Säkulare Bestseller im Fokus

Wofür stehst Du?

Was ist im Leben wichtig? Die Journalisten Giovanni di Lorenzo und Axel Hacke sind diesen Fragen in einem sehr persönlichen Buch nachgegangen.

Ich sehe gerne Talkshows, und die Sendung „Drei nach Neun“ (NDR) hat dabei einen besonderen Stellenwert. Mir gefällt die angenehm sensible Art, mit der Giovanni di Lorenzo dort seine Gäste interviewt und die erkennbare Wertschätzung, die er ihnen entgegenbringt. Di Lorenzo lebt seit seinem 11. Lebensjahr in Deutschland. Sein Vater ist Italiener, seine Mutter Deutsche. Der Journalist studierte an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität Kommunikationswissenschaft, Geschichte und Politik und ist heute Chefredakteur der Wochenzeitschrift „Die Zeit“. Mit seinem Freund Axel Hacke hat er ein Buch mit dem herausfordernden Titel „Wofür stehst Du?“ geschrieben. Hacke ist ebenfalls Journalist, war bis zum Jahr 2000 bei der „Süddeutschen Zeitung“ und arbeitet heute freiberuflich als Kolumnist und Schriftsteller. Er schrieb zahlreiche Bücher für Kinder und Erwachsene. Beide Autoren kennen sich seit vielen Jahren.

Es ist ein ungewöhnliches Buch. Zwar ist es in sieben Kapitel aufgeteilt, besteht aber aus vielen kleinen bezifferten Abschnitten, bei denen jeweils nur  an der Schrifttype zu erkennen ist, welche von di Lorenzo und welche von Hacke stammen. Die beiden erzählen von sich, ihrer Herkunft, ihren Gedanken und eben von dem, wofür sie stehen. Schauen wir uns ein wenig den Inhalt an, Dabei greife ich Passagen heraus, die mich beim Lesen besonders bewegten:

  • Da ist die Geschichte von Giovanni di Lorenzo, als er im Gymnasium in Hannover zum Klassensprecher gewählt wird. Der Oberstudienrat (der sich rühmte, noch immer eine Panzerfaust halten zu können) kommentiert diese Wahl vor versammelter Klasse mit den Worten: „Di Lorenzo, diesen Itaker, sollte man aufhängen.“ Obwohl es genug Zeugen für den Vorfall gab, kostet es Giovanni viel Überwindung, den Mann beim Schulleiter anzuzeigen. Aber den Direktor bewegt nur die Sorge, dass hier etwas „aufgebauscht“ werden könne. Mit Blick auf die im Jahr 2010 bekanntgewordenen Missbrauchsfälle an deutschen Eliteschulen schreibt di Lorenzo dazu: „Ich kann so gut nachempfinden, was ein Vierzehnjähriger fühlt, wenn der eigentliche Adressat seiner Klage, also derjenige, der für Gerechtigkeit, ja für Strafe sorgen müsste, zum Komplizen des Täters wird.“ Dabei sei ihm allerdings bewusst, dass die Schmähung durch einen alten Nazilehrer verglichen mit sexuellem Missbrauch ein geringes Vergehen ist.
     
  • Bewegend ist auch, was Axel Hacke über sich als Ehemann und Familienvater schreibt: „Mit 28 wurde ich zum ersten Mal Vater, mit 30 zum zweiten Mal. Als ich 37 war, wurden wir geschieden. Mein Selbst- und Weltbild war kaputt.“ Einige Zeit später sitzt er mit seinen Eltern in seiner inzwischen einsamen Wohnung. Plötzlich kann er sich nicht mehr zusammenreißen und weint nur noch vor sich hin. Auch die Mutter stimmt ein und heult mit ihm in der Küche. Sein Vater erstarrt schweigend in Ratlosigkeit im Wohnzimmer. Dann – ein wenig später, als sie wieder alle zusammensitzen – erzählt ihm seine Mutter die Geschichte ihrer Kindheit, über die sie mit ihm noch nie gesprochen hat. Axel Hacke schreibt: „Das alles erfuhr ich nun, mit vierzig Jahren. Erst die Dramatik der Situation, eine Art emotionaler Enthemmung, hatte meine Mutter zum Reden gebracht.“ Und weiter: „Erst jetzt konnte ich überhaupt damit beginnen, ihre Angst, ihre Nervosität, ihre Sehnsucht…zu verstehen.
     
  • Auch vom Verhältnis zur Kirche und Religion ist in dem Buch die Rede. Giovanni di Lorenzo berichtet, lange habe er sich an Papst Wojtyla gerieben, an seinen Dogmen, seiner Amtsführung, dem Küssen der Landebahnen bei seinen Reisen usw. Doch als dann das lange öffentliche Sterben von Papst Johannes Paul II. begann, die gebückte Haltung, die zittrigen Hände, die brüchige Stimme, das alles habe ihn immer stärker beeindruckt. Darin zeigte sich die Verkörperung von Siechtum und Vergänglichkeit angesichts einer Gesellschaft, in der jeder immer zu funktionieren hat, möglichst gesund und gut aussehend. Di Lorenzo schreibt: „Wenige Stunden vor seinem Tod machte ich mich mit meiner späteren Frau auf den Weg zur St.-Hedwigs-Kathedrale in der Nähe des Berliner Gendarmenmarktes. Es war schon spät und in der Kirche waren viele junge Leute, die nicht so aussahen, als seien sie geübte Gottesdienstbesucher. Wir zündeten Kerzen an und verharrten in Andacht. In diesem Moment fühlte ich mich ganz eins mit meiner Kirche. Das Gefühl war: Nicht wir waren ihm, dem Papst, im Sterben nahe, sondern der Papst war sterbend bei uns. Und di Lorenzo setzt hinzu: „Nein, das war kein Erweckungserlebnis. Seit einigen Jahren jedoch haben wir zu Hause etwas aufleben lassen, was lange verschüttgegangen war: Vor dem Essen wird still gebetet, auch wenn Gäste da sind. Sehr oft ist das der schönste Moment des Tages.“

Nein, es ist kein wirklich strukturiertes Buch. Wer sich griffig formulierte Standpunkte (Wofür stehst Du?) wünscht, der wird enttäuscht. Stattdessen nimmt der Leser an persönlichen Erfahrungen und Einsichten der beiden Autoren teil. Wer wie sie der Generation „Fünfzig plus“ angehört, wird vieles davon auch bei sich wiederfinden (darüber nachzudenken ist auf alle Fälle lohnenswert). Und wer jünger ist als sie, reagiert vielleicht erstaunt über so viel selbstkritische Offenheit. „Für unsere Kinder, in der Hoffnung, dass sie uns glauben werden“, steht auf einer der ersten Seite des Buches. Das könnte durchaus passieren, denn erfahrungsgemäß ist es gerade diese Ehrlichkeit, die zwischen den Generationen Vertrauen schafft.


Wofür stehst Du?: Was in unserem Leben wichtig ist. Eine Suche
Axel Hacke, Giovanni di Lorenzo

Verlag Kiepenheuer & Witsch, 230 Seiten.
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Kommentare

Von conny am .

jo, ich habs gelesen u es war schööön. ehrlicher einblick in das denken unserer leute, gerade für mich als junger mensch. für mehr offenheit, conny, 26.


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