Buchrezension

Mann und Vater sein

Was macht eigentlich einen guten Vater aus? Familientherapeut und Autor Jesper Juul ist sich sicher: Es ist vor allem eine einzige Eigenschaft: Ehrlichkeit.

Wer ein Erziehungsbuch von Jesper Juul in die Hand nimmt, ist zuerst einmal verwirrt, dann ein bisschen zornig und zu guter Letzt – wenn er durchhält - dann ist es so, als ob jemand die Fenster in einem muffigen Raum öffnet, der schon seit Jahren nicht mehr gelüftet wurde. So zumindest ging es mir bei der Lektüre von „Mann & Vater sein“. Zunächst dachte ich: Wo sind denn nun die Erziehungstipps? Wann wird er denn endlich konkret? Nach einigen Kapiteln wurde ich stinkig: Was, das soll alles sein? Ich soll mir Gedanken über mich selbst machen? Rausfinden, wie ich in meiner Rolle als Vater authentisch und ehrlich mir und meinen Kindern gegenüber sein kann?

Doch je mehr ich mich auf die Lektüre einließ, desto klarer wurde mir: Es geht tatsächlich zuerst um mich. Was sind meine Werte? Was ist mir wichtig? Und: Ich bin Vorbild, egal wie ich mich verhalte. Das war ernüchternd, aber auch befreiend. Es gibt nicht richtige und falsche Erziehung. Ich muss meinen Weg finden. 

„Nicht so wie mein Vater!“

Ich glaube, mir geht es so wie vielen jungen Vätern, die sich fragen: Was bedeutet es, heute Vater zu sein? Sie wollen mehr als Ernährer sein, aber auch mehr als Kumpel. Sie möchten mütterlich-verständnisvoll sein, gleichzeitig aber klar und deutlich. Oftmals definieren junge Väter ihre Rolle, indem sie sich abgrenzen. Sie nehmen sich vor: „Ich will es anders und vor allem besser als mein Vater machen!“. Jesper Juul kennt diese Herausforderung, in der Väter stecken, die ihre Rolle bewusst gestalten:

„Auf den jungen Vätern lastet heute eine große Bürde: nämlich die Forderung, sie mögen für ihre Kinder positive Vorbilder sein. Diese Forderung ist unrealistisch! Dass Eltern für ihre Kinder Vorbilder sind, ist klar, aber dass sie ausschließlich „gute Vorbilder“ sein können, ist schlichtweg unmöglich und ein völlig illusorischer Anspruch. Ob negativ oder positiv – die Eltern, die du hast, sind dein Ausgangspunkt und deine Inspirationsquelle.“ (Juul, S. 14)

Mutig auf Konfliktkurs gehen

Jesper Juul ist in seinen Ratschlägen – und die gibt er, auch wenn er kein klassischer Erziehungsratgeber sein will – mitunter sehr klar und deutlich. Erziehung geschieht immer nur in Beziehungen und dazu muss ich mich öffnen, gegenüber meinem Kind, aber auch meiner Partnerin. Das kann bedeuten, dass es zu Konflikten kommt. Dann nämlich, wenn die Partnerin die Erziehungskompetenz in erster Linie bei sich sieht. Dann soll, so Juul, der Mann Verantwortung übernehmen. Und das kann auch bedeuten, dass er in Erziehungsfragen auf Konfliktkurs geht:

„Wenn du beispielsweise mit deinem Kind ausgehen willst und deine Frau hält dich an der Haustür auf und meint, das Kind brauche wärmere Klamotten, dann denk darüber ernsthaft nach, und wenn du anderer Meinung bist als sie, lass dich nicht aufhalten und geh mit deinem Kind einfach los, auch wenn sich deine Frau eventuell aufregt oder dich sogar beschimpft – dieser Sturm geht bald vorbei. Diese Verhaltensweise ist für dich die einzige Möglichkeit, deiner Partnerin zu signalisieren, dass sie in dich Vertrauen haben kann, dass du dir sehr wohl dessen bewusst bist, welche Verantwortung du hast, dass du aber diese Verantwortung für dein Kind gerne und bewusst auf dich nimmst.“ (Juul, S. 46)

Bild: Herder

Juul, Jesper und Szöllösi, Ingeborg (Hrsg.)
Mann und Vater sein
2. Aufl. 2011, Verlag Herder
200 Seiten,
14,95€

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Von Kindern lernen

Entscheidend bei alldem ist aber, wieder Zuversicht in die eigene Person und die eigene Rolle in der Familie zu entwickeln. Einer der größten Feinde beim Thema Erziehung ist die Angst. Die Angst, kein guter Vater sein, dieselben Fehler zu machen, die bereits der eigene Vater gemacht hat. Angst hat ihren Platz, so Juul, wo sie aber die ganze Erziehung bestimmt, wird sie zu einer großen Gefahr:

