Andacht Lesezeit: ~ 8 min

Lebensmut fassen

Wenn Vergangenes nicht zur Vergangenheit wird.


Hilflos ausgeliefert

Ich wollte nicht, aber ich wurde in diese andere Wirklichkeit hineingerissen. In das Vergangene. Das war nicht einfach nur eine traurige Erinnerung. Das war ein Gefängnis. Meine Seele wurde gefoltert. Ich konnte nichts dagegen tun. Es gab nur Gefühle von Angst und Verzweiflung. 

Ich war noch ein Kleinkind.

Ich sah ein verzerrtes Gesicht. Augen, die aussahen, als wären es nicht ihre. Ein Messer in ihrer Hand. Ich habe die Finsternis auf meiner Haut gefühlt. Eine teuflische Atmosphäre. Das ist nicht meine Mama. Oder doch? Ist das wirklich meine Mama? Ich sah sie an. Ja, das ist sie. Mama, was hast du vor? Mama, warum? Ich habe Liebe für meine Mutter gefühlt und Angst vor ihr zur selben Zeit. Die Angst war stärker. Meine Oma und ich drückten gegen die Tür. Ich fühlte, es ging um Leben und Tod. Wir konnten die Tür abschließen. Ich war erleichtert, aber die Angst saß mir noch in den Knochen. „Ich will nicht mehr zu Mama gehen“, sagte ich. Ich hatte Angst, meine Mama würde mich abstechen.

Nachts quälten mich meine Gedanken. Was mache ich das nächste Mal, wenn die Mama mit dem Messer kommt? Ich habe versucht, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Diese Unruhe in mir. Ich konnte sie nicht aushalten. Ich habe überlegt, ob ich jemanden beschützen könnte. Ob ich jemanden beschützen würde. Ich hatte Bilder vor Augen. Schreckliche Bilder. Ich habe mir vorgestellt, wie das Messer mich treffen würde. Was passiert dann? Was passiert, wenn das Messer in meinem Körper ist? Ich hatte keine Idee von einem Leben nach dem Tod, aber eine intensive Vorstellung vom Sterben. Eine Vorstellung in Zeitlupe. Mein Körper hat gezittert. Ich hatte Angst. Ich weinte. Bin ich bereit dafür? „Ich will das nicht!“, habe ich gedacht. Ich wollte mich beruhigen, aber ich konnte nicht. Ich musste mir eine andere Antwort geben: „Du beschützt die Anderen, wenn es sein muss.“ Danach habe ich mich erleichtert gefühlt. Als hätte ein erwachsenes Ich in mir gesprochen. Als hätte ich mich für das Richtige entschieden. Das Richtige, das mir irgendwie Sicherheit geben konnte. Ich konnte die Augen schließen und einschlafen.
 

Traumatische Erinnerungen

Ich fühlte diese Spannung, ein Überlebensdrang und das Gefühl von der Sinnlosigkeit des Lebens zugleich. Wie kann ich diese Schmerzen aushalten? Ich versuchte zu überleben. Mehr nicht. Ich wollte nichts mehr fühlen. Es wirkte, als ob allein ein Erinnerungsbruchstück in der Lage dazu wäre, mich umzubringen. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte mich nicht mehr erinnern. Ich war total erschöpft. Jeder Atemzug tat weh. Dann habe ich mich gefragt, wie es überhaupt möglich ist, sich nicht selbst irgendwann umzubringen. 

Ich habe Angst vor der Erinnerung. Angst vor der Zukunft. Angst vor dem, was in mir ist. Angst vor dem Bewusstwerden der Verluste. Vor den verletzten Teilen in mir. Vor meiner kindlichen Seite. Ich habe Angst vor den Teilen in mir, die dieses Kindliche schützen wollen. Mich vor schlimmeren Verletzungen bewahren wollen. Die mit Wut und Vorurteilen reagieren. Oder in eine Idealvorstellung fliehen wollen. Ich habe Angst vor der Trauer. Vor den Gefühlen, die ich noch unterdrücke. Vor dem Gedanken, dass ich manche Dinge nie haben werde. Vor der Tatsache, die Geschehnisse als Teil meines Lebens annehmen zu müssen. Ich habe auch Angst durch die Erinnerung weiter traumatisiert zu werden. Dass es schlimmer wird als vorher. Dass ich den Boden unter meinen Füßen irgendwann gar nicht mehr fühlen kann. Ich habe Angst vor den Triggern, die mir ein normales Leben unmöglich machen. Das können Menschen, Orte, Worte, bestimmte Fragen und Stimmen sein. Es kann jeden Tag passieren. Dann bin ich nicht mehr ich selbst. Nur mein traumatisiertes Ich. Das Ich, das niemand haben will. 

