Buchrezension: "Glaube - und dann?"

Die Sprache des Himmels lernen

Was tun, wenn man sich für ein Leben mit Gott entschieden hat und nun Christ ist? Auf jeden Fall mehr, als vom Glauben zu erzählen und auf den Himmel zu warten.

Charakter ist wieder in. Spätestens seit der Finanzkrise ist den meisten klar, dass es ohne Werte und Moral nicht geht. Ganz im Gegenteil. Im Moment erleben wir geradezu eine Renaissance der Werte. Zumindest medial. Auch in christlichen Kreisen wird Tugend und Moral gewöhnlich hochgehalten, wenn es um die persönliche Lebensführung geht. Selten wird jedoch darüber gepredigt. Und noch seltener werden Tugend und Moral als unverzichtbarer Bestandteil des Glaubens an Christus gelehrt. Zu tief sitzt der theologische Reflex, der sagt: Der Mensch wird durch den Glauben gerecht, nicht durch seine Werke. Und doch dreht sich ein Großteil der Lehre Jesu oder der Briefe von Paulus genau um diese Frage: Wie soll ich als Christ leben?

 

N.T. Wright: „Glaube – und dann? Von der Transformation des Charakter“
Francke-Verlag, 256 S.
14,95€ im ERF Shop 
Bild: Francke Verlag

In seinem Buch „Glaube – und dann? Von der Transformation des Charakters“ geht der anglikanische Theologe N.T. Wright genau dieser Frage auf den Grund. Dabei entfaltet er die Bedeutung christlicher Tugend vom Ende her. Er fragt: Wie werden Christen im Himmel, d.h. in Gottes neuem Reich leben? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für das gegenwärtige Handeln und Denken des Einzelnen aber auch der Gemeinde als Ganzes?

Keine moralinsauren Regeln

Der Weg, den N.T. Wright dabei zeichnet, hat etwas durchaus Faszinierendes. Christliche Tugenden sind nach seiner Meinung nicht zu verwechseln mit moralinsauren Regeln, an die man sich als bekehrter Mensch nun mal halten müsse, deren Umsetzung aber letztlich für Gottes große Geschichte mit der Welt nicht von Bedeutung sei. Wright vergleicht die christlichen Tugenden mit der aristotelischen Tugendlehre. Auch hier spielt die Frage des persönlichen Verhaltens eine große Rolle. Aber es geht in erster Linie darum, einzelne Menschen zu leuchtenden Vorbildern und Helden zu machen: „Die heidnische Tugend zielte darauf ab, Helden zu kultivieren, mutige Führer mit vielen Fähigkeiten, besonders im Krieg.“

Ganz anders, so Wright, die christliche Tugend. Sie ist „eine Mannschaftssportart, und sie kann nur dann wirksam sein, wenn jeder Spieler der großen und vielfältigen Mannschaft seine einzigartige und bestimmt Rolle übernimmt, in sorgfältiger Beziehung zu den anderen Mitspieler und für den Erfolg der ganzen Mannschaft“ (S. 178). Dabei ist die christliche Gemeinde kein Selbstzweck. Sinn und Ziel ist immer die Zukunft, zu der sie als Leib Christi berufen ist. Und diese Zukunft besteht aus zwei Aufgaben: Anbeten und regieren.

Anbeten und – regieren!

Dass die Anbetung in Gottes neuem Reich eine zentrale Stelle einnehmen wird, ist den meisten Bibellesern sicher bewusst. Dass die christliche Gemeinde aber darüber hinaus aufgerufen ist, diese neue Welt mitzugestalten, wird im Hinblick auf die Zukunft des Volkes Gottes meist vergessen. Doch Wright ist sich – gerade im Hinblick auf das biblische Buch der Offenbarung (Kapitel, 1,5-6; 3,21; 5,9-10;20,4.6) - sicher:

„Es kann hier keinen Irrtum geben: Die Offenbarung, so oft als dunkel, seltsam und gewalttätig abgewiesen, malt uns eine Vision vor Augen, die nicht nur die gesamte erneuerte und jubelnde Schöpfung umfasst, sondern auch Menschen in ihr, die schließlich und endlich in der Lage sind, den Lobpreis, den die gesamte Schöpfung ihrem Schöpfer darbringt, zusammenzufassen und jene Souveränität, jene Herrschaft, jene weise Verwaltung der Welt auszuüben, die Gott für seine sein Ebenbild tragenden Geschöpfe immer im Sinn hatte. Sie werden Priester und Herrscher sein, ein Spiegelbild für den Lobpreis der gesamten Schöpfung, und im Auftrag Gottes und des Lammes Autorität ausüben“ (S.77).

