Buchrezension

Hauptsache erlöst?

Wie wichtig ist eigentlich das Thema Nachfolge? Es reicht doch, gerettet zu sein? Von wegen, meint Dallas Willard in seinem Buch „Jünger wird man unterwegs“.

Es ist sein Herzensthema: die Nachfolge. Der bekannte Autor und Professor für Philosophie Dallas Willard ist der Meinung, dass sich Christsein auf lange Sicht im Alltag auswirken muss. Wer in der Nachfolge Jesu steht, bemüht sich, ihm ähnlich zu werden. Ein Christsein, dessen ganzer Stolz sich darauf beschränkt, dass richtige Glaubensbekenntnis zu haben, geht am Herzen Gottes vorbei. Nachfolge gehört elementar zum Christsein dazu:

„Ein Jünger Jesu ist nicht die Luxus- oder Hochleistungsversion eines Christen – besonders gepolstert, Effektlack, windschnittig und motorisiert für die Überholspur und den schmalen Pfad. Er oder sie ist laut Neuem Testament die elementarste Fortbewegungsart, der Fußgänger im Reich Gottes.“ (S. 21)

Dienen formt den Charakter

Jesus nachfolgen heißt, sich mit Sack und Pack auf den Weg zu machen.
Bild: Neufeld Verlag

In der praktisch gelebten Nachfolge, so Willard, entscheidet sich ein Jünger Jesu täglich, seinem Herrn ähnlich zu werden und so zu handeln wie Jesus. Neues Verhalten fällt dabei in den wenigsten Fällen wie ein Blitz vom Himmel, sondern muss durch tägliche Routine immer wieder geübt werden, bis man ganz automatisch so handelt, wie es Jesus aufgetragen hat. Eine Schlüsselrolle nehmen in diesem Prozess die geistlichen Übungen ein. Willard nennt Bibellesen, Einsamkeit, Stille, Gebet und Dienst. Am Beispiel des Dienens macht er deutlich, dass dies nicht nur eine erstrebenswerte Tugend ist, sondern auch hilft, den ganzen Charakter zu formen:

“Jesus sagte von sich selbst: 'Ich aber bin unter euch wie ein Diener' (Lukas 22,27). Auch sagte er: “Wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein” (Markus 10,44). Es ist erschreckend, wie diese innere Haltung oft einfach als eine weitere Technik für erfolgreiches Leiten empfohlen wird. Jesus wollte keine Techniken für erfolgreiches Leiten weitergeben. Ihm ging es darum, zu zeigen, wer bei Gott groß ist: Ein Mensch, der sich als Diener versteht. Dienen übt auf alle sozialen Beziehungen einen Einfluss aus. Wie würde sich Ihre Sicht auf sexuelle Versuchung ändern, wenn Sie sich als Diener verstehen? Wie würde sich das Thema Eifersucht verändern? Welchen Einfluss hätte eine dienende Haltung auf das Gefühl, nicht so viel bekommen zu haben, wie man eigentlich verdient hat? Ich verrate es Ihnen: Die Last wird fehlen.” (S. 85)

Nachfolge - Zentrum des Christseins

Willard sieht aber nicht nur jeden Einzelnen in der Verantwortung. Auch die Kirchen müssen wieder ihren Teil dazu beitragen, dass Nachfolge als praktisch gelebter Glaube wieder ins Zentrum des Christseins rückt. Nur so kann er seine lebensverändernde Wirkung entfalten:

„Nachfolge und Jüngerschaft als elementare Bausteine des Christseins gingen in den Kirchen verloren, und mit ihnen die konkreten Pläne, wie man Christus ähnlich wird. Man konnte nun sein Leben lang Christ sein, ohne Herz und Leben zu verändern. Allein das richtige Glaubensbekenntnis zählte. Daraus sind inzwischen ganze Generationen bekennender Christen entstanden, die sich nicht mehr im Charakter, sondern nur noch in ihren Ritualen von nichtgläubigen Nachbarn unterscheiden.“ (S. 142)

Willard ringt auf 229 Seiten um die Frage, wie Nachfolge als praktisch gelebter Glaube den Menschen verändert und ihn Christus ähnlicher werden lässt. Dabei wird er sehr deutlich, ohne jedoch zynisch zu werden. Auch geht er unangenehmen Fragen nicht aus dem Weg:  Welchen Anteil hat zum Beispiel die Gnade, wenn es um die Veränderung des Charakters geht? Welche Rolle spielen Wille und Gehorsam dabei? 

Tiefgehende Lektüre, die sich einfach liest

Fazit: Wer sich ernsthaft mit dem Thema Nachfolge auseinandersetzen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Mit der Entscheidung, Willards Buch „The Great Omission: Reclaiming Jesus’s Essential Teachings in Discipleship“ ins Deutsche zu übersetzen, ist dem Neufeld-Verlag sowohl in der Auswahl als auch in der Übersetzung ein Volltreffer gelungen. Im Vergleich zu anderen Büchern Willards ist „Jünger wird man unterwegs“ wesentlich einfacher zu lesen, ohne aber an Tiefe einzubüßen. Dazu trägt sicher die Tatsache bei, dass das Buch eine Sammlung aus verschiedenen Vorträgen und Aufsätzen ist. Die deutsche Übersetzung liest sich angenehm und mit dem deutschen Titel „Jünger wird man unterwegs“ hat der Übersetzer wirklich ein Gespür für das Herzensanliegen Willards erwiesen. Denn: Wer Jesus nachfolgen will, muss sich auf die Reise machen.


Jünger wird man unterwegs

Autor: Willard, Dallas

Verlag: Neufeld

Seitenanzahl: 240

ISBN: 3862560082

Preis: [D] 14,90 EUR

 

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Kommentare

Von FranzX am .

Hurra!
Das Thema der Christusähnlichkeit wird wieder einmal im evangelikalen Raum aufgenommen. Hier entscheidet sich soviel, was Sinn, Inhalt, Substanz des eigenen Lebens ausmacht, wieviel davon beim Schritt in die Ewigkeit Bestand haben wird.
Das Ganze macht der Priorität der Gnade keinen Abbruch: wir können nur ähnlich wie Jesus werden, wenn dies die Gnade Gottes in uns wirkt und wir wirklich die Türe für sie öffnen.
Vielleicht kommen sich über dieses Thema die Evangelikalen und die katholische Kirche wieder etwas näher?
LG
FranzX


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