Buchrezension

Offen für alles und nicht ganz dicht

Wer ist sie, die Generation, die ohne Facebook und mit nur einem Kanzler groß wurde? Florian Schroeder löst das Rätsel - zumindest so halb.

Florian Schroeder erinnert mich an einen Kursleiter, den ich während meine Ausbildung zur Redakteurin hatte:  lässig drauf, smart aussehend, unheimlich cool. Ein Checker eben. Normalerweise schüchtern mich solche Typen ein. Und jetzt lässt einer mich hinter seine Hochglanzfassade schauen.

Nicht persönlich, aber immerhin auf den Seiten seines Buches „Offen für alles und nicht ganz dicht“. Den unter 39-Jährigen verspricht Schroeder dabei, dass sie sich nach dem Lesen selbst besser verstehen werden. Wer älter ist, dem soll aus seiner Verwirrung über das Verhalten seiner „Kinder, Neffen, Nichten“ und anderem „Patchwork-Gesocks“ herausgeholfen werden.

Das bin ich auch: Native in Analogistan, Tourist in Digitalien

Gleich im ersten Kapitel stelle ich erleichtert fest: Auch ein hipper Kabarettist und Radiomoderator bekommt bei Starbucks heimlich Schweißausbrüche, wenn er korrekt und zügig zwischen Caffè Latte, Caramel Macchiato oder Chocolate Mocha bzw. tall, grande und venti wählen soll.

Ein solches Bekenntnis ist mir sympathisch – und das bleiben mir die Offenbarungen des Südbadeners noch eine ganze Weile. Denn zum einen macht es Spaß, sie zu lesen. Und zum anderen finde ich mich darin wieder – schließlich sind wir beide Jahrgang 79. Auch ich bin eine „Enkelin Kohls“, dem politischen Fels in der Brandung unserer ersten sechzehn Lebensjahre. Auch ich bin ein Grenzgänger zwischen der alten Welt, in der es Telefone mit Wahlscheiben gab und der neuen, in der Facebook und Smartphones die Kommunikation bestimmen. Auch ich habe Musik aus dem Radio auf BASF Chrome Kassetten aufgenommen und auch ich möchte mich nicht von diesen Schätzen trennen, selbst wenn die „touchpadverseuchten Digitalien-Bewohner“ das nie und nimmer verstehen. Wie schreibt Schroeder so schön „Ein bisschen Mittelalter schadet nie.“

Sag mir, wie's um mich steht. Aber bitte nur ein bisschen.

Aber “Offen für alles und nicht ganz dicht“ ist mehr als ein geistreiches und wortwitziges Portrait einer Gesellschaft, die sich in den letzten dreißig Jahren extrem verändert hat. Bissig streut Schroeder zwischen die Zeilen immer auch ein bisschen Kritik. Die ist durchaus hintergründig und zeigt das Dilemma einer Generation, die vom Wahl-O-Mat die Empfehlung bekommt, Schwarz-Grün zu wählen. Warum? Weil sie Protest super findet. „Aber nur in Markenklamotten. Oder online. Oder in Markenklamotten online. Protest 2.0 eben. Dank schnellem Internet (CDU) und einem Glauben an eine besser Welt (Grüne) geht das bald auch im ICE.“

Bei aller Selbstoffenbarung und Kritik wahrt der Autor jedoch immer eine ironische Distanz. Nie weiß man, ob er das Gesagte wirklich genau so gemeint hat. Nie gibt er seinen Standpunkt ganz preis. Auch damit ist er ein Kind seiner Zeit: „Als ironischer Mensch weiß ich nichts besser. Ich habe keine Vision, keinen Glauben, keine Überzeugungen. Ich sage überrascht „Nee, nicht wirklich?“, weil eine Meinung ja endgültig wäre. Und endgültig ist immer schlecht.“

Das klingt nicht gut. Irgendwie nach Motorschaden.

