Biographie

"Die Nacht ist vorgedrungen"

Jochen Klepper erlebt die Dunkelheit selbst, die er in seinen Texten beschreibt. Trotzdem hält er an Gott als dem guten Vater fest. Ein Einblick in sein Leben.

Die Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sind für den evangelischen Liederdichter Jochen Klepper gespaltene Jahre. Beruflich bringen sie ihm endlich den ersehnten Erfolg. Privat nimmt der Druck der Nazis auf seine jüdische Frau Johanna und ihre Töchter aus erster Ehe Renate und Brigitte ständig zu. Lesen Sie Auszüge aus der Biographie „Jochen Klepper“ von Markus Baum.

Zwischen dem 17. und 20. Dezember 1937 sind nicht weniger als drei Weihnachtslieder entstanden. Ein Wort aus Luthers Weihnachtspredigt von 1528 hat Jochen Klepper angeregt zu dem Lied "Sieh nicht an, was du selber bist". Tags darauf entstand "Die Nacht ist vorgedrungen", angelehnt an Verse aus dem Römerbrief ("Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen") und aus dem 1. Buch der Könige ("Der Herr hat gesagt, er wolle im Dunkel wohnen"). Noch einmal zwei Tage später lag das "Weihnachts-Kyrie" vor mit dem Titel "Du Kind, zu dieser heilgen Zeit".

Jochen Klepper hat in seinen Weihnachtsliedern die Menschwerdung Gottes, die Inkarnation und vor allem den Zweck dieses himmlischen Rettungsunternehmens meditiert, wie das vor ihm in deutscher Sprache nur Paul Gerhardt getan hat. Kein süßes Jesulein, kein holder Knabe im lockigen Haar findet sich in seinen weihnachtlichen Versen. Dafür weist er immer wieder hin auf den unlösbaren Zusammenhang zwischen Krippe und Kreuz. Zum Beispiel im "Weihnachts-Kyrie":

Die Welt ist heut voll Freudenhall.
Du aber liegst im armen Stall.
Dein Urteilsspruch ist längst gefällt,
das Kreuz ist dir schon aufgestellt.
Kyrie eleison!

Eva-Juliane Meschke1 gegenüber hat Jochen Klepper wiederholt erklärt, "welcher inneren Voraussetzungen es bedurfte, damit er Lieder schreiben konnte. Er musste im Vertrauen auf einen letzten Halt leben und in der Ergebung der dritten Vater-unser-Bitte sein". – "Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden": Das innere Einverständnis mit dieser Bitte hat er sich immer wieder selbst abringen müssen.

Den Nazis ist Kleppers Christus zu schwach

Das neue Jahr beginnt, wie das alte geendet hat: mit Kirchenliedern. Weihnachten war nur der Auftakt – Jochen Klepper hat ja vor, Lieder für den ganzen Jahreskreis zu schreiben. "Kirchenlieder und immer wieder nur ein großes Buch: dahin verdichten sich alle meine Wünsche", trägt er am 11. Januar ins Tagebuch ein. 1938 wird in der Tat sein Jahr der Kirchenlieder, auch wenn das zu dem Zeitpunkt noch nicht absehbar ist. Erst einmal gibt es einen Nackenschlag. A. R. Meyer hat ihn in die Reichsschrifttumskammer einbestellt und sich unmissverständlich zu seinen eingereichten Manuskripten geäußert. "Man wendet sich – 'beratend, nicht eingreifend' – gegen meine geistlichen Gedichte. Und nun wurde es ganz klar ausgesprochen: 'gegen die knechtische Haltung, wie sie der neue Geist bekämpft, der Gestalt Christi gegenüber'." Das zielt auf das "Neujahrslied", mit den in der Zwischenzeit entstandenen neuen Liedern hat sich Meyer noch nicht befasst. Er hat die Veröffentlichung nicht verboten, aber er hat Jochen Klepper einmal mehr eingeschüchtert. So sehr, dass dieser Kurt Ihlenfeld2 bittet, die Weihnachtslieder erst einmal zurückzuhalten und noch nicht, wie geplant, umgehend im Eckart abzudrucken. Andererseits: "Nun ist die Sache nicht mehr meine, sondern Christi Sache." Das befreit ihn zumindest innerlich.

Die nächsten Monate gehören zu den produktivsten in Jochen Kleppers schriftstellerischer Laufbahn. Und das trotz widrigster äußerer Umstände: Das Regime zieht der "Bekennenden Kirche" gegenüber die Daumenschrauben an, so wird Pfarrer Martin Niemöller am 2. März ins Konzentrationslager Sachsenhausen überführt als "Persönlicher Gefangener des Führers". Hanni und die Töchter sind fast im Wochentakt mit neuen Zumutungen, neuen Ausbrüchen von Judenhass konfrontiert. Die angekündigte Enteignung des Hauses macht Sorgen, die Kleppers müssen einen anderen Platz zum Leben suchen und erwägen zwischendurch selbst so bizarre Varianten wie "zurück nach Beuthen" (Jochen Kleppers Geburtsstadt) oder eine Übersiedelung in die Herrnhuter Gemeinschaftssiedlung Gnadenfrei im Eulengebirge. Außerdem liegt Kriegsgefahr in der Luft.

