Säkulare Bestseller im Fokus

Margot Käßmann: "Sehnsucht nach Leben"

Sie begeistert und polarisiert - auch mit ihrem aktuellen Buch "Sehnsucht nach Leben". Peter Strauch hat es gelesen und war überrascht.

„Sie wurde wie ein Messias gefeiert“ schrieb eine Zeitung zu den Veranstaltungen mit Margot Käßmann auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden. Der Theologe Friedrich Schorlemmer kritisierte in diesem Zusammenhang den medialen Personenkult (Ob da bei ihm nicht auch ein wenig Rivalität mitschwingt?).

Worin liegt die Faszination, die von dieser Frau ausgeht, die immerhin seit über einem Jahr keine Landesbischöfin und Ratsvorsitzende mehr ist? Eine der Antworten darauf findet man in ihrem neuesten Buch. Es ist gerade mal drei Monate auf dem Markt und trägt den Titel: „Sehnsucht nach Leben“.

Käßmann kokettiert nicht

Selten trifft man auf prominente Personen, die so offen und ehrlich über ihre eigenen Niederlagen, Zweifel und auch Unsicherheiten schreiben. Angesichts so mancher politischen Akteure, die sich außerordentlich schwer damit tun, Fehler und Schwächen öffentlich einzugestehen, sehnen sich viele Zeitgenossen geradezu danach.

Nein, ich habe nicht den Eindruck, dass Margot Käßmann damit kokettiert. Im Gegenteil, die gewährten Einblicke in ihr Leben scheinen eher ein Teil ihrer Persönlichkeit zu sein. Und zweifellos entspricht diese Haltung auch ihrem Verständnis des Evangeliums. So schreibt sie im Kapitel über „Mut“: „Auch ich war so manches Mal in meinem Leben alles andere als mutig. Ich hatte Angst etwas zu sagen, weil ich wusste, wie die Reaktionen ausfallen würden. Das war besonders bei strittigen Themen so…“

 

Bild: adeo

Margot Käßmann
Sehnsucht nach Leben

adeo-Verlag, 176 S.
€17,99  im Shop von ERF.de

Und im Blick auf ihren Rücktritt als Landesbischöfin schreibt sie im selben Kapitel: „So habe ich es als Mut christlicher Freiheit empfunden, nach drei quälenden Tagen der Frage nach dem eigenen Versagen, nach der Erfahrung von übler Häme und Spott, nach immer aberwitzigeren Spekulationen sagen zu können: Ich gebe alle Ämter auf. Es war für mich eine Frage der eigenen Freiheit. Und am Ende habe ich es so empfunden, dass mir der Mut schlicht geschenkt wurde, die Konfrontation mit all den Kameras, all der Häme und all dem Spott und all der Hysterie und Selbstgerechtigkeit zu wagen. Und ich bin Gott dankbar für diesen Mut. Aus mir selbst kam er sicher nicht, dazu war ich viel zu schwach.“

Es sind Grundsehnsüchte des Menschen, über die Margot Käßmann in diesem Buch schreibt, Sehnsüchte, wie sie fast jeder kennt (Leben, Stille, Heimat, Mut, Kraft, Freiheit, Frieden, Engel, Gott, Trost, Geborgenheit, Liebe). Ihre Sprache ist empfindsam, rücksichtsvoll, in keinem Fall innerkirchlich fromm. Hinzu kommt die wunderschöne Gestaltung des Buches mit den ansprechenden Bildern von Eberhard Münch. Der 1959 in Mainz geborene Künstler arbeitet mit eindrucksvollen Farbkompositionen, Margot Käßmann nimmt in ihrem Text einige Male Bezug darauf. Auf diese Weise wachsen Bilder und Texte zueinander, erklären sich gegenseitig, werden zu einer Einheit und wirken über das rationale Verstehen des Textes hinaus. Es ist ein Buch, das man ohne Bedenken auch an Menschen weitergeben kann, die zu Themen wie Bibel und Kirche ein eher distanziertes Verhältnis haben.

