Buchrezension

Kommentar zum Neuen Testament

Ein wissenschaftlich fundierter Kommentar zur Bibel in einem einzigen Band - geht das? Der Theologe Klaus Berger hat es versucht.

Der emeritiere Professor für neutestamentliche Theologie, Klaus Berger, saß mit seinen provokanten Thesen oft zwischen allen Stühlen der theologischen Wissenschaft. Den Liberalen war er zu bibeltreu, den Konservativen zu bibelkritisch. Gerade was die Datierung der neutestamentlichen Schriften anging war er mitunter weit entfernt vom breiten Konsens der theologischen Wissenschaft. So datiert er das Johannes-Evangelium vor 70 nach Christus, also fast 30 Jahre früher als die meisten Vertreter der historisch-kritischen Methode. Um das Leben Jesu zu rekonstruieren, räumt er hingegen den außerkanonischen Schriften des 1. Jahrhunderts nach Christus eine  besondere Bedeutung ein.

Klaus Bergers Werke finden allerdings nicht nur in der theologischen Wissenschaft eine hohe Beachtung. Eine seiner Stärken war es, zentrale Inhalte des christlichen Glaubens allgemeinverständlich zu formulieren. Viele seiner Bücher wurden Bestseller, allen voran sein Jesus-Buch (Pattloch Verlag, 2004). Jetzt hat der 71-Jährige mit einem Kommentar zum Neuen Testament so etwas wie sein theologisches Vermächtnis herausgebracht.

Aufbau und Inhalt

Auf über 1000 Seiten erörtert der Neutestamentler in einem Band die wichtigsten Einleitungsfragen der neutestamentlichen Schriften und erklärt Abschnitt für Abschnitt die zentralen Inhalte des jeweiligen Bibeltextes. Dabei wird dem aufmerksamen Leser schnell klar, dass es Berger nicht in erster Linie um eine rein wissenschaftliche Erörterung des Textes geht. Nein, Berger bleibt sich treu und versucht, mit seinem Kommentar die Erkenntnisse der Bibelwissenschaft für den christlichen Glauben fruchtbar zu machen. Auf lange Ausführungen zur Forschungsgeschichte verzichtet er deshalb bewusst und verweist im Anhang stattdessen auf die entsprechenden Kommentare.
Berger liefert nur dann religionsgeschichtliche oder historische Informationen, wenn sie zum Verständnis des Textes beitragen. Durch die Konzentration auf das Wesentliche wird Bergers Kommentar sehr kompakt, die Informationsfülle ist jedoch manchmal trotzdem sehr dicht. Der Stil wechselt zwischen Theologendeutsch und Alltagssprache, bei einzelnen Passagen muss man sich sehr konzentrieren. Andere wiederum lesen sich spannend und eingängig zugleich.

Zielgruppe

Bergers Kommentar eignet sich deshalb vor allem für Leser mit theologisch-wissenschaftlichem Hintergrund, die schnell zu den zentralen Aussagen der Texte vordringen wollen. Aber auch für Laien, die tiefer graben wollen, als dies mit Edition C oder Wuppertaler Studienbibel möglich ist, ist der Kommentar auf jeden Fall eine Überlegung wert.
Man darf sich dann allerdings nicht vor dem manchmal etwas umständlichen Stil Bergers abschrecken lassen. Dafür bekommt man einen sehr durchdachten und theologisch tiefgründigen Kommentar, der sich auf die inhaltliche Essens der Textaussagen konzertiert.

Fazit

Ein Kommentar, den nicht nur an Theologie interessierte Laien mit Gewinn lesen werden, sondern auch Theologen, die schnell und ohne unnötige akademische Umwege zum Ziel kommen wollen. Dass manche Auslegung etwas knapp ausfällt, ist zu erwarten, allerdings muss man in Kauf nehmen, dass es unter Umständen Bibelstellen trifft, die gerade in der evangelikalen Welt sehr beliebt sind (z.B. Lukas 15 oder Johannes 3,16). Umso erfreulicher ist es dagegen, dass gerade Bibelstellen, die in frommen Kreisen eher stiefmütterlich behandelt werden, durch Bergers Ausführungen in einem neuen, klareren Licht erscheinen, so zum Beispiel Matthäus 25. Dabei hat Berger den Mut, dort zu schweigen, wo die Bibel es auch tut, um stattdessen den Leser herauszufordern, sich selbst dem Text auszusetzen.

Das ambitionierte Ziel Bergers, einen fundierten Kommentar zum Neuen Testament in einem einzigen Band zu verfassen, gelingt ihm. Allerdings mit Abstrichen. An manchen Stellen hätte ich mir weniger Detailinfos und theologische Fachausdrücke gewünscht, an anderen Stellen wiederum setzt Berger zu viel Fachwissen voraus. Wer tiefer in die Theologie des Neuen Testaments einsteigen will, intellektuelle Arbeit nicht scheut und 44 Euro erübrigen kann, für den ist Klaus Bergers Kommentar zum Neuen Testament durchaus zu empfehlen.

 

Bild: Gütersloher Verlagshaus

Klaus Berger
Kommentar zum Neuen Testament
2011, Gütersloher Verlagshaus.
1049 S., 44 € im Shop ERF.de.


Kommentare

Von Nachdenklich am .

Lesen Sie doch einmal den Artikel über Klaus Berger in wikipedia. Es ist immer hilfreich zu wissen, was das Anliegen eines jeden Theologen ist. So ganz unbedenklich sollte man an so ein Werk nicht rangehen.

Von Michael am .

Klingt sehr spannend, vielleicht ein guter Einstieg in ein aufreibendes Studium...


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