Themenwoche Schwangerschaft und Kinderwunsch Lesezeit: ~ 5 min

Lasst Kinder wieder Kinder sein

Was macht es mit Kindern, wenn Erwachsene unter Dauerstress stehen? Nichts Gutes, meint M. Winterhoff und wirbt für einen ruhigeren Lebensstil.

Der Radiowecker fiept Sie aus dem Schlaf. Ein paar Minuten im Bett haben Sie noch und die Frühnachrichten gehören zu Ihrem Morgenritual. Die Schlagzeilen*:

Unruhen in Bangkok – Thailands Selbstzerstörung
Die Kanzlerin in der Krise – Baldrian fürs Volk
Lebensmittel – Europaparlament stoppt Fleischkleister
Nach Entführung im Jemen – Kinder kommen nach Hause
Globale Temperatur – Weltrekord im April

Fühlen Sie sich nach diesen Informationen nach wie vor fit für die Aufgaben, die auf Sie warten? Oder erleben Sie eher so etwas wie eine morgendliche Katastrophenstimmung?

Dem Kinder fehlt das Gegenüber

"Ruhige Erwachsene, die intuitiv mit dem Kind umgehen, erzeugen ruhige Kinder, die ihre Kindheit genießen.

Unruhige und getriebene Erwachsene, die ständig mit Druck auf Kinder einwirken, erzeugen, wenn dieser Druck dauerhaft vorhanden ist, die Entwicklungsstörungen im emotionalen und sozialen Bereich, die mir seit Jahren in immer höherem Maße begegnen"
M.Winterhoff

Die aufgeführten Hiobsbotschaften stammen aus Michael Winterhoffs neuem Buch „Lasst Kinder wieder Kinder sein“. Sie sind Teil einer ganzen Liste von realen Negativschlagzeilen eines einzigen Tages. Der Autor zählt sie auf, um an ihnen beispielhaft zu zeigen, was durch die aktuelle Entwicklung in Medien, Politik und Sozialen Netzwerken mit unserer Erwachsenenpsyche passiert: Wir leben ununterbrochen in einem Katastrophenmodus. In einem Hamsterrad, das durch die Flut an Informationen, unserer permanenten Verfügbarkeit und den unendlichen Wahlmöglichkeiten angetrieben wird. Es fällt uns schwer, im wahrsten Sinne des Wortes abzuschalten. Der Dauerstress verhindert, dass wir in uns selbst ruhen. Darüber hinaus übertragen wir diese Hektik auf unsere Kinder und können ihnen gegenüber nicht mehr intuitiv handeln. Wir erkennen nicht mehr, wann sie überfordert sind oder wir von ihnen ein Verhalten verlangen, das nicht ihrem kindlichen Entwicklungsstand entspricht.

Diese Intuition ist nach den Aussagen des Kinder- und Jugendpsychologen Winterhoff aber wichtig, um dem Nachwuchs ein Gegenüber zu sein, an dem er er-wachsen werden kann. Fehlt eine solches Gegenüber, kann sich die kindliche Psyche nicht altersgemäß entwickeln. Dadurch nehmen  u.U. die empathischen, sozialen und kreativen Fähigkeiten des Kindes ab, im gravierendsten Fall wird es verhaltensauffällig oder zeigt Symptome einer Beziehungsunfähigkeit. Das ist zusammengefasst die Botschaft von Winterhoff.

Im Buch selbst analysiert der Autor sehr detailliert und aus verschiedenen Blickrichtungen unsere Stress-Gesellschaft. Er versucht aufzuzeigen, warum die beschriebenen Entwicklungen für Kinder und Erwachsene nicht gut sind. Sein Anliegen ist dabei nicht, mit den bösen, gehetzten Erwachsenen zu schimpfen oder einen weiteren Erziehungsratgeber zu schreiben. Vielmehr möchte er den einzelnen Leser aufrütteln, sein Leben zu verändern, den Hebel des Katastrophenmodus umzulegen und wieder mehr bei sich selbst zu sein. Das zu erreichen, ist Winterhoffs großes Ziel. Denn aus seiner Praxis weiß er, was in einer Familie passiert, wenn die Eltern dauerhaft unter Stress stehen. Wobei Stress im Winterhoffschen Sinn nicht nur einen vollen Terminplan meint, sondern auch jene unzähligen kleinen Tätigkeiten, die verhindern, dass wir uns wirklich mit uns selbst beschäftigen oder uns entspannen: Schnell bei Facebook etwas posten, kurz ein Telefonat führen, nur um der Gesundheit willen einen Waldspaziergang machen.

Ausstieg aus dem Hamsterrad

Um diesem Zustand der Dauerbeschäftigung zu entfliehen, stellt Winterhoff am Ende des Buches einige Möglichkeiten vor, wie man aus dem Hamsterrad aussteigen kann. Das sei allerdings harte Arbeit, zu der wir uns anfänglich sogar zwingen müssten. Oder schaffen Sie es aus dem Stand heraus, 45 Minuten einfach einmal Nichts zu tun: Keine SMS schreiben, keine Zeitung lesen, noch nicht einmal Musik hören? Und würden Sie das als angenehm empfinden oder käme es Ihnen wie Zeitverschwendung vor? Hätten Sie Angst etwas zu verpassen?

