Andacht Lesezeit: ~ 4 min

Höllische Angst

Wenn das Trauma mich einholt.


Ich dachte, es gibt nichts Schlimmeres als meine Depression. Als das ständige Gefühl, gelähmt zu sein. Als die endlose Traurigkeit und Bedrückung. Keinen intensiveren Schmerz. Doch es geht noch schlimmer. Zumindest für einen kurzen Moment. Wenn mich ein Flashback heimsucht. Eine intensive Erinnerung, die ich eigentlich erfolgreich verdrängt hatte. Sie kommt mit allen Bildern und Emotionen. Körperlich nicht auszuhalten. Ich dachte immer, dass es nur so eine Redewendung ist, wenn man sagt, dass einem die Seele aus dem Leib gerissen wurde. Jetzt weiß ich es besser. Das ist keine Redewendung. Das ist pure Realität. Es gibt keine Worte, die es besser beschreiben. 

Es fühlt sich an, als wäre die Zeit zurückgedreht: Ich bin in diesem kleinen Körper. Etwa vier Jahre alt. Ich suche einen Weg, um zu fliehen. Aber es gibt keinen. Aus dem Fenster kann ich nicht. Es ist zu hoch. Ich kann nicht springen. Die Tür wird blockiert. Dieses Mal kann ich uns nicht retten. Es tut mir leid. Ich bin nicht schnell genug. Nicht stark genug. Ich kann es nicht schaffen. Ich kann nicht einmal mich selbst retten. Ich sehe diese Augen. Sie machen mir Angst. Dann höre ich die angsterfüllte Stimme meines kleinen Bruders. Die Todesangst schießt in meinen Körper. Warum beschützt uns niemand? Was passiert als Nächstes?
 

Von der Angst

Ich glaube, ich kann kein anderes Wort als Horror benutzen, um diese Situation zu beschreiben. Ich hatte Angst. Eine intensive Angst. Sie fühlte sich an, als wäre ein Blitz in mir eingeschlagen. „Sag jetzt lieber nichts mehr!“, hatte mein kleiner Bruder geflüstert. Eine Bitte und Aufforderung zugleich. In der Lage zu reden war ich aber sowieso nicht mehr. Dafür stand ich zu sehr unter Schock. Ich weiß noch, dass ich mich für einen kurzen Moment darüber gewundert hatte, dass mein Bruder so klar sprechen konnte. Er hatte den Ernst der Lage genauso erkannt wie ich. Obwohl er der Kleinere ist, wirkte er gefasster als ich. Ich habe probiert, meine Angst zu überwinden. Mich selbst zu beruhigen. „Selbst wenn jemand da wäre, könnte er uns nicht helfen“, habe ich mir eingeredet. Es klingt paradox, aber irgendwie hat es mich getröstet. Mir gingen alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Mein Wunsch, beschützt zu werden. Und dann die Realität, schutzlos ausgeliefert worden zu sein. Mit diesem Gegensatz wollte ich nicht klarkommen. Aber mir blieb nichts anderes übrig, als die Situation zu akzeptieren. Mich auf alles einzustellen. 

Todesangst war ein Gefühl, an das ich mich wegen meiner schizophrenen Mutter früh gewöhnen musste. Ein Gefühl, mit dem ich alleine klar kommen musste. Ich wünsche mir bis heute, dass ich diese Erfahrung nicht hätte machen müssen. Mit dieser Angst waren bei mir so viele Dinge verbunden. Das Gefühl, abgelehnt zu werden, vernachlässigt zu sein. Das Gefühl von Hilflosigkeit. Das Gefühl, wertlos zu sein. Die Sehnsucht nach Liebe. Nach Sicherheit. Und die Sehnsucht danach, jemandem vertrauen zu können.
 

Wie finde ich Trost?

Ich kann nicht ungeschehen machen, was passiert ist. Aber ich kann mich auf einen guten Weg begeben, um innerlich heil zu werden. Der Glaube an Jesus Christus gibt mir Halt und Zuversicht während ich noch viele Wunden in mir trage. Ich weiß, Gott kann mich heilen, denn wie Psalm 147 es beschreibt, wendet sich Gott leidenden Menschen zu: „Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.“ (Psalm 147, 3).

Der Glaube an Jesus Christus gibt mir Halt und Zuversicht während ich noch viele Wunden in mir trage.

 

Ich kann mich von Jesus trösten lassen, weil ich weiß, dass er mein Leiden genau kennt. Er hat selbst das größte Leid bei der Kreuzigung ertragen müssen. Seine Narben trägt er auch heute noch. Sie sind sein Erkennungsmerkmal als Retter der Welt (Vgl. Johannes 20,26-28). Sie sind Teil seiner Identität.

Die Narben, die ich trage, sind die Erinnerungen an das Schlechte, das mir widerfahren ist. Es gibt eine Traurigkeit, die zurückbleibt. Mit Gott soll sie aber keine bodenlose Traurigkeit sein, in die man fällt. Ich muss nicht verzweifeln, sondern kann Hoffnung haben. Gottes Gedanken und Pläne für mein Leben sind gut. So schreibt der Prophet Jeremia aus der Bibel: „Denn ich weiß genau, welche Pläne ich für euch gefasst habe, spricht der Herr. Mein Plan ist, euch Heil zu geben und kein Leid. Ich gebe euch Zukunft und Hoffnung. “ (Jeremia 29,11). Gott gibt mir die Lebensfreude zurück, die mir so oft genommen wurde. In allem, was mich jetzt noch traurig stimmt, möchte ich mich an Jesu Worte erinnern: „Ich aber bin gekommen, um ihnen Leben zu geben – Leben in ganzer Fülle.“ (Johannes 10,10). Es gibt ein Leben in Fülle – auch für mich.

Bei Gott kann ich Trost finden, weil ich weiß, dass er mich durch und durch kennt. In jeder Situation, die ich erlebt habe, war er gegenwärtig. Nichts, was mir passiert ist, ist Gott verborgen. In meinen Schmerzen leidet er mit mir. Ich kann mein Leid vor ihn bringen. Es in seine Hände legen.

In jeder Angst und in jedem Gefühl von Hilflosigkeit, das noch öfter in mir hochkommt, tröstet mich die Gewissheit, dass Gott mir Schutz gibt und für mich ein Zufluchtsort ist. Darin zeigt er mir seine Liebe. Ich glaube, dass Gott mich aus meinem Leid herausziehen wird. Jede Lücke füllen wird. Meine Sehnsucht erfüllen wird. Er spricht zu mir: „Rufe zu mir in Tagen der Not. Dann werde ich dich retten, und du wirst mich preisen.“ (Psalm 50,15)


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