Je länger ich das Buch lese, desto mehr staune ich darüber, dass ein hipper und angesagter Journalist vieles ähnlich empfindet wie ich. Und es überrascht mich, dass Schroeder manchmal wie nebenbei auch einen Bezug zwischen diesen Entwicklungen und dem verloren gegangenen Glauben an einen Gott zieht: „Heute muss jeder ein Kreativer sein, ein Schöpfer, der Gott spielt und seine eigene Welt erschaffen kann. Kreativität ist dabei keine Möglichkeit, gar eine Gabe, sie wird erwartet. Und zwar von jedem. […] Wir verkaufen nicht mehr nur unsere Arbeitskraft, wir verkaufen uns selbst. Du bist deine Leistung, ein Unternehmer deiner selbst.“

Diese und andere Stellen im Buch machen klar: Hier sieht jemand ganz tief. Was mich beim Weiterlesen jedoch verblüfft und irritiert ist, dass Schroeder keine Konsequenzen zieht. Je mehr sich das Buch zuspitzt – symbolisiert in der Beziehungskriese mit seiner Freundin Anne - desto mehr wartet man als Leser auf einen erlösenden Befreiungsschlag, eine Entscheidung und vielleicht auch ein bisschen auf ein Happy End. Schließlich hat der 31-Jährige auf dem Cover doch versprochen, dass seine Generation viel Spaß dabei hat, wenn sie im Leerlauf Vollgas gibt.

Stattdessen bleibt am Schluss nur die vage Hoffnung, dass irgendwie vielleicht doch auch so noch alles gut wird. Das macht zumindest mir keinen Spaß, sondern ist deprimierend. Genauso wie das letzte Kapitel, das mit dem Titel Nichts! überschrieben ist und so aufhört: „Im Grunde warte ich auf die Welle meines Lebens. Viele schöne kleine lass ich vorbeiziehen. Ich lege mich höchstens kurz rein, probiere sie aus und verlasse sie wieder, noch bevor ich weiß, was aus ihnen wird. Aber die nächste Welle wird kommen. Ganz sicher. Ich muss nur warten lernen. […] Und so warte ich auf die Welle, die alles überspült, ohne mich nass zu machen. Bis dahin werde ich weiter versuchen, die Stille auf Distanz zu halten. Die Stille, in der die Angst kommt. Die Angst, mich selbst zu verpassen.“

Gib mir einen Augenblick, der zählt!

Es ist dieses Ende des Buches, das mich auf eine hilflose Art sprachlos macht – so prägnant und witzig ich viele Passagen finde. Kann es sein, dass jemand eine so scharfe Analyse hinlegt und sich von den Ergebnissen verabschiedet, ohne sich damit auseinanderzusetzen? Oder zieht Schroeder damit – zugegeben auf geniale Weise - nur konsequent seinen Stil durch: Mit einem Augenzwinkern rein in den Text und mit einem Augenzwinkern wieder raus, ohne es wirklich so ganz genau so zu meinen?

Dann bliebe die Hoffnung, dass es im wirklichen Leben ein anderes Ende gibt. Eines, das nicht ständig aufgeschoben, sondern gelebt wird. Mir fällt Jesus ein, der seinen Nachfolgern ganz ohne Ironie ein erfülltes Leben verspricht. Oder Samuel Harfst, der mit Standpunkt singt: „Ist es nicht wunderbar, an diesem Tag zu sein. Es ist ein Privileg, erachte es nicht als klein. […] Lebe die Zeit in Perspektive Ewigkeit.“

Möglicherweise bin ich einfach auch nicht hip genug, um permanent mit dieser Augenzwinkerei zu leben. Sei's drum: Ein Blick hinter die Hochglanzfassade habe ich bekommen. Zumindest so halb.


Florian Schroeder

Offen für alles und nicht ganz dicht

rororo Verlag

ISBN 978-3-499-62736-1

240S.

9,99€ (bei rororo bestellen)

Leseprobe


Kommentare

Von Rouven am .

Moin moin,
schade, dass Ihr Fazit in der Rezension etwas negativ ausfällt, klingen die Töne im Verlauf doch anders an.
Ich denke, damit ist es schon genau ins Schwarze getroffen, um zwei Punkte zu nennen: "Endgültig ist immer schlecht" (denn endgültig ist bloß... wer weiß) und wie Markus schon schrieb, es ist gar nicht verkehrt in dieser Zeit, wo jeder Heini ein Buch veröffentlicht, den Verlauf offen zu lassen, denn wir sind ja beileibe nicht am Ende und gut dabei, nach dem Schmunzeln auch mehr

Von Markus K. am .

Liebe Frau Wilhelm,
vielen Dank für Ihre Buchvorstellung. Es gibt für das Ende auch noch eine dritte Möglichkeit: Genau indem der Autor das Ende ein bißchen ernüchternd, den Leser allein lassend (zumindest habe ich Ihre Buchvorstellung so verstanden) gestaltet, bringt er den Leser dazu, genau das zu empfinden. Indem er eben keine Lösung vorgibt, ist der Leser herausgefordert, seine eigene zu finden. Demnach macht der Autor deutlich, wo der Leser steht. Erst diese Erkenntnis bringt uns zum mehr


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