In meinem Umfeld werde ich oft dafür verantwortlich gemacht, dass es mir schlecht geht. Wenn ich Trost suche, höre ich die schlimmsten Sätze von meinen engsten Freunden. Es fühlt sich an, als ob die Menschen um mich herum, ein Messer nehmen und meine Wunde noch weiter aufschneiden. Psychologen sagen, dass die Symptomatik bei einigen traumatisch Belasteten durch ihr Umfeld aufrecht erhalten wird. Weil es niemand nachvollziehen kann.

Die meisten Menschen kennen nur normale Reaktionen auf normale Ereignisse. Aber normale Reaktionen auf unnormale Ereignisse sind ihnen fremd.

 

Lebensmut fassen

Die Bibel ist manchmal wirklich das Einzige, was mich tröstet. Weil ich mich da verstanden fühle. Eigentlich ist es das, was ich mir am meisten wünsche: Verständnis. Und dass ich die Liebe fühle, die mir so oft gefehlt hat.

Wie es ist, wenn man nicht verstanden oder getröstet wird, kann man auch in der Bibel sehen. Bei Hiob zum Beispiel. Am Anfang können seine Freunde noch still mit ihm trauern (Hiob 2,11-13). Einfach bei ihm sein. Aktiv schweigen. Doch dann kommen sie mit Belehrungen (Hiob 4,4-5), suchen nach Schuldzusammenhängen (Hiob 8,4) und spielen Freundlichkeit vor (Hiob 15,11). Hiob sagt dazu: „Wer so verzweifelt ist wie ich, braucht Freunde, die fest zu ihm halten, selbst wenn er Gott nicht mehr glaubt. Ihr aber enttäuscht mich wie die Flüsse in der Wüste, deren Bett vertrocknet, sobald kein Regen mehr fällt.“ (Hiob 6,14-15). Er kann ihre Worte nicht mehr ertragen: „Wie lange wollt ihr mich noch quälen und mich mit euren Worten verletzen?“ (Hiob 9,2). „Wenn ihr doch nur schweigen würdet, dann könnte ich euch noch für weise halten“ (Hiob 13,5). Seine Freunde wollen ihn zwar trösten, aber sie können sich nicht auf seine Trostlosigkeit einlassen. Hiob fühlt sich nicht verstanden, nicht getragen. 

Durch die Worte in meinem Umfeld fühle ich mich oft dermaßen verletzt. So wie Hiob von seinen Freunden. Doch ich kann Lebensmut fassen, durch den Trost, den Gott mir schenkt. Gott weiß, wie viele Tränen ich geweint habe. Er sammelt alle Tränen in einem Krug und zählt jede einzelne (Psalm 56,9). Er weiß, wie tief mein Schmerz ist. Ich kann wissen: „Wenn auch meine Kräfte schwinden und mein Körper mehr und mehr verfällt, so gibt doch Gott meiner Seele Halt. Er ist alles, was ich brauche – und das für immer!" (Psalm 73,26). Ich habe die Hoffnung, dass es meiner Seele durch den Trost, den Gott mir schenkt, besser gehen wird (Psalm 94,19). Gott gibt mir, was ich brauche. 