„Angst haben viele Paare, wenn sie ein Baby erwarten: Angst, dass das Baby mit einer Behinderung zur Welt kommt. Angst, dass sich Schwierigkeiten bei der Geburt einstellen […] … Diese Ängste sind nicht unbegründet, da solche Vorkommnisse nicht aus der Luft gegriffen sind. Auch die Angst, die du empfindest, wenn dein Kind in den Kindergarten kommt oder eingeschult wird, ist nachvollziehbar […]. Die Angst jedoch, die sich aus deinem Wunsch ergibt, der bester Vater der Welt zu sein, geht an der Wirklichkeit vorbei – und ich rate dir, diese Angst loszulassen und statt dessen das Vatersein mit und von deinem Kind zu lernen […]. Wenn du also am Abend im Bett liegst und es überkommt dich diese Art von Angst, gibt es nur ein Heilmittel: Stell dir diese Frage: „Was habe ich heute von meinem Kind gelernt – über es selbst, über mich und das Leben ganz allgemein?“ Beantworte dir diese Frage und ich versichere dir, du wirst wie ein Baby sofort einschlafen. (Juul, S. 120)

Fazit: Unbedingt empfehlenswert

Man merkt dem Buch von Jesper Juul die langjährige Erziehungspraxis an. Immer wieder gibt es praktische Beispiele oder Berichte, wie andere Väter ihre Rolle gelebt haben. Grundlage des Buches waren nicht zuletzt auch Interviews, die Juul zusammen mit Ingeborg Szöllösi geführt hat. 13 dieser Berichte bilden den Abschlussteil des Ratgebers und offenbaren eine sehr persönliche Sichtweise auf das Thema Vaterschaft.

Wer sich ernsthaft mit seiner Rolle als Vater beschäftigen will und lernen möchte, ein besserer Vater zu sein, der kommt um dieses Buch nicht herum. Auch wenn er einsehen muss: Einen perfekten Vater kann es gar nicht geben. Einzig und allein die Darstellung der Partnerin als Übermutter erschien mir zu einseitig. Ich kenne in erster Linie Mütter, die sich mehr Engagement und Verantwortung von ihren Männern im Hinblick auf die Erziehung wünschen. Wer sich daran nicht stört und nach frischem Wind in der Vielzahl der Erziehungsliteratur sucht, dem sei „Mann &  Vater sein“ wärmstens empfohlen.


Kommentare

Von Ylb am .

@ERF-Fan: Klar gibt es sehr viele Ratgeber und jeder scheint einen Rat zu haben. Ich denke Gott hat schon Menschen berufen anderen auch in Erziehungsfragen zu dienen. Jeder beurteilt einen Ratschlag entsprechend auf seine Situation...aber es ist doch durchaus möglich neben dem gesunden Menschenverstand auch durch gesunden Menschenverstand Rat zu erlauben und anzunehmen. Ich denke nicht nur unsere Generation scheint verloren sondern die Ganze Welt geht falsche wege...und das nicht nur in dieser mehr

Von Konrad B. am .

Ich möchte ein guter Vater sein! Ich möchte nicht die gleichen Fehler machen, die mein eigener Vater gemacht hatte.
Ich will meinem Namen "Konrad"
gerecht werden: "mutig im Ratgeben!"
JESUS wird in Jesaja auch als "Wunder-Rat" bezeichnet. JESUS
ist mein Vorbild. "GOTT-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst!" Kein Name kommt dem Namen JESU gleich! Und vor SEINEM Namen sollen sich einst beugen alle Knie,
Derer, die im Himmel u. auf Erden u. unter der Erde sind! "Denn es ist uns kein anderer Name mehr

Von Alfred F. am .

Das wichtigste ist doch das wir für unsere Kinder beten und Jesus um Weisheit bitten für die rechte ERziehung. -Gott ist auch der fürsorgende Vater - für unsere Kinder. Hilfreich ist doch das ich lerne meine Kinder mit der barmherzigen Liebe liebe, dessen Quelle Jesus selber ist. Jesus dar ich auch meine Grenzen und Hilflosigkeit in vielen Situationen sagen. Das ist doch tröstlich.- Hilfreich ist auch sich Gebetspatner zu zu suchen.

Von ERF - Fan am .

"Angst" ist kein gutes Wort. Angst ist nicht in der Liebe, schreibt Johannes und die Tatsache, dass ein Ratgeber-Buch nach dem anderen den Markt erobern möchte, zeigt, wie unsicher, orientierungslos und verloren unsere Generation ist. Ich bin der Ratgeberliteratur müde und erziehe meine Kinder nach dem gesunden Menschenverstand, mögen sie mir dafür danken oder nicht.


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