Jetzt schon leben, was wir einmal sein werden

Von diesem Ende gedacht, ergibt das Einüben christlicher Tugend Sinn. Es geht nicht darum, durch besondere Anstrengungen das Reich Gottes auf Erden zu verwirklichen. Genauso wenig wie es um die Einhaltung starrer Regeln geht, die man zu befolgen hat, während man halt auf den Himmel wartet. Es geht laut Wright vielmehr darum, heute schon die Tugenden einzuüben, die die Bewohner in Gottes neuem Reich tagtäglich leben werden.

„Diejenigen, die Jesus nachfolgen, können in der Gegenwart damit beginnen, die Herzens- und Lebensgewohnheiten einzuüben, die dem Zustand der Dinge in Gottes Königreich entsprechen – dem Zustand, in dem die Dinge letztendlich sein werden, in dem sie aber jetzt bereits sind, weil Jesus hier ist“ (S.97).   

Die Sprache des Himmels lernen

Durch diese Ewigkeitsperspektive bekommt die Frage nach einer christlichen Ethik eine ganz neue Dimension. Tugend ist weder frommer Selbstzweck, noch der Versuch, sich den Himmel zu verdienen. Es geht darum, bereits heute zu leben (bzw. sich darin zu üben), wie wir ohnehin einmal leben werden. Das nimmt dem Ganzen die Verbissenheit, macht aber auch deutlich, dass es harte Arbeit sein kann.

Ein ansprechendes Bild, das Wright an anderer Stelle gebraucht, macht diese beiden Punkte deutlich: Er vergleich das Einüben eines christlichen Charakters mit dem Erlernen einer Fremdsprache oder eines Instruments. Es geht dabei um kein starres Regelwerk, sondern um etwas Wunderschönes. Etwas, das Menschen erfreut und verbindet. Gleichzeitig bedarf es täglicher Übung und Anstrengung. Doch das Ziel ist klar und die Mühen lohnen sich.

Fazit

N.T. Wrights „Glaube – und dann? Von der Transformation des Charakters“ ist kein einfaches Buch. Wenngleich für Laien geschrieben, ist es doch theologisches Schwarzbrot, das gut gekaut und vor allem verdaut werden muss. Manche langen Schachtelsätze erschweren das Verständnis. Wer auf der Suche nach zehn einfachen Schritten einer christlichen Charakterschule ist, ist hier fehl am Platz. Es geht Wright vielmehr darum, den Zusammenhang zwischen christlicher Hoffnung und gegenwärtigem Handeln zu verdeutlichen. Das gelingt ihm hervorragend. Wer ein Buch sucht, das christliches Handeln und Leben in einer inspirierenden und motivierenden Gesamtschau darstellt, dem sei „Glaube – und dann? Von der Transformation des Charakters“ wärmstens empfohlen.


Kommentare

Von Angela am .

Lieber Michael, danke für diesen Beitrag! Das Fazit läßt sich mit Matt 7,12 zusammenfassen:
Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.
Wenn wir alle einfach dieser Aufforderung nachkommen würden, hätten wir hier eine Welt, in der Gott mit uns leben möchte und wir mit Ihm.
Liebe Grüße
Angela

Von elisa5 am .

Das klingt super interessant.
Allein schon de Gedanke des CHristentums als Mannschaftssport gefaellt mir ausserordentlich gut. Ein MAnnschaftssport in dem ALLE MENSCHEN mitspielen. EInfach nur schoen :-)


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.