Zu Pfingsten 1938 entsteht das "Mittagslied".

Der Tag ist seiner Höhe nah.
Nun blick zum Höchsten auf,
der schützend auf dich nieder sah
an jedes Tages Lauf ...

Jochen Klepper bekennt dem Tagebuch, dass ihm gar nicht feiertäglich zumute ist. Aber "nach neuen Kirchenliedern ist immer wieder der Friede, der im Herzen immer herrscht, auch in den Sinnen und Nerven". Das Verfassen geistlicher Gedichte verschafft ihm innerlich Luft, ereignet sich in einem Freiraum, den niemand einengen oder beschneiden kann.

Acht Jahre Sehnsucht gestillt

Noch vor Kurt Ihlenfeld und dem Rest der Welt hat Hanni Klepper die Wirkung der geistlichen Gedichte und Lieder zu spüren bekommen. Sie tippt und vervielfältigt die Manuskripte, sie ist den Gedanken immer als Erste ausgesetzt gewesen, und sie gehen ihr nicht nur gefühlsmäßig ans Herz. Offensichtlich haben ihr auch und gerade die Gedichte einen Zugang zum Glauben ihres Mannes eröffnet. Jochen Klepper registriert es beglückt. Die Eheleute rücken innerlich noch enger zusammen. "Alles, was wir erleben, macht uns nur noch einiger miteinander und inniger zueinander." Acht Jahre lang hat Jochen Klepper sich danach gesehnt, auch seinen Glauben mit Hanni teilen zu können. Nun erlebt er "dieses zerrissene und bedrohte Jahr" auch in dieser Hinsicht als "ein solches Geschenk".

Bis zur Auslieferung des "Kyrie" gehen nur wenige Wochen ins Land, aber was passiert in dieser kurzen Zeit alles: Renate hat tatsächlich eine Schneiderlehre in Aussicht, muss aber vorher ein Haushaltspflichtjahr absolvieren (das ist seit Februar 1938 für alle Schulabgängerinnen bis zum 25. Lebensjahr verpflichtend angeordnet, auch für Abiturientinnen; alternativ ist auch ein halbes Jahr "Reichsarbeitsdienst" möglich – aber nur für "arische" Mädchen). Familie Milch in Wolfshau nimmt Renate für dieses Pflichtjahr gern auf. Besorgnis erregt allerdings, dass ein paar Kilometer weiter jenseits der Grenze zur Tschechoslowakei bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, künstlich geschürt von den sudetendeutschen Nationalsozialisten, und dass die Wehrmacht im Riesengebirge massiv Truppen zusammenzieht. Die "Arisierung des Geschäftslebens" (LTI, in Jochen Kleppers Tagebuch ohne Anführungszeichen) wird gnadenlos durchgezogen. Jüdische Ärzte wissen seit dem 3. August, dass sie ihre Praxen bis zum 1. Oktober auflösen müssen. Die "Arisierung" des Grundbesitzes wird der nächste Schritt sein – Hanni bekommt im August zwar von der Dresdner Bank noch einen Zwischenkredit verlängert und erhöht, aber wenige Tage später lässt die Bank das Geschäft platzen. Damit wackelt die Finanzierung des Hausbaus in Nikolassee wieder. Trotzdem erfolgt am 25. August 1938 in der Teutonenstraße 23 die Grundsteinlegung.

Wie weit kann Liebe gehen?

In derselben Woche sorgt die "Namensänderungsverordnung" für Aufregung: "Ab 1.1. müssen alle Juden, ob getauft oder nicht, als zweiten Vornamen den Namen Israel, alle Jüdinnen den zweiten Namen Sara führen. [...] Die biblischen, berühmten Namen sind den Juden gesperrt." Die schlimmste Zumutung für Jochen Klepper ist aber der Gedanke an eine mögliche Zwangsscheidung. Den bringt Dr. Hugo Koch, Jochen Kleppers "weißer Rabe" und zuständiger Referent im Propagandaministerium in einem mehr als einstündigen Gespräch am 2. September auf ("Das wärmste und schwerste Gespräch, das wir je miteinander führten"). Koch deutet "große Erschütterungen" an, weiß von Plänen zur weiteren Verschärfung antisemitischer Maßnahmen, rät dringend dazu, die Kinder außer Landes zu bringen – und selbst auszuwandern.

