Rezension Lesezeit: ~ 6 min

„Gott ist unkaputtbar“

Christian A. Schwarz will der Kirche wieder zu mehr Relevanz verhelfen. Gelingt es ihm?


„Wer will, dass das Christentum bleibt, wie es ist, der will nicht, dass es bleibt.“ – wie eine Klammer bindet Christian A. Schwarz diese Aussage um sein Buch „Gott ist unkaputtbar. 12 Antworten auf die Relevanzkrise des Christentums.“ Er beschließt mit diesem Kernsatz sein Vorwort und wiederholt ihn zu Beginn des Nachwortes. Damit ist klar, was Schwarz am Herzen liegt: Er möchte dem Christentum – oder besser der christliche Kirche – in einer sich rasant verändernden Welt zu einer neuen Relevanz verhelfen. Sein Buch richtet sich darüber hinaus ausdrücklich auch an Menschen, die sich zwar für den Glauben interessieren, die Kirche und den Lebensstil vieler Christen jedoch nicht attraktiv oder überzeugend finden.
 

12 x Reformbedarf

Was meint der Theologe damit? In insgesamt 12 Kapiteln macht Schwarz verschiedene Schwerpunkte aus, für die er in der westlichen Kirche einen dringenden Reformbedarf sieht. Dazu gehören eher gängige fromme Themen wie ein gesunder Führungsstil oder verschiedene geistliche Zugänge, aber auch Themen, die das Zusammenleben zwischen Christen und Nichtchristen in einer stark säkularisierten und pluralistischen Gesellschaft wiederspiegeln („Die ‚Wir/Ihr‘ – Trennung überwinden“; „Fundamentalistische Tendenzen austrocknen“). Kernpunkte seiner Ausführungen sind dabei seine Überlegungen zur biblischen Realität der Energie Gottes und der transpersonalen Dimension Gottes.

Christian Schwarz forscht und schreibt seit nunmehr 40 Jahren zu Fragen der Gemeindeentwicklung und will sich selbst nicht in Kategorien wie evangelikal, liberal oder charismatisch einordnen lassen. Er ist Leiter des Instituts NCD (Natural Church Developement; für Deutschland: Natürliche Gemeinde Entwicklung), das in 86 Ländern mithilfe der Daten von 75.000 Gemeinden empirische Forschung zu Fragen rund um das Thema „Gemeindewachstum und –entwicklung“ betreibt. Die Ergebnisse aus diesen Studien sind Grundlage für viele der Annahmen und Aussagen, die Schwarz in „Gott ist unkaputtbar“ trifft. Außerdem sieht sich der Autor in vielen seinen Überlegungen in den Spuren von Dietrich Bonhoeffer, dessen Schriften er immer wieder zitiert und dessen Patensohn Thomas Bonhoeffer zu seinen geistlichen Mentoren gehört.
 

Christentum 3.0

Was brauchen Christen im 21. Jahrhundert und was unterscheidet das Christentum der Gegenwart von früheren Phasen der Kirchengeschichte? Interessanterweise spielen äußere Strukturen wie die Gottesdienstform oder Gemeindeorganisation laut dem engagierten Forscher bei der Beantwortung dieser Frage eine völlig nachgeordnete Rolle. Für ein Christentum 3.0 sind ihm stattdessen zusammengefasst zwei Dinge besonders wichtig:

  1. Christen sollen sich selbst wieder bewusst werden, was sie eigentlich glauben, quasi die eigene christliche DNA neu entdecken und die gesamte biblische Botschaft ernstnehmen. Außerdem sollen sie ihren Glauben so leben, dass sie persönlich geistlich wachsen und darin nicht stagnieren. Auch das Stichwort „mündiger und verantwortlicher Glaube“ spielt eine zentrale Rolle.
  2. Christen sollen sich aufgrund ihres Glaubens nicht von der Gesellschaft zurückziehen und so eine Distanz zwischen sich und Menschen anderer Lebenshaltung schaffen. Außerdem sollen sie lernen, ihren Glauben auf Augenhöhe mit Andersdenkenden zu kommunizieren und dabei selbst lernbereit zu bleiben. So können Fanatismus und Überheblichkeit vermieden werden.

Erst wenn diese Faktoren zusammenkommen, davon ist Schwarz überzeugt, wird die christliche Glaube wieder an Bedeutung und Attraktivität für die Gesellschaft gewinnen.
 

Göttliche Energie als intrinsische Glaubensquelle

Der Theologe bleibt nicht bei dieser Bestandaufnahme stehen. Er zeigt auch auf, worin seiner Meinung nach die Lösung besteht: In der Neuentdeckung der Energie Gottes und seiner transpersonalen Dimension. In diesem theologischen Konzept sieht Schwarz den Schlüssel für eine veränderte und kraftvolle Kirche in der Gegenwart. Die Ostkirche habe dieses Konzept im Gegensatz zur westlichen Christenheit in ihrer Theologie und Liturgie schon seit Jahrhunderten beherzigt.