Wenn ich bedrückt bin, kann ich mein Herz vor ihm ausschütten. Meine Gefühle zulassen. Die Wut und die Trauer. Er möchte alles, was in mir ist. Keine Fassade von mir. Er will mich so wie ich bin. Zu ihm erhebe ich meine Seele (Psalm 25,1). Alle Gefühle – auch meine kranken. Ich soll nicht so tun, als wäre ich ohne Wut oder Vorwürfe. Ich bin voll davon. Die Welt finde ich ungerecht. Und ich darf das sagen. Ich muss es sogar. Erst wenn ich mein Leid ausgesprochen habe, kann ich davon befreit werden. Es tut mir weh, wenn mir gesagt wird, dass ich andere Menschen vor meinem Leid schützen muss. Als wäre es ansteckend. Es tut mir weh, wenn meine engsten Freunde mich erstmal fragen, ob ich denke, dass sie das tragen können, was ich wieder zu erzählen habe. Ich frage mich dann, wer am meisten darunter leidet.

Ich brauche Zeit und Verständnis, aber es wird ständig dafür gesorgt, dass ich mich nicht erholen kann. Ich will, dass Gott etwas ändert. Und ich mache ihm Vorwürfe, dass er mir das alles zumutet. Als hätte ich nicht schon genug Schlimmes erlebt. Wie die Söhne Korahs frage ich mich, ob Gott mich überhaupt hört: „Herr, wach auf! Warum schläfst du? Erhebe dich!“ (Psalm 44,24). Dann erfahre ich Trost, weil der „Gott allen Trostes“ (2 Korinther 1,3) mich tröstet. Dass Jesus mich tröstet, der als Mensch all die Last, die mich niederdrückt, auch kennt (Hebräer 2,17). Er kennt diese Verlassenheit, die ich fühle. Als er am Kreuz war, sagte er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46).

Ich fasse Lebensmut, wenn ich einen Sinn in meinem Leben sehe. Ohne Motivation, ohne Antrieb geht es nicht weiter. Gott sagt, dass er die Quelle des Lebens ist (Psalm 36,10). Jesus ist das Leben (Johannes 14,6). Ich muss mich nicht mehr fürchten. Vor gar nichts. Auch nicht vor meiner Erinnerung. Wie David aus der Bibel sage ich: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?“ (Psalm 27,1). Gott schützt mich. Ich werde leben, wenn ich ihn suche (Amos 5,4).

Ich kann wieder hoffen, weil Jesus sagt, dass er als ein Licht in die Welt gekommen ist, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht in der Finsternis bleibt (Johannes 12,46).

 

Es wird zwar nie so sein, als wäre es nicht passiert. Erfahrungen sind nun einmal Erfahrungen. Die Bilder in meinem Kopf lassen sich nicht löschen. Eine Traumatisierung lässt sich nicht löschen. Die Alarmbereitschaft bleibt aus psychologischer Sicht lebenslänglich bestehen. Ich kann lernen mit den Bildern umzugehen, wenn sie mich überwältigen wollen. Und Gott wird mir helfen. Vielleicht tut er auch mehr als das, was die Psychologie für möglich erklärt. Er ist immerhin Gott.
 

Die schlimmen Dinge, die mir passiert sind, kann ich annehmen, weil Gott jede Scherbe meines zerbrochenen Lebens nimmt und etwas Neues daraus machen wird. Er ist der Töpfer (Jeremia 18,6), der mich formt. Er ist der lebendige Gott (Psalm 84,3). Und Jesus will mir ein erfülltes Leben schenken (Johannes 10,10). Er macht alles neu. Wenn ich es nicht nur als Information wahrnehme, sondern wirklich mit meinem Herzen glaube, dass Jesus das Leben ist, bekomme ich Hoffnung, dass Vergangenes wirklich Vergangenheit werden kann.


Haben Sie auch traumatische Erfahrungen gemacht und wünschen sich einen Ansprechpartner? Sie dürfen sich gerne an unser Seelsorgeportal wenden. Kompetente Seelsorger und Seelsorgerinnen werden Ihnen antworten. 


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Kommentare

Von Anja Zurmühl am .

Sie sprechen mir aus dem Herzen. Vielen herzlichen Dank für Ihre Offenheit. Ich kann Sie sehr gut verstehen, eine Kinderseele ist so weich.
Ich bin jetzt 57 und kann sagen, bis hierher hat mir Gott geholfen, bis hierher hat er mich gebracht. Jesus ist nicht gekommen, um uns den Kopf zu waschen sondern die
Füße. Ihm immer wieder alles hinlegen, alles was in uns ist, denn er will ein Neues schaffen, mit uns.


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