Andacht Lesezeit: ~ 8 min

Warum? – Das Lied vom Leid

Die Frage, die zum Himmel schreit.


Bis heute ist sie nicht verstummt ist. Die Frage: Wie kann Gott all die Not zulassen? All das Elend und das unsagbare Leid? Wieso greift er nicht ein?
 

Warum? Die Frage, die zum Himmel schreit

Ein guter Bekannter ruft mich an. Eine seiner Töchter hat ein Kind bekommen. Er ist Großvater geworden. Doch das Kind stirbt schon bald nach der Geburt. Und seine Tochter fragt ihn: „Papa, wo ist Gott denn jetzt? Warum lässt er unser Kind sterben? Warum nur? Warum?“ Und zu mir sagt er: „Du, weißt du, da helfen die vielen frommen Sätze nicht mehr. Sätze, die ich so gut kenne und schon so oft anderen gesagt habe. Da stehe ich nun und kann meiner Tochter nichts antworten. Warum hat Gott das zugelassen? Warum? Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht. Ich weiß nur, wie weh das alles jetzt tut. Und dass die Frage einfach da ist: Mein Gott, wo bist du denn? Hörst du mein Rufen und mein Schreien und mein Weinen denn nicht?“
 

Das Lied vom Leid

Bis heute ist sie nicht verstummt. Die bohrende und aus tiefstem Leid emporsteigende Frage: Warum? Gott warum bist du nicht da? Jetzt, wo ich dich so dringend brauche? In der Bibel gibt es ein Lied, das diese Fragen zum Thema macht. Geschrieben von einem verzweifelten Menschen in größter Not. Der erlebt: Gott nimmt ihn nicht einfach aus der Not heraus. Sondern der Schreiber macht die Erfahrung: Gott belässt ihn in seiner Not – zunächst. Warum auch immer. Die Rede ist von Psalm 22, einem Lied, das David verfasst hat. David der Musiker, Liederdichter, Heerführer und Staatsmann. Vor 3.000 Jahren Regierungschef in Israel.

Sein Lied vom Leid beginnt so:

Ein Psalm Davids, vorzusingen, nach der Melodie ‚die Hirschkuh früh am Morgen. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist fern. Mein Gott, tagsüber rufe ich, doch antwortest du nicht, und nachts, doch ich finde keine Ruhe. (Psalm 22,1-3)

 

In manchen Psalmen Davids gibt es in der Überschrift einen Hinweis, auf welches Ereignis sich der Psalm bezieht. Im Psalm 22 schreibt er nichts dazu. In seinem Leben gibt es viele Situationen, in denen David in großer Not war. Als Hirte kämpft er mit Löwen und Bären, als junger Mann wird er verfolgt von Saul, der ihn töten will. Später muss David vor einem seiner eigenen Söhne fliehen. Oft ist er auf der Flucht, kämpft in Kriegen und auch ganz persönliches Leid bleibt ihm nicht erspart. Eines seiner Kinder stirbt unmittelbar nach der Geburt. Manches Unheil hat David selbst heraufbeschworen, doch das ist längst nicht bei allem Leid der Fall, das er erleben muss.
 

Leid – das Megafon Gottes

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Die Not Davids ist so groß, dass er diesen Satz hinausschreit. „Ich schreie“, schreibt er. Manche Leute sagen, die Frage nach dem „Warum“ sei nicht wirklich hilfreich. Besser sei es zu fragen: „Wozu?“ Das klingt fromm. Und sicher ist das ursprünglich ein wichtiger seelsorgerlicher Aspekt. Doch die Absolutheit, niemand soll Gott nach dem „Warum“ fragen, ist aus meiner Sicht Unsinn. David jedenfalls schreit es hinaus: „Warum, mein Gott, hilfst du mir nicht?“ Das ist gelebter Glaube. Ein Glaube, der sich in der rauen Wirklichkeit unserer Welt bewähren will. Ein Glaube, der darum ringt und alles daran setzt, sich an Gott festzuhalten, auch wenn Not, Leid und Elend alles in Frage stellen.

Wir leben in einer Welt, die Gott verloren hat. Wir leben in einer Welt, in der das Böse und der Böse wirken. Und doch hat Gott uns Menschen in dieser Welt nicht aufgegeben. Im Gegenteil. Gott sucht uns, Sie und mich. Er sucht Sie schon immer. C. S. Lewis hat einmal gesagt: „Das Leid ist das Megafon Gottes.“ Nirgends sonst wird es so deutlich, dass wir in einer Welt leben, die Gott so nicht gewollt hat – eine Welt voller Ungerechtigkeit, Elend und Leid. Wir sind geschaffen für eine heile Welt. Deshalb ist unsere Sehnsucht danach so groß. Aber diese Welt haben wir hier nicht. Auch nicht als Menschen, die sich Gott anvertrauen. Die heile Welt, die es einmal gab, ist verloren. Und die neue heile Welt kommt erst noch, wenn Gott alles neu erschafft. Und solange dieser Tag noch nicht gekommen ist, trifft Leid vermutlich jeden von uns, auch Sie und mich.
 

Wenn die Not so nah ist – aber Gott unendlich fern

David hat den Eindruck, Gott ist gar nicht da. Jedenfalls greift Gott nicht ein. Aber immer noch kann David sagen: „mein Gott“. Davids Beziehung zu Gott besteht nach wie vor. Gott ist für David nicht anonym. Die Not und das Elend sind groß. Aber es hat den Anschein, dass es für David noch schlimmer ist, dass er sich von Gott verlassen fühlt – alleingelassen von dem Gott, der ihm doch heraushelfen könnte. Das ist die Anfechtung, die in der Not noch dazukommt.