Sie gehe davon aus, dass „durch die göttliche Energie der Mensch real ‚Anteil an der göttlichen Natur‘ [nimmt], ohne Teil von Gottes Wesen zu werden. Eine häufig gebrauchte Metapher, um diesen Sachverhalt zu kommunizieren, war die Unterscheidung von Sonne und Sonnenstrahlen.“ Weil die Ostkirche dieses Bewusstsein der Westkirche voraushabe, sei eine fruchtbare Kommunikation zwischen den beiden Konfessionen unerlässlich.
 

Schwarz zufolge unterscheidet die Ostkirche drei Dimensionen des Seins Gottes:

  1. Die absolute Transzendenz, d.h. die Dimension Gottes, die für uns unzugänglich und unbeschreibbar bleibt.
  2. Gott als personenhaftes Wesen, wie er uns in der Trinität begegnet.
  3. Gott als unerschaffene Energie, die sich vom Wesen Gottes unterscheidet und die einen „transpersonalen Zugang zu Gottes Transzendenz“ eröffnet.

Schwarz macht ein Übersetzungsproblem im Neuen Testament dafür verantwortlich, dass die Westkirche diese dritte Wirklichkeit Gottes so lange übersehen hat. Das griechische Wort energeia samt Wortfamilie drücke ein Konzept aus, dass dem lateinischen Denken fremd sei und deswegen auch nicht angemessen übersetzt werden konnte. Statt die entsprechenden Begriffe mit Energie, energiegeladen oder energisieren (eine Sprachneuschöpfung von Schwarz, ähnlich dem englischen to energize) korrekt zu übersetzen, gäben deutsche Übersetzungen die entsprechende Wortguppe beispielsweise so wieder: Wirkung, Macht, tatkräftig, kraftvoll, vollbringen, schaffen.

Anhand verschiedener Bibelstellen führt Schwarz dann auf, warum die unzureichende Übersetzung zu einem einseitigen Gottesbild geführt hat, welches nicht nur manchen Menschen den Zugang zum Glauben erschwert, sondern auch Christen selbst von einer wesentlichen Dimension Gottes abschneidet, sie im wortwörtlichen Sinn seiner Energie beraubt. Darüber hinaus fordert Schwarz, dass der transpersonale Zugang zu Gott wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt werden muss. Denn gerade Menschen, die an etwas Göttliches glauben, sich mit einem personalen Gott aber schwer tun, könnten so einen Zugang zu Gott finden.

Mit dem Energiekonzept rückt transzendente Wirklichkeit (die Energie Gottes) direkt ins Hier und Jetzt und berührt alle Bereiche unseres Lebens, nicht nur den ‚religiösen Bereich'. – Christian A. Schwarz

 

 Die „Relevanzkrise“ des Christentums ist für Schwarz zu einem erheblichen Teil das Resultat einer „Energiekrise“.
 

Unklare und spekulative Theologie

Die Aussagen von Schwarz zu Gottes Energie und seinem transpersonalen Wesen lassen viele Fragen offen. Der Hinweis auf seine „Energie-Triologie“, in der er seine Ausführungen vertiefe, ist an dieser Stelle wenig hilfreich: Kaum einer wird bereit sein, mehrere hundert Seiten Zusatzmaterial zu lesen, um Schwarz folgen zu können. So entsteht in „Gott ist unkaputtbar“ nicht nur ein unklares, sondern leider auch fragwürdiges Bild von dem, was dem Autor so sehr am Herzen liegt.

Folgende Punkte bleiben in den betreffenden Kapiteln völlig außen vor oder werden nur unzureichend erläutert:

  1. Wie lebt und versteht die Ostkirche dieses Konzept ganz praktisch? Wo wird sichtbar, dass sie im Leben der Gläubigen und der Gesellschaft stärker von Gottes Energie durchdrungen ist als die Westkirche?
  2. Die Begründung für die von Schwarz vorgeschlagene geänderte Übersetzung ist dürftig und steht nach meinem Dafürhalten philologisch und historisch auf wackeligen Füßen.
  3. Wo grenzt sich das Energiekonzept vom Wirken des Heiligen Geistes in uns Menschen ab? Auf den Heiligen Geist als ganz zentrale Quelle von Gottes Wirken in seiner Schöpfung geht Schwarz so gut wie gar nicht ein.
  4. Inwiefern unterscheidet sich die Theologie von Gottes Energie vom Gedankengut der Esoterik? Hier bleibt Schwarz gefährlich unscharf.
  5. Bietet Gott uns wirklich einen Zugang zu sich, der über sein personales Wesen – sprich , Vater, Sohn und Heiliger Geist – hinausgeht? Die Bibel verweist m.E. eindeutig darauf, dass Jesus Christus der Weg ist, den Gott für seine Kommunikation mit uns gewählt hat, selbst wenn er darüber hinaus in einer völlig transzendenten oder transpersonalen Form existieren sollte (vgl. Kolosser 2,6-10).

 

Fazit

Christian Schwarz‘ Anliegen, der Kirche zu mehr Relevanz zu verhelfen, spürt man dem Buch auf jeder Seite ab. Die meisten seiner Reformvorschläge und Ausführungen zum Christentum 3.0 sind in einer sich stark veränderten, globalisierten und säkularisierten Welt richtig und notