Jugendliche lernen Medienkompetenz Lesezeit: ~ 4 min

One Week. No Media.

Kein Internet, kein TV, kein Handy. Eine Woche keine Medien. „ONE WEEK. NO MEDIA.“ ist ein Projekt gegen übermäßigen Medienkonsum von Jugendlichen.

Im Internet surfen, SMS an die Freundin schreiben, den Serien-Marathon im Fernsehen anschauen oder nach neuen Freunden auf Facebook suchen: Der Alltag von Jugendlichen wird immer stärker von audiovisuellen Medien und dem Internet bestimmt. Rund 483 Minuten verbringen 14- bis 19- jährige täglich vor TV, Radio, Internet oder mit Tonträgern und Videos1. Schon Kinder werden ständig mit den verschiedenen Medien konfrontiert und wachsen wie selbstverständlich mit ihnen auf.

Sieben Tage „ohne“

Bei allen Chancen, die die Multimedialität mit sich bringt, besteht die Gefahr, dass die Medien die Zeit der jungen Menschen schnell über das gesunde Maß hinaus vereinnahmen. Das können die Mitarbeiter der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva), einem eigenständigen diakonischen Unternehmen in Baden-Württemberg, anhand einer steigenden Anzahl von mediensüchtigen Klienten bestätigen. Eigene Beobachtungen und Studien, die die negativen Auswirkungen eines übermäßigen Medienkonsums beschreiben, wurden für sie schließlich zum Auslöser, die Initiative „ONE WEEK. NO MEDIA.“ ins Leben zu rufen. Für dieses Projekt hat sich eva mit Release Stuttgart e.V., einem Verein zur Beratung und Hilfe bei Drogenproblemen, zusammengeschlossen.

Kinder und Jugendliche führen bei der Aktion gemeinsam mit ihren Eltern und Lehrern eine medienfreie Woche durch. Während dieser sieben Tage verzichten die Teilnehmer auf alle audiovisuellen Medien. Zielgruppe von ONE WEEK.NO MEDIA sind Schüler der zweiten bis siebten Klasse. Darüber hinaus können auch andere Gruppen oder Einzelpersonen das Angebot nutzen. Ziel der Initiatoren ist es, die Medienkompetenz der Beteiligten zu schulen und einen gesundes Bewusstsein für den Umgang mit den Medien zu schaffen. Eine speziell christliche Motivation besteht nicht. Trotzdem sieht Projektleiter Martin Tertelmann eine geistliche Komponente: „Man kann sich nicht mehr für spirituelle Dinge öffnen, wenn man von einem süchtigen Verhalten bestimmt wird.“ Außerdem böten ein passiver Medienkonsum oder Computerspiele keine echte menschliche Nähe und hinterließen ein Gefühl der Leere. Wer sich dagegen Zeit für Ruhe oder das Gebet nähme, würde erfrischt daraus hervorgehen.

Erstmals erprobt wurde die Idee 2007 in einer Realschule in Stuttgart. 28 Schüler und Schülerinnen einer sechsten Klasse verzichteten gemeinsam mit ihren Geschwistern, Eltern und Lehrern für eine Woche auf audiovisuelle Medien. Für die Teilnehmer hieß das, ihren Alltag sieben Tage lang ohne Fernsehen, Computer, Spielkonsole, mp3-Player und Handy zu gestalten. Heute stößt „ONE WEEK. NO MEDIA.“ nicht mehr aktiv Projekte an. Tertelmann weiß aber, dass das Projekt auch ohne besonderen Impuls von eva in Stuttgarter Schulen weiter durchgeführt wird. Anregungen dafür bietet die Webseite: „Auf one-week-no-media.de stehen jede Menge Tipps und Tricks bereit. Außerdem stellten wir dort Werkzeuge wie beispielsweise das Medienprotokoll und Anleitungen für Einzelpersonen und Schulen oder größere Gruppen zum Herunterladen bereit. Diese können sich mit Hilfe der Website ihre eigene medienfreie Woche gestalten.“

Das sagen Teilnehmer zu der Aktion:

"Wir reden seit 2 Tagen wieder mehr miteinander. Man erfährt so etwas vom Anderen, was am Tag war und so. Sonst bin ich nach der Schule nach Haus gekommen und habe gleich den Fernseher eingeschaltet, meine Geschwister die Computer. Und meine Mutter hat uns dann das Essen gebracht." Sven

"Meine Playstation, meine Seele fehlt mir. Hoffentlich ist es bald vorbei." Julian
"Mir ist bewusst geworden, wie einsam ich am Abend eigentlich bin." Mutter aus der Klasse 6

"Ich finde das Projekt ganz große Klasse. Es ist insgesamt ruhiger geworden in der Familie. Man kann die Gespräche zu Ende führen, ohne an die nächste Fernsehsendung oder das Spiel an der Playstation zu denken. Wir werden auch künftig eine Woche ohne Medien einschieben." Vater von Pana

Quelle: ONE WEEK. NO MEDIA.

Aktiv statt passiv

Grundsätzlich gilt für die Gestaltung einer solchen medienfreien Woche der Grundgedanke „aktiv statt passiv“. Wenn die tägliche Zeit vor dem Computer oder dem Fernseher entfällt, bleibt Luft für andere Aktivitäten. Die Möglichkeiten dafür sind vielfältig: Ein Treffen mit Freunden, ein Fußballspiel am Bolzplatz, Musizieren, Lesen oder einfach Ausruhen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, nur sollte der Tag nicht überfüllt werden. Eine positive – wenn auch ursprünglich ungewollte - Erfahrung haben zum Beispiel Pana und Sven, zwei teilnehmende Schüler, gemacht: „Aus lauter Langeweile haben Sven und ich heute Nachmittag einen Rapsong geschrieben.“

Doch reicht eine Woche Medienverzicht aus, um das eingeschliffene Verhalten der Jugendlichen grundlegend zu verändern? Um das herauszufinden haben eva und Release die Teilnehmer im Abstand von einem, zwei oder drei Jahren befragt, ob sich  bei ihnen durch ONE WEEK. NO MEDIA. etwas verändert hat. Die folgende Rückmeldung eines Jungen zeigt, dass eine grundlegende Verhaltensänderung in Bezug auf die Medien nicht immer erreicht wird, der eigene Medienkonsum durch die Aktion aber durchaus kritischer hinterfragt wird. Der Schüler sagt: „Ich gucke zwar immer noch Fernsehen und spiele Computer. Aber wenn ich jetzt mal wieder lange Fernsehen schaue und ihn dann ausstelle, geht es mir schlecht. Dann erinnere ich mich an diese Aktion und denke mir, ich hätte die Zeit auch anders nutzen können.“ Für Projektleiter Tertelmann ist diese Reaktion schon ein kleiner Erfolg. Denn wenn die Jugendlichen den Medienkonsum aufgrund der Aktion auch nicht immer einschränken, ist doch „das Bewusstsein gestärkt worden, dass in übermäßigem Medienkonsum Gefahren stecken.“ Im Internet surfen, SMS mit den Freunden schreiben und Fernsehen schauen werden die Jugendlichen in Zukunft wohl immer noch. Doch die Initiative zeigt ihnen: Ohne geht es auch.


Weitere Informationen:

  • Lesen Sie morgen (16.08.12)  auf ERF Online ein Interview mit dem Diplompädagogen Thomas Pfeiffer zum Thema "Mein Kind ist bei Facebook".

1 Für die Zeitangaben wurde der Konsum der verschiedenen Medien addiert, die Nutzung kann auch parallel stattfinden. Quelle: ard-zdf-onlinestudie.de


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