Buchvorstellung "Die Datenfresser"

Digitale Raubtierfütterung

Google, Facebook & Co sind unersättliche Datenfresser. Gefährden sie mit ihrem Hunger unserer Privatsphäre?

Schon wieder konnte ich meinem Gesprächspartner nicht plausibel begründen, warum ich Facebook gegenüber sehr skeptisch eingestellt bin. Mein Hinweis auf den mangelnden Datenschutz tat er mit einem Achselzucken ab: „Was soll da schon passieren? So viel können die mit meinen Daten doch nicht machen.“

Können sie doch. Und nachdem ich „Die Datenfresser“ gelesen habe, kann ich das zukünftig hoffentlich auch besser begründen. In dem neu erschienenen Sachbuch gehen die Autoren Constanze Kurz und Frank Rieger der Frage nach, warum Google, Facebook und Co wie Raubtiere Jagd auf unsere Daten machen und wie sie ihren Hunger stillen.

Zeig mir, wie Du klickst und ich sag Dir, was Du willst.

Anhand von Beispielen erklären die beiden Mitglieder des Chaos Computer Clubs zuerst technische und kommerzielle Zusammenhänge. Und siehe da, auf einmal versteht auch eine Laie wie ich ansatzweise, wie mit Hilfe von Cookies und Algorithmen Aussagen über Vorlieben und Kaufverhalten eines Nutzers gemacht werden können. Es liegt auf der Hand, warum dieses Wissen soziale Netzwerke und Internetdienste zu den lukrativsten Partnern der Wirtschaft macht: Der Händler freut sich, wenn er weiß, welchem Kunden er per Banner auf der Webseite besser einen blutrünstigen Krimi empfiehlt und wem ein Sachbuch über Mikrobiologie.

Vordergründig freut sich auch der Kunde, schließlich ist das Angebot maßgeschneidert und bequem zu bestellen. Dass ein Anbieter wie Facebook dabei laut Kurz und Rieger zwischen 25 und 45 Dollar durch die Weitergabe der Profildaten an den Werbepartner verdient hat, muss man halt in Kauf nehmen. Schließlich müssen die Unternehmen ja auch irgendwie ihre Mitarbeiter und den Strom für die Server bezahlen, oder? Die Frage ist nur: Wo hört individuelle Werbung auf, hilfreich zu sein und wo fängt sie an, mich in meinen Kaufentscheidungen zu manipulieren?

Vom Irrtum, nichts verbergen zu müssen.

Kurz und Rieger geht es in ihrem Buch jedoch nicht nur darum, die passive und naive Konsumhaltung mancher Nutzer zu hinterfragen und die Profitgier der Wirtschaft an den Pranger zu stellen. Ihr zentrales Anliegen ist der Schutz der Privatsphäre im digitalen Zeitalter. Dass diese durch die Philosophie der Datenfresser massiv gefährdet ist, zeigen die Autoren beispielhaft anhand eines Zitates von Eric Schmidt, ehemaliger Vorstandschef von Google: „Das Konzept einer Privatsphäre sei überholt, wir alle müssten uns endgültig davon verabschieden. Er [Schmidt] fügte hinzu, dass wir durch das Netz nie mehr alleine seien, dass die Maschinen alles über uns wissen würden.“

Die Autoren reißen an dieser Stelle zu Recht die Maske vom Gesicht der „Post-Privacy“- Philosophen und ihrer Anhänger. Denn auch wenn ich als unbescholtener Bürger in der Regel nichts zu verbergen habe, ist die Frage berechtigt, ob der Staat, der Marketingexperte und meine Mitmenschen alles über mich wissen dürfen und müssen. Darf ein zukünftiger Arbeitgeber zum Beispiel durch Internetrecherche wissen, dass ein Bewerber in der Vergangenheit ein klitzekleines Problem mit Alkohol hatte? Darf Väterchen Staat zigtausend Telefondaten auswerten, wenn er dadurch nicht in allererster Linie Terroristen, sondern lediglich Kleinkriminellen das Handwerk legt? Will ich, dass ein Berufsdieb anhand der Geodaten in meinen hochgeladenen Fotos bei Facebook nicht nur herausfindet, wo ich wohne sondern auch, welche Wertgegenstände einen Einbruch lohnenswert machen?

Das digitale Schicksal selbst bestimmen.