"Wir sind die unfreieste Menschengeneration aller Zeiten, weil wir uns selbst nicht mehr aushalten."
M.Winterhoff

Winterhoff ist überzeugt: Wenn Sie durchhalten und diese Übung mehrere Male wiederholen, würden Sie es schließlich genießen. Ihr Leben würde sich entschleunigen. Sie könnten damit leben, wenn ihre Freunde bei Facebook einen ganzen Urlaub lang ohne ihre Kommentare auskommen müssen oder ihr Mobiltelefon nach Feierabend ausgeschaltet bleibt. Ihre Psyche würde sich aus dem Katastrophenmodus verabschieden und Sie wären ausgeglichener und glücklicher. Und: „Glückliche Erwachsene sorgen für glückliche Kinder.“

Als Zugangsmöglichkeit zu einem intuitiveren Lebensstil bringt Winterhoff übrigens auch immer wieder den Glauben ins Spiel, etwa wenn er den Mönch Notker Wolf mit folgenden Worten zitiert: „Ich legte das Heft zur Seite und wusste: Jesus braucht dich! Dein Leben hat einen Sinn. […] Auf Erfolg brauchst du nicht zu schauen, den gibt Gott zu seiner Zeit. Eine Einsicht, die mich zeitlebens vom Erfolgszwang befreit hat.“ Grundsätzlich christlich ausgerichtet ist das Buch aber nicht.

Zielgruppe des Buches sind nicht nur Eltern und Pädagogen, sondern Erwachsene allgemein – eben weil das Problem gesellschaftlicher Art ist und nicht nur Einzelne betrifft. Winterhoff will uns helfen, zu uns selbst zu finden und zu lernen, wie wir aus dieser inneren Ruhe heraus Kinder wieder Kinder sein lassen können. Sein Wunsch wird im letzten Kapitel beschrieben: „Eine gute Zukunft – für uns und unsere Kinder und Enkel.“

Fazit

Die meisten Leser werden sich in der von Winterhoff beschriebenen Gesellschaftsanalyse wiederfinden und aus eigenem Erleben nachvollziehen können, was er meint. Ebenfalls nachvollziehbar sind die Schlussfolgerungen, die er aus seinen Betrachtungen zieht. Allerdings hätten dem Buch ein bisschen weniger Analyse und dafür einige Lösungsvorschläge mehr gut getan. Manche Aspekte werden (zu) oft wiederholt, dafür bleibt anderes schwammig. Der Begriff der Intuition wird zum Beispiel nicht ausführlich genug erklärt – man braucht schon selbst eine Portion derselben, um zu wissen, was der Psychologe damit meint. Wer die vorhergehenden Bücher Winterhoffs nicht gelesen hat, fühlt sich zudem mit Schlagwörtern wie Symbiose oder Projektion alleingelassen. Auch ein noch genauerer Blick auf die Folgen der Hamsterradmentalität für die Kinder wäre wünschenswert gewesen.

„Lasst Kinder wieder Kinder sein“ ist insgesamt jedoch eine gute Hilfe, um das vage Gefühl der dauerhaften Überforderung endlich einmal greifbar zu machen und den eigenen Lebensstil zu überdenken und zu verändern. Es macht Mut, sich selbst um der inneren Freiheit und Ruhe willen zu beschränken und das Tempo auf ein vernünftiges Maß zu drosseln. Dem Buch ist eine weite Verbreitung zu wünschen, gerade in der Generation der 25 – 50 Jährigen. Für sie könnte es eine entscheidende Hilfe für eine gute Eltern – Kind – Beziehung werden. Ein Buch, das man - mindestens -  zwei Mal lesen sollte!

* Die Reihenfolge der Schlagzeilen wurde für diese Rezension leicht variiert.


Michael Winterhoff
Lasst Kinder wieder Kinder sein!
Oder: Die Rückkehr zur Intuition

Gütersloher Verlagshaus
205 S.
ISBN: 978-3-579-06750-6
19,99 € (D)

auch als Hörbuch und eBook erhältlich

Leseprobe

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Mehr zu Michael Winterhoff: Michael-Winterhoff.com


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Kommentare

Von HeHe am .

Ich kenne Herrn Winterhoffs Bücher über die Problematik heutiger Familien und schätze sie. Ich sehe es als ein gesellschaftspolitisches Problem an. Die Politik wünscht, dass Frauen immer eher arbeiten, sie sollen nicht ihre Kinder betreuen, sondern andere, dann muss auch im Falle einer Scheidung der Ernährer nicht für die Frau aufkommen.
Da liegt der größte Knackpunkt. Ehe und Familie stehen nicht unter Schutz des Staates. Um Kinder großzuziehen, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, mehr

Von ERF - Fan am .

Die guten Ratschläge des Autors in die Tat umzusetzen, werden an einem Satz scheitern: "...Das sei allerdings harte Arbeit, zu der wir uns anfänglich sogar zwingen müssten."
Für "harte Arbeit" sind unsere Zeiten zu weich.


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