Etwas mehr Evangelium

Obwohl – manchmal habe ich mir beim Lesen auch konkretere Aussagen über den Kern des Evangeliums gewünscht. Zum Beispiel wenn die Autorin im Kapitel „Sehnsucht nach Leben“ Bezug auf die Geschichte von der  Frau am Jakobsbrunnen (Johannes 4) nimmt. Geschickt verknüpft Margot Käßmann unsere heutigen Lebensfragen damit (Wie will ich leben? Wie will ich alt werden? Was ist mir im Blick auf die Menschen, die ich liebe, wirklich wichtig an meiner Lebenssituation?). Und dann erzählt sie von der Begegnung der Samariterin mit Jesus, der sie wertschätzt, ihren Horizont erweitert, es ihr ermöglicht, das Leben in einem neuen Licht zu sehen. Aber geschieht in dieser Begegnung mit Jesus nicht doch  noch mehr? Offenbart er sich der Frau nicht als der, der quellfrisches Wasser des Lebens zu geben hat, der ihren Durst nach Leben auf ewig stillt (Vers 13+14)? Kommt die Samaritanerin dann nicht auf den Messias zu sprechen (Vers 25) und sagt Jesus ihr nicht: „Ich bin’s, der mit dir redet!“ (Vers 26)?

Gerade Margot Käßmann traue ich zu, das Evangelium von Jesus Christus in einer Sprache weitergeben zu können, die einerseits ganz nahe beim Menschen bleibt, andererseits den eigentlichen Inhalt des Textes aber  nicht aus den Augen verliert. Warum macht sie nicht von dieser Gabe Gebrauch? Oder steht hinter ihrer Zurückhaltung das, was sie selbst im Kapitel „Mut“ als Herausforderung beschreibt: „Wage ich es, im eigenen Umfeld zu sagen: Ich bin Christin. Ja, in der Tat, ich glaube nicht irgendwie so an Gott, sondern ich glaube, dass Jesus für mich der Weg, die Wahrheit und das Leben ist?“

Doch aller Kritik auch mancher evangelikaler Christen zum Trotz: Bei ihrem Engagement für Religionsfreiheit hat Margot Käßmann keine verwaschene Religionsvermengung im Blick.  So stellt sie beispielsweise im Kapitel „Freiheit“ den amerikanischen Baptisten Roger Williams (1603-1683) als Vorbild heraus: „Obwohl er überzeugt war, dass die christliche Religion der einzige Weg zum Heil ist, trat er dennoch entschlossen dafür ein, dass andere ihre Überzeugungen leben durften…“ Das ist ihr wichtig und zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch: Sie will ihre Leserinnen und Leser nicht überreden, ihnen den Glauben nicht überstülpen, sondern sie von der Nähe und Liebe Gottes überzeugen.

So rückt sie unsere Sehnsüchte ins Bewusstsein und beschreibt, wie Gott gerade diese Bereiche unseres Lebens mit seiner Liebe berührt. Dieser Weg erinnert an den Apostel Paulus, der mitten im religiösen Mischmasch und dem nach Neuigkeiten hungerndem Athen auf den „unbekannten Gott“ zu sprechen kommt: „Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. (Apostelgeschichte 17, 22+23).

Nie tiefer als in Gottes Hand

Angesichts des Themas von Margot Käßmanns Buch müsste es heißen: „Diesen Gott, der die tiefste Antwort auf Eure Sehnsucht nach Leben ist, den verkündige ich euch.“ Und Verkündigen heißt bei Margot Käßmann vor allem: „Das Evangelium bezeugen“. So kann sie schreiben: „Ich bin eine angesehen Person, weil Gott mich ansieht…Egal wo ich stehe, ob ich erfolgreich bin oder arbeitslos, krank oder topfit, wohlhabend oder verschuldet – vor Gott ist das überhaupt nicht entscheidend! Entscheidend ist, ob ich begreife, dass ich nicht aus mir selbst heraus Lebenssinn schaffen kann. Wer das versteht, wird sich Gott ganz und gar anvertrauen.“ Folgerichtig findet sich im letzten Kapitel ihres Buches ein Gedicht von Rainer Maria Rilke:

„Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit. Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“

Margot Käßmann unterschreibt das Gedicht mit dem Bekenntnis: Daran glaube ich.

„Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“, das scheint ihr Lebenszeugnis zu sein, das bekannte sie auch im Blitzlichtgewitter der Kameras angesichts ihrer Rücktrittserklärung. Wenn ihre Leserinnen und Leser das begreifen und sich dieser Hand Gottes anvertrauen, hat das Buch sein Ziel erreicht.


Kommentare

Von Pirminius am .

Frau Käßmann steht für die Zerstörung der Kirche von innen. Statt Geistlliches bequemes Zeitgeistliches, Politik statt Glaube. Der Spiegeljournalist und gläubige Katholik Matussek brachte es auf den Punkt: Der Papst steht im Kreuzfeuer der Kritik für seinen Glauben, Käßmann dagegen hat Kultstatus wegen ihrer Verfehlungen.

Von Rike am .

Es ist für mich erschütternd, wieviel Beifall Peter Strauchs Artikel von den Lesern bekommen hat. Sind wirklich allen Frau Käßmanns theologische Positionen bekannt? Frau Käßmann glaubt z.B. nicht an die Jungfrauengeburt (M. Käßmann: Wie ist es so im Himmel, 2. Auflage 2006, S. 69 ff.). Er ist für sie ein normaler Mensch, der nur insofern Gottes Sohn ist, als er Menschen den Weg zu Gott zeigt. Doch wäre Jesus nicht wirklich Gottes Sohn, hätte er uns am Kreuz nicht von der Sünde retten können. mehr

Von Hans-Lothar Ongert am .

In Sachen ihrer "Trunkenheitsfahrt" frage ich mich bis heute, wer dieses Vergehen überhaupt öffentlich gemacht hat. Niemals würde man bei solchen Erwischt-Fahrten namentlich in die Medien geraten. Also muss die Polizei als undichte Stelle daran ein Interesse gehabt haben. Ich glaube, dass Frau Käßmann es bis heute nicht weiß!

Von Christoph Trinks am .

Der Rummel über eine Christin, die ihr Versagen ohne Umschweife zu gibt, kann mehr bewirken, als Besserwisser-Überheblichkeit.

Von Chris am .

Ich werde das Buch lesen, was Frau Kässmann geschrieben hat. Es gefällt mir wie sie sich ganz und gar in Gottes Hand gibt und was noch wichtiger ist, sie hat was zu sagen. Dies aber tut sie nicht mit gehobenem Zeigefinger oder Lehrerhaft.

Von Barbara am .

Die Sicht des von mir so sehr geschätzten Peter Strauch über das Buch von Frau Käßmann überrascht mich doch.

Von Rike am .

Ich teile die Auffassung, dass M. Käßmann ein offener ideenreicher und bürgernaher Mensch ist, der besonders auch kirchenferne Menschen im Blick hat. Allerdings vermisse ich bei ihr eine klare Verkündigung des Evangeliums. Ich könnte viele Beispiele nennen, beschränke mich aber auf zwei (Zdf-mediathek:Sendereihe "mitten im Leben" zu kirchlichen Feiertagen): Zum Himmelfahrtstag erklärt Frau Käßmann, dass Jesus Abschied nehmen musste von seinen Jüngern. In Berlin, wo die Theologin sich während mehr

Von Ursula am .

Das Buch von Frau Kässmann "In der Mitte des Lebens" habe ich auch schon gelesen und fand es sehr offen und ehrlich. Habe mich selbst auch oft in Ihrem Schreiben erkannt. Ihre Art gefällt mir sehr gut und so werde ich sicher auch dieses neue Buch lesen. In Gottes Hand fühle ich mich auch geborgen und den Glauben muss man nicht immer mir hocherhobener Bibel und Kreuz in der Hand bezeugen. An unserem Verhalten im alltäglichen Leben werden wir gemessen, unser Herz soll erfüllt sein von der Liebe Gottes - das ist wichtig! Ich freue mich darauf dieses Buch zu lesen...


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