Auch in diesem Zusammenhang geht es den beiden Experten zur Datensicherheit nicht darum, Internetdienste und soziale Netzwerke madig zu machen und die Leser zum digitalen Eremitentum zu bekehren. Sie wollen jedoch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die gesammelten Daten oft ein genaueres Bild über einen Nutzer ergeben, als es diesem bewusst und vielleicht auch lieb ist. Deswegen geben sie im letzten Teil des Buches Tipps, wie man soziale Netzwerke und Internetdienst als digital mündiger Bürger nutzt.

Wenn die Datenfresser wieder einmal Hunger anmelden, ist ein erster Schritt, sich kurz zurückzulehnen und zu überlegen, ob es notwendig ist, die entsprechenden Daten preiszugeben. Welche Rückschlüsse sind daraus zum Beispiel auf meine Person möglich? Ein Packetdienst braucht meine Handynummer für Rückfragen vielleicht tatsächlich, der Anbieter eines kostenlosen Onlinespieles jedoch definitiv nicht. Bekomme ich eine Leistung nicht, wenn ich Daten nur unvollständig angebe, sollte ich mir überlegen, ob mir das entsprechende Angebot tatsächlich so wichtig ist. Auch die Privatsphäre der Freunde gilt es zu respektieren: Sind sie damit einverstanden, wenn ich sie auf einem hochgeladenen Foto tagge oder möchten sie lieber nicht namentlich genannt werden?

Fazit

„Die Datenfresser“ ist eine absolut lesenswerte und informative Handreichung für alle, die sich aus beruflichen oder privaten Gründen viel im Internet oder in sozialen Netzwerken bewegen. Die gewählten Beispiele machen eindrücklich klar, was mit heutiger Technik bereits möglich ist und wohin der Trend in Zukunft gehen könnte. Das Ziel von Constanze Kurz und Frank Rieger ist dabei nicht, Panik zu verbreiten sondern wachzurütteln, bevor es zu spät ist.

Einziger und leider nicht unerheblicher Schwachpunkt des Buches sind die fehlenden Quellenangaben. Bei der Fülle an Informationen wäre es hin und wieder interessant gewesen, ihren Ursprung nachvollziehen und überprüfen zu können - Stichwort mündiger Leser. Aufgrund seiner sachlichen Herangehensweise ist das Buch für interessierte Fans und distanzierte Kritiker gleichermaßen geeignet. Insgesamt ein Muss, für alle, die ihre Daten nicht einfach wahllos an jedes digitale Raubtier verfüttern möchten und die wissen, was ihnen ihre Privatsphäre wert ist.


Bild: S.Fischer Verlag

Constanze Kurz/ Frank Rieger
Die Datenfresser
Wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben und wie wir die Kontrolle darüber zurückerlangen
S.Fischer Verlag
272 S.
ISBN: 978-3-10-048518-2
Preis: 16,95 € (D)

Leseprobe

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Weitere Informationen zum Buch mit Tipps zum Datenschutz: datenfresser.info


Kommentare

Von Ein ERF-Fan am .

Aber bei neauerem Hinsehen outensich doch mehr als man denkt..also ich kenne viele, die christliche Seiten posten...ist doch auch gut so..und dafür ist dieses Medium doch sehr gut...
Ausserdem trennen viele Freunde auch weite Entfernungen..deshalb ist es schön, wenn man sich austauschen kann...

Von Torsten am .

Alles richtig, was Sie da über Facebook und Co. schreiben. Und auch ich weigere mich beharrlich, bei FB, Twitter, etc. mitzumachen.
Allerdings wundere ich mich, warum auf der Startseite vom ERF ebenfalls ein Facebook-Banner zu finden ist?
Andererseits - es muß jedem selbst überlassen sein, was er im Internet macht oder nicht. Ein erhobener, belehrende Zeigefinger hilft da auch nicht.

Von sojherde am .

Ich bin traurig darüber, dass Leserbriefschreiber anderen Christen vorschreiben wollen, wie weit sie sich auf Facebook als Christen outen sollen. Die beste Möglichkeit zum Zeugnis von Jesus ist und bleibt das persönliche Gespräch, finde ich. Im Blick auf das Internet scheint mir das Buch über die Datenfresser überzeugender zu sein,weil es näher an der Realität ist.

Von ERF - Fan am .

Ich bin auch auf Facebook und bin traurig darüber, dass sich Leute, die ich als Christen kenne, auf Facebook entweder gar nicht oder nur ganz vage als Christen "outen".
Die Jahreslosung sagt, wir sollen Böses mit Gutem überwinden. Das Böse im Internet können wir nicht beseitigen, aber wir können in Facebook und anderen Seiten ganz klar schreiben, wer Jesus für uns ist. Diese Möglichkeiten hatten Generationen vor uns nicht.


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