Andacht Lesezeit: ~ 5 min

Papis Liebling

Wenn andere mehr Segen bekommen als ich selbst.


Manchen Vätern aus der Bibel würde ich ja im Nachhinein gerne einen Erziehungsratgeber anbefehlen. Dem Patriarchen Jakob zum Beispiel. Zu seiner Zeit mag es ja völlig in Ordnung gewesen sein, Lieblingskinder zu haben. Aber hätte er sich nach dem heute gängigen Erziehungsdogma „Du sollst kein Kind bevorzugen!“ gerichtet, wäre seinem Liebling Josef so mancher Charakterfehler erspart geblieben. (Wahrscheinlich hätte sich Josef mit den heute beliebten Erziehungsmethoden andere Charakterfehler eingehandelt, aber das wäre an dieser Stelle reine Spekulation.)

Natürlich war es für Jakob mit seinen zwölf Söhnen und der nicht genannten Anzahl an Töchtern nicht ganz einfach, seine Gunst gerecht unter seinem Nachwuchs aufzuteilen. Aber mit Josef hat er es eindeutig übertrieben.
 

Wie man sich einen Angeber heranzüchtet

Josef wurde geboren, als Jakob schon nicht mehr ganz jung war. Die Sache mit dessen Lieblingsfrau Rahel und dem Kinderkriegen war kompliziert gewesen. Dann aber war er endlich da, der heiß ersehnte Spross! Entsprechend wurde Josef vom Herrn Papa von vorne bis hinten verhätschelt. Er bekam die meiste Aufmerksamkeit, die angesagtesten Klamotten und wurde so weit in den Himmel gehoben, dass Josefs Brüder irgendwann den Kanal voll hatten:

Seine Brüder hassten Josef, weil sie merkten, dass ihr Vater ihn lieber hatte als sie, und redeten kein freundliches Wort mehr mit ihm (1. Mose 37,4).

 

Josef hat sich daran nicht gestört, sondern seine Sonderstellung innerhalb der Geschwisterschar offensichtlich genossen. Er erzählte seinen Brüdern sogar munter von den großartigen Träumen, die er hatte. Das einzig Großartige in diesen Träumen war freilich er selbst. Er war der strahlende Mittelpunkt, vor dem sich seine Eltern und Brüder demütig verneigten. Dass seine Familie das ziemlich größenwahnsinnig fand, ging Josef überhaupt nicht auf. Am Ende war sogar sein Vater genervt und rüffelte:

Was für einen Traum hast du da gehabt? Sollen deine Mutter, deine Brüder und ich uns etwa vor dir verneigen? (1. Mose 37,10).

 

Segen kann arrogant machen

Der Rest der Geschichte ist schnell zusammengefasst: Die Brüder überfielen Josef, rissen ihm die Designerklamotten vom Leib, verkauften ihn als Sklaven an eine zufällig vorbeikommende Karawane, tränkten die Kleiderfetzen in Ziegenblut und erzählten dem entsetzten Jakob, sein Liebling sei von wilden Tieren gerissen worden. 

Diese Geschichte von Neid und Eifersucht unter Geschwistern gehört fest zum Standardrepertoire von Kindergottesdiensten, Kinderbibeln und Jungschartreffen. Ein christlicher Evergreen. X-mal hoch und runter erzählt, gedreht, gewendet und ausgewrungen bis zum Geht-nicht-mehr. Und doch steckt da ein Aspekt drin, der bei allem Moralisieren über Neid und Eifersucht schnell übersehen wird: Segen. 
 
Josef war besonders gesegnet. Er hatte eine enge Beziehung zu seinem Vater und bekam viel Aufmerksamkeit und Liebe. Leider aber hatte Josef auch einen klaren Hang zur Angeberei. Empathie war auch nicht gerade seine Stärke. Dass seine Brüder irgendwann wütend wurden und sich seiner auf wenig elegante Weise entledigten, ist nur zum Teil ihrem Neid und ihrer Eifersucht geschuldet.

Josef selbst hat die Nase so hoch getragen, dass er den Abgrund, auf den er zusteuerte, gar nicht sehen konnte. Erst nachdem dieser arrogante Pinsel maximal gedemütigt worden war und als unfreier Mann ein Sklavendasein führen musste, konnte sich der göttliche Segen, den er empfangen hatte, entfalten. 
 

Verteilt Gott seinen Segen gerecht?

Aus unserer menschlichen Perspektive verteilt Gott seinen Segen nicht nach dem Gießkannenprinzip auf seine Kinder. Es geht nicht so zu, wie wir es als gerecht empfinden würden. Manche Menschen bekommen anscheinend mehr Segen ab als andere. Bei ihnen läuft die Gottesbeziehung wie am Schnürchen, während andere nur am Kämpfen sind und viel Leid erfahren. Da kann man schon mal einen zweifelnden Blick nach oben richten und fragen: „Was soll das?“ Nur sollte niemand eine befriedigende Antwort darauf erwarten.

Aus unserer Sicht aber erscheint es so, als hätte Gott Lieblingskinder, und das fühlt sich nicht fair an. Gott hält sich offensichtlich nicht an Erziehungsratgeber.

 

Christen bezeichnen sich nicht umsonst gerne als „Brüder“ und „Schwestern“ – mit allen Vor- und Nachteilen, die sich daraus ergeben. Vergleichen wir sie mit den zwölf Brüdern aus unserer Geschichte, so können wir auch in christlichen Gemeinschaften Einzelne wahrnehmen, die sich als besonders gesegnet erachten und den Neid der anderen schüren. Das Ergebnis ist Misstrauen und Streit darüber, wer „näher dran“ ist an Gott, wer „richtig“ glaubt und wer nicht, wer anführt und wer folgt.

Neid auf einige Wenige führt auch unter den übrigen Geschwistern zu Zwietracht. Josefs Brüder stritten erbittert darum, wie sie mit dem ungeliebten Bruder verfahren sollten – töten oder am Leben lassen? Ihre Gemeinschaft litt, sie ließen sich zu einem Verbrechen hinreißen und machten sich sowohl an Josef als auch an ihrem Vater schuldig.
 

Es ist unwichtig, wie viel die anderen haben

Bei aller Eifersucht und allem Streit vergaßen die Brüder eines: sich des Guten bewusst zu sein, das sie alle hatten. Josef mochte mehr bekommen haben als sie, aber ging es ihnen nicht trotzdem gut? Hatten sie nicht ihr Auskommen und wurden nicht auch sie von ihrem Vater geliebt? Josef war zwar besonders gesegnet, aber er war auch derjenige, der letztlich die großen Herausforderungen im Leben zu meistern hatte, während die übrigen Brüder das bequemere Leben ohne großes Drama genießen durften.

Wer anderen das neidet, was sie haben, vergisst schnell, dass ihre Begabungen auch eine Bürde sein können. Es heißt nicht umsonst: Reichtum verpflichtet.

 

Jeder dieser Söhne hätte sich vor Augen halten können: Ich werde von meinem Vater geliebt und versorgt. Das ist wichtig. Wie sehr meine übrigen Brüder vom Vater geliebt und versorgt werden, hat keinen Einfluss darauf, dass ich ein geliebtes Kind meines Vaters bin. Ich habe meinen festen Platz in dieser Familie. Wichtig für mein Leben ist meine persönliche Beziehung zu meinem Vater, nicht die meiner Geschwister. Neid auf die anderen und ihre Beziehung bringt mich meinem Vater nicht näher, sondern entfernt mich von ihm. Wenn ich seine Liebe erfahren will, muss ich mich auf ihn konzentrieren, nicht auf die anderen. Und im Übrigen – was hält mich davon ab, meinen Vater zurück zu lieben?


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