ein, dass ein Kind auf Facebook tatsächlich ungute Erfahrungen macht?

Thomas Pfeiffer: Es kommt auf das einzelne Kind an und auch darauf, wie selbstbewusst es ist, wie es sich ausdrücken kann, wie es in seine eigene Peergroup eingebunden ist. Insgesamt sehe ich bei Facebook keinen qualitativen Unterschied im Vergleich mit anderen Lebensbereichen. Dem Kind kann auch auf dem Weg in die Musikschule etwas passieren oder der Trainer im Verein kann jemand sein, dem ich eigentlich nicht vertrauen sollte.

ERF Online: Das heißt, man muss die negativen Berichte relativieren, die man in den Medien über Facebook liest?

Thomas Pfeiffer: Medien funktionieren nun einmal so, dass sie nur darüber berichten, wenn etwas Außergewöhnliches passiert. Ein Großteil der katholischen Pfarrer sind z.B. völlig ehrbare Menschen, aber es gibt einige wenige schwarze Schafe und darüber wird berichtet. Das ist eine Medienmechanik. Generell wird beim Thema Facebook vieles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird und auch die Gefahren sind überzogen dargestellt.

ERF Online: Und wenn es doch dazu kommt, dass mein Kind auf Facebook gemobbt wird oder ein peinliches Foto von ihm die Runde macht?

Thomas Pfeiffer: Ein großer Teil des Buches gibt Hilfestellung für den Fall, dass eine solche Situation eintritt. Grundsätzlich darf niemand Fotos von einer Privatperson ohne deren Einverständnis veröffentlichen. Wenn es jemand dennoch macht, weiß man bei Facebook oft, wer das getan hat. Dann kann ich entweder direkt mit dem anderen Kind oder mit seinen Eltern sprechen oder die Schule um Hilfe bitten. Facebook ist kein rechtsfreier Raum und der Täter oder die Täterin hat dieses Foto zu entfernen. Wenn er das nicht macht, kann ich mit ganz normalen pädagogischen oder rechtsstaatlichen Mittel dagegen vorgehen.

Beim Mobbing ist es genauso. Cybermobbing hat große Ähnlichkeit mit normalem Mobbing. Ob hinter dem Rücken offline über jemanden getuschelt wird oder bei Facebook, ist zwar nicht das gleiche. Aber ein Teil der Mechanismen, wie man sich davor schützen oder dagegen wehren kann, wirkt ähnlich. Es gibt auch die Möglichkeit, kompromittierte Accounts bei Facebook zu melden. Davon sollte man sich aber nicht zu viel versprechen. Facebook zeigt sich wenig kooperativ, gegen Benutzerprofile vorzugehen, von denen man nicht genau weiß, wer der Inhaber oder die Inhaberin ist. Das ist tatsächlich ein berechtigter Kritikpunkt, den wir auch als Autoren gegenüber Facebook haben.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch!

Lesen Sie zum Thema auch One Week.No Media - eine Aktion gegen übermäßigen Medienkonsum von Jugendlichen und Kindern.


Kommentare

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Von Otto A. am .

Ja, sage auch: Vielen Dank für das Gespräch-Ich war immer sehr beunruhigt über Missbrauch und unvorhergesehene Effekte in Netzwerken. (Meine Enkelin wird bald ins FaceBook-Alter eintreten).
So werden z.B. heutzutage Informationen, Bilder usw. vom FaceBookals Unterlagen für die Personal-Auswahl in Firmen benützt.
Besser, Schulen und Pädagogen können ja auch gewisse Einblicke in das FaceBook-Milieux der Schüler auswerten um ihnen im "Notfall" zu helfen.
Was ich nicht wusste ist, dass ein Eintrag im Face-Book unzugänglich gemacht werden kann.
Otto

Von Kerstin am .

Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Interview.
Es betrifft ja nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erwachsene, die oft von Meldungen über "Facebook-Viren" & Co. verunsichert werden.
Ich wünsche Ihnen weiterhin Gottes reichen Segen für Ihren modernen Weg der Verbreitung des Wortes unseres Herrn.


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