In zwei Punkten widerspricht Jochen Klepper ihm energisch: Auswandern kommt für ihn selbst nicht in Frage. Er sei dann von seinem Volk abgeschnitten und würde kein Wort mehr zu Papier bringen können, erklärt er Koch. Und vor die Alternative "Ehe oder Vaterland" gestellt, würde er sich für die Ehe entscheiden. Da geht er keine Kompromisse ein. Das ist die unüberschreitbare Grenze. Es ist ein Notizzettel Jochen Kleppers zu diesem Gespräch erhalten, darauf steht die Bemerkung "Koch de seperdione" (= von der/über die Selbstvernichtung). Eher Selbstmord als Scheidung? – Den Rat, die Auswanderung der Töchter zu betreiben, nimmt er sich zu Herzen, und darüber wird er sich auch umgehend mit Hanni einig. Die Sache mit der Zwangsscheidung verschweigt er ihr. Der Tagebucheintrag vom Abend dieses 2. September schließt mit den Worten: "Eins weiß ich: Gott ist kein Quäler, wenn auch der Richter und immer der Führer; und über allem der Vater."

Fast hat es den Eindruck, als lebe Jochen Klepper in diesem Jahr 1938 in parallelen Welten. Die Situation seiner Familie wird immer prekärer, das Regime drosselt den Juden systematisch die Luft ab und ihren "arischen" Ehepartnern gleich mit, wenn sie sich nicht trennen. Aber zur selben Zeit erntet Jochen Klepper als Schriftsteller Anerkennung und wird als das wahrgenommen, was er immer sein wollte: ein protestantischer Dichter, ein Dichter der Kirche. Der handgreifliche Beweis dafür ist das "Kyrie". Am 18. September hält er die ersten Exemplare des Gedichtbandes in Händen. Binnen kürzester Frist gelangt das Buch in die Hände vieler Kantoren und Komponisten geistlicher Musik. Fast wöchentlich bekommt Jochen Klepper Tonsätze seiner Lieder zugeschickt. Auch die Theologen nehmen das "Kyrie" ganz überwiegend positiv auf. Erich Stange etwa, inoffiziell immer noch Leiter des Evangelischen Jugendwerkes in Deutschland, würdigt in einem Brief Anfang Oktober "die enge Verbindung zwischen Schriftwort und Dichtung", lobt, dass die Lieder "durchweg Gebet oder Zuspruch sind. Gerade so steht diese Dichtung im Zentrum der Gemeinde". Das trifft sich mit Jochen Kleppers eigenem Verständnis von geistlicher Dichtung, das er in den Wochen zuvor in seinem Aufsatz Das göttliche Wort und der menschliche Lobgesang entfaltet hat.

Aber grau ist alle Theorie. Entscheidend ist, dass die Lieder und geistlichen Gedichte nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern vorgetragen und wirklich gesungen werden. Genau das setzt nun ein. Pfarrer Kurzreiter will Lieder aus dem "Kyrie" in der Mariendorfer Gemeinde einsetzen. Das Telefon steht nicht mehr still vor Anfragen und Dankadressen, der Briefkasten quillt über von Briefen, in denen Jochen Kleppers Leser ihre Erfahrungen mit den Gedichten – und mit dem "Vater" schildern. Noch ein Vierteljahr, dann wird Jochen Klepper realisieren: "Das für mich Unfassliche ist geschehen; das 'Kyrie' ist in die Häuser gedrungen."

Nachdem der Druck auf Kleppers Frau und Töchter immer stärker wird, nimmt sich das Ehepaar zusammen mit Tochter Renate am 10.12.1942 gemeinsam das Leben. Renate war am selben Tag die Ausreise nach Schweden verweigert worden, ihr drohte die sofortige Deportation in die Vernichtungslager im Osten. Johanna und Jochen Klepper war wiederholt die Zwangsscheidung angedroht worden. Brigitte überlebte als einziges Familienmitglied den Krieg. Sie war mit einem der letzten humanitären Kindertransporte nach Großbritannien ausgereist.

1 Eine enge Freundin der Familie
2 Verleger von J. Klepper


Jochen Klepper
Markus Baum
Neufeld Verlag
ISBN: 3862560147
288 S.
17,90 € (D)

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Eine weitere Leseprobe finden Sie auf neufeld-verlag.de.

Die Textauszüge stammen aus dem Kapitel „Poesie als Freiraum“. Wir danken dem Neufeld Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.


 


Kommentare

Von hans h. am .

Ein erschütternder und doch ein Zeugniss ablegender Bericht über das grosse Gottvertrauen von Jochen Klepper. Herzlichen Dank.

Von Micha am .

Jesus sieht IMMER nur den Beweggrund des Herzens, auch bei Jochen Klepper.

Von Ramona am .

Danke für diesen Beitrag über Jochen Klepper. Sein Schicksal berührt mich sehr, das darf nicht vergessen werden.

Von Irmgard Wagner am .

Ic h tu mir jedes Jahr sehr schwer die Jochen Klepper Lieder zu Weihnachten zu singen, weil er Selbstmord getan hat. Jedoch will ich ihn keinesfalls verurteilen. Das letzte Wort hat ja unser HERR selbst. Bei Gelegeheit werde ich mir diese Biographie bestellen.


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