David ruft uns mit seinem Lied zu: Auch wenn wir auf die Frage nach dem Warum vielleicht keine Antwort bekommen – im echten Leben und im echten Glauben taucht die Frage nach dem Warum einfach auf! Nämlich dann, wenn das Entsetzen darüber so groß ist, dass Gott uns – allem Anschein nach – im Stich lässt.
 

Warum? – so schreit auch Jesus in höchster Not

Nun greift Jesus bei seiner Kreuzigung diesen Aufschrei Davids auf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Nach meinem Verständnis hat David den Eindruck, Gott habe ihn verlassen. Denn Gott antwortet nicht unmittelbar. Gott macht der Not und dem Elend zunächst kein Ende. Und so scheint Gott weit weg zu sein, weil er nicht eingreift und weil er schweigt. Und dieses Schweigen Gottes wird zur Qual, zur Anfechtung.

Doch bei Jesus ist es anders. „Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, so im Markusevangelium, Kapitel 15, Vers 34. Auch Jesus ruft laut: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und hier erfüllt sich Davids Liedzeile in einem noch viel tieferen Sinn. Hat es bei David den Anschein, Gott sei weit weg, so ist das bei Jesus nun tatsächlich der Fall. Denn er, Jesus, der ewige Gottessohn, erfährt nun die unendliche Ferne von Gott dem Vater. Jetzt muss Jesus die Gottesferne in ihrer gesamten schrecklichen Tragweite am eigenen Leib erleiden. Denn als Jesus am Kreuz stirbt, geschieht das stellvertretend. Jesus sühnt mit seinem Tod am Kreuz die Schuld der ganzen Welt.

Johannes der Täufer sagt über Jesus: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ (Johannes 1,29). Und der Jünger Johannes schreibt: „Und er –Jesus - ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für unsere, sondern auch für die der ganzen Welt“ (1. Johannes 2,2). Und Paulus drückt es so aus: „Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet“ (Kolosser 2,14). Jesus stirbt am Kreuz als Opfer, als Opfer für Ihre und für meine Sünden.

Und nun geschieht bei der Kreuzigung das eigentlich Unfassbare. Die Gottesferne aller Menschen nimmt Jesus am Kreuz auf sich – und ist nun wirklich von seinem Vater im Himmel getrennt. Er erfährt die Gottesferne in ihrem totalen und furchtbaren Ausmaß. Mag unser Verstand, der zu einem großen Teil von der griechischen Philosophie der Antike stark geprägt ist, das nicht erfassen können, wie der Sohn Gottes von Gott dem Vater fern sein kann: Es ist so gewesen! Der Mann am Kreuz stirbt einsam – verlassen von allen, auch von seinem Vater im Himmel. Es ist fast so, als wolle Jesus sagen: „So müssten sie es doch eigentlich verstehen, meine geliebten Menschen. So müssten sie es doch verstehen, dass ich hier hänge, damit sie zurückfinden zum Vater im Himmel. Denn ich trage nun ihre Gottesferne, damit sie versöhnt werden mit Gott.“

Wissen Sie, Sie sind eingeladen von Jesus, diese Versöhnung anzunehmen. Das ist in der Bibel mit „Glauben“ gemeint: Dass Sie dieses Angebot von Jesus für sich in Anspruch nehmen. Jesus starb für Sie, damit Sie mit Gott versöhnt werden. Im Johannesevangelium heißt es: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Jojannes 3,16).

Alle, die an Jesus glauben, haben das ewige Leben. Sie sind nicht mehr verloren, sondern mit Gott versöhnt.

 

Auf den Gott Israels ist Verlass

Zurück zu David und seinem Lied vom Glauben in Not, Elend und Leid. Noch einmal ruft er nach Gott.

Aber du, Gott, sei nicht fern! Meine Stärke, eile, um mir zu helfen! Errette meine Seele vom Schwert, mein Leben von den Hunden! Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern wilder Stiere – du hast mich erhört! (Psalm 22,20-22).

 

Trotz der katastrophalen Lage bekennt David hier: „Du hast mich erhört!“ Ob Gott schon eingegriffen hat, berichtet David gar nicht. Es bleibt offen. Aber was ihm wohl doch klar zu sein scheint – mitten in der Not: Du, mein Gott, „du hast mich erhört!“ Schien Gott David anfangs noch fern, so ist er sich jetzt doch gewiss: „Gott, mein Herr, hat mich gehört. Er weiß von meiner Not. Und auch wenn er mir noch nicht herausgeholfen hat, er hört mich. Und er sieht mich. Und er lässt mich nicht allein.“

Und so beendet David sein Lied mit einem Aufruf an die Menschen aller Völker der Welt:

Rühmt Gott, die ihr ihn fürchtet; ehrt ihn, ihr alle vom Haus Jakob, und vor ihm scheuet euch, ihr alle vom Haus Israel! Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Angesicht vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er's. Es werden gedenken und sich zum Gott Israels bekehren alle Enden der Welt. Und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Völker. (Ps 22,24-25 und 28).

 

Auf den Gott Israels ist Verlass. Und deshalb werden sich Menschen aus allen Nationen zu ihm wenden. Auch Sie und ich – wir sind eingeladen, unser Vertrauen auf den Gott Davids zu setzen, der das Elend des Armen sieht. Und der hört, wenn Menschen in Not zu ihm rufen. Auch wenn es so scheint, als sei Gott weit weg: er ist da. Und er steht denen bei, die sich auf ihn verlassen.


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