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"Patentöchter: Im Schatten der RAF - ein Dialog"

30 Jahre nach dem Mord an ihrem Vater trifft Corinna Ponto Julia Albrecht. Sie ist die Schwester einer beteiligten RAF-Terroristin.

Auf einer Bank am Pariser Platz in Berlin sitzen zwei Frauen. Seit drei Jahrzehnten sind sie sich nicht mehr begegnet. Vorsichtig, tastend, beginnen sie miteinander zu reden. „Unser Gespräch bekam bald einen fließenden Rhythmus des wechselseitigen Erzählens, von Anfang an unterbrochen durch Pausen des Respekts. Das Gespür, wann wir besser zu sprechen aufhörten, war immer präsent... “

Die Ehefrau musste den Mord aus nächster Nähe miterleben

Es ist Corinna Ponto, die diese Sätze schreibt, und sie berichtet darin von ihrer Begegnung mit Julia Albrecht, der Schwester einer RAF-Terroristin, die an der Ermordung ihres Vaters beteiligt war. Beide Familien, die Pontos und die Albrechts,  waren vor dem Mord befreundet. Die Freundschaft der Väter hatte sie zusammengebracht. Doch dann, am 30. Juli 1977, betraten drei junge Leute das Grundstück der Familie Ponto in Oberursel: Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt und Susanne Albrecht. Es gab keinen Grund, den Dreien nicht die Tür zu öffnen, schließlich war Susanne Albrecht der Familie Ponto bestens bekannt.

Doch an diesem Tag wurde sie zur Türöffnerin für den Terrorakt. Geplant war eine Entführung, es kam zum Mord. Ignes Ponto, die Ehefrau, musste die Ermordung ihres Mannes aus nächster Nähe miterleben. Im angrenzenden Wohnzimmer sieht sie, wie viele Male auf ihn geschossen wird. In ihrem Bericht heißt es: „Jürgen stürzt getroffen wenige Meter vor mir zu Boden, die Mörder rasen, angeführt von Susanne, aus dem Zimmer. (…) Ich wähle den Notruf, schreie nach Polizei, Rettungswagen, stürme zu Jürgen, kann nicht fassen, nicht begreifen, was ich sehe…“

„Meine Schwester war aus der Welt gefallen“

Zwar kommt es nach dem Mord noch einmal zu einer Begegnung zwischen Ignes Ponto und den Eltern von Susanne Albrecht, doch danach wird die Verbindung zwischen den Familien abgebrochen. Über 30 Jahre bleibt das so – bis zu jenem Treffen der beiden Frauen in Berlin. Wie kam es zu dieser Begegnung und was wurde daraus? Darum geht es in dem Buch. In 35 beeindruckenden, manchmal bewegenden Briefen und Berichten erzählen die beiden Autorinnen von der Wiederannäherung an eine alte Freundschaft..

13 Jahre alt war Julia Albrecht, als das Verbrechen geschah. Der Ermordete, Jürgen Ponto, ist ihr Patenonkel. Und dass ihre Schwester daran beteiligt war, kann sie nicht wirklich begreifen: „Meine Schwester war aus der Welt gefallen. Das war für mich als Kind kaum zu verkraften. Und wenn ich mir heute vorstelle, wie das für meine Eltern gewesen sein muss, weiß ich nicht, wie sie damit leben konnten.“ Sie erinnert sich, dass sie in der Nacht darauf  bei ihren Eltern schlief („Das hatten wir noch nie getan. Es war dem Grauen geschuldet, dem Wunsch, sich aneinander anzulehnen, Trost zu erhalten, wo es keinen Trost gab“).

 

Bild: Kiepenheuer & Witsch

Julia Albrecht, Corinna Ponto
Patentöchter

Kiepenheuer & Witsch, 240 S.
€18,99 bei Amazon.de

„Weißt du, wer es war?“

Besonders schwer ist es für die Dreizehnjährige, dass das Fahndungsfoto ihrer Schwester auf einem Plakat in der Schule zu sehen ist. Der „Spiegel“ bringt es sogar auf der Titelseite. Haut, Haare und Hintergrund sind rot eingefärbt. Über die Schulzeit schreibt Julia: „Das war das Prägendste dieser Jahre, die permanente und lückenlose Identifikation als Schwester der Schwester.“

Und Corinna Ponto? Sie ist zu einem vierwöchigen Studienurlaub in London, als der Mord geschieht. Zunächst erfährt sie durch einen Boten der Dresdner Bank davon (Jürgen Ponto war Vorstandssprecher der Dresdener Bank). Kurz darauf ruft ihre Mutter an. Auf die Frage der Tochter, wie es zum Tod des Vater kam, sagt sie: „Es war Mord.“ und auf die Rückfrage von Corinna: „Weißt du, wer es war?“ -  nach einer Pause: „Susanne“.

„Diese Schweine! Diese Schweine! Diese Schweine“

Corinna Ponto schreibt über ihre Ankunft in Oberursel: „Es war kein Nach-Hause-Kommen, sondern Ankunft an einen Tatort…Polizeiautos standen quer, irgendwo flimmerte ein unermüdliches Blaulicht…“ Später, unmittelbar nach der offiziellen Trauerfeier in der Frankfurter Paulskirche, kommt es zu einem zweiten Angriff. Ignes Ponto berichtet darüber in einem kleinen Buch an ihre Freunde: „Ich bin ein Stein in der Paulskirche. (…) Die Menschen sind wie ein Wall vor der Kirche – ich spüre nichts mehr… Erst nach dem Essen, das sich der Feier anschließt, breche ich zusammen. Jemand bringt aufgeregt die Nachricht: „Es brennt bei Ihnen zu Hause!“ Ich höre mich zum ersten Mal in meinem Leben brüllen: „Diese Schweine! Diese Schweine! Diese Schweine“ Dann kann ich nicht mehr. Helfer tragen mich in ein Hotelzimmer – die Beruhigungsspritzen geben mir Schlaf.“

Dieser zweite Angriff wird zu einer Zäsur im Leben von Frau Ponto und ihrer Kinder. Ihr wird klar: „Mit Leibwächtern leben, tagaus, tagein, das darf nicht mein Schicksal werden.“ Am nächsten Abend ist sie bereits mit ihren Kindern in London, dann geht es weiter nach Amerika.

Aus Susanne Albrecht wird Ingrid B.

Und die Familie Albrecht? 13 Jahre lang hört Julia Albrecht nichts von ihrer Schwester Susanne, sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Dann - im Juni 1990 - wird sie in Ostberlin festgenommen. Die DDR-Führung hatte ihr (wie auch anderen Terroristen) eine neue Identität gegeben. Sie heißt nun Ingrid B., ist verheiratet, hat einen Sohn. Fast hilflos sitzt Julia Albrecht der Schwester beim ersten Wiedersehen im Gefängnis gegenüber: „Da saß Susanne allein hinter einem Rahmen, eine Art Durchreiche, an einem Tisch. Es war grauenhaft. Ein Gemisch widerlicher Emotionen hing im Raum, Tränen flossen, man konnte sich nicht normal verhalten…“

Der Vater kann das Auftauchen und die Festnahme seiner Tochter nicht mehr erleben, er ist bereits tot. Aber es existiert ein Brief von ihm, den er bereits vor der Tat (1976) an seine Tochter schrieb: …Manchmal glaube ich, dass Du mit einem Fuß vor dem Abgrund stehst. (…) Du willst allenfalls die Welt verbessern, und Dir ist bisher nichts eingefallen, als sie zu zerstören. (…) Bitte verplempere nicht dein Leben. Hör auf mit dem Verzweiflungsspiel. (…) Susanne, ich habe große Befürchtungen für Dich…“ In einer späteren Notiz fügte er hinzu: „Nicht abgesandt“. Auf Bitte der Mutter hat Julia eine Kopie dieses Briefes ihrer Schwester Susanne geschickt. Aber sie hat nie darauf geantwortet.

Der Vater, Hans-Christian Albrecht, hat unter der abgebrochenen Beziehung zwischen den beiden Familien sehr gelitten. 1992 schrieb er in einem fiktiven Brief an seinen toten Freund: „…Über 30 Jahre waren wir befreundet. Wir haben unsere allerbesten Jahre miteinander erlebt. Wir haben geheiratet, und unsere Freundschaft erweiterte sich auf unsere Frauen, bald auch auf unsere Kinder, auch auf unseren Nachkömmling Julia, die Deine Patentochter wurde, so wie ich Corinnas Pate war…“

„Die schreckliche Tat meiner Schwester ist mir zutiefst fremd“

Jetzt haben die „Patentöchter“ also begonnen, die Beziehung wieder aufzunehmen. So schrieb Julia Albrecht an Corinna Ponto einen ersten Brief, in dem es u.a. heißt: „Es ist nicht mein Anliegen zu versuchen, etwas zurechtzurücken oder zu verteidigen. Die schreckliche Tat meiner Schwester ist mir zutiefst fremd. Der Verrat an Ihrer Familie wiegt für mich unendlich schwer…“ Und Corinnas Antwort darauf: „Liebe Julia Albrecht, dass Sie mich in Ihrem Brief mit Sie anreden, ist sehr feinfühlig – also werde ich auch so antworten. (…) Ich danke Ihnen für Ihren Brief. Wir sollten uns sehen – immer wieder habe ich auch an Sie und an Ihre Empfindungen und Ihren Schrecken gedacht… “ So kommt es schließlich zu jener ersten Begegnung in Berlin, von der Julia über ihr Eintreffen schreibt: „Auf der Bank, an der wir uns verabredet hatten, saß eine große blonde Frau in Jeans und schaute auf ihr Handy. Als sie mich sah, stand sie auf, und als ich bei ihr war, nahm sie mich in die Arme…“

Es ist ein bewegendes Buch, das für mich als Christ ein zentrales Thema berührt (Versöhnung und Vergebung) und beispielhaft zeigt, mit wie viel Behutsamkeit, Sorgfalt und Feingefühl dabei vorzugehen ist. Und hin und wieder muss die junge Generation das übernehmen, was der alten nicht möglich schien. 


Kommentare

Von Peter S. am .

"Du willst allenfalls die Welt verbessern, und Dir ist bisher nichts eingefallen, als sie zu zerstören" . Dieser Satz gilt für alle RAF Mitglieder. Ein kluges Buch. Im Gegensatz zu den unsäglich oberflächlichen "Erkenntnissen" der Täter, die sich bis heute als Widerstandskämpfer beschönigen. Vermutlich ist es leichter in diesem Selbstbetrug zu leben .

Von ERF - Fan am .

Wenn es vor 40 Jahren einen Dialog der NS-Täter mit den Opfern (wenn sie den Terror überlebt hätten und zu Gesrächen bereit gesesen wären) gegeben hätte, wäre uns der RAF-Terror erspart geblieben. Es gibt in der Geschichte offenbar nicht nur Wiederholungen und Rückschritte. Danke für diese Buchbesprechung. Nachdem ich nun Peter Schneiders Erinnerungen ("Rebellion und Wahn") gelesen habe, werde ich mir auch dieses Buch anschaffen.

Von Jürgen B. am .

Der Titel wird von Claudia Filker auch in der nächsten JOYCE-Ausgabe (erhältlich ab 23.08.) ausführlich porträtiert!

Von Sonja Z. am .

Ich bin 1955 geboren undb habe als damals selbstständige junge Frau die gesamte Zeit der RAF miterlebt. Viele dieser Frauen und Männer waren in meinem Alter.
Mir sind Haß und Gewalt total fremd. Den Taten der Terroriste
stand ich genauso fássungslos gegenüber wie z.B. meine Eltern.
Ich kaufe mir das Buch. Meine 4 Kinder sind alle sehr geschichtsorientiert.
Ich versuche das Gute zu übertragen.
Sonja Z.
Ich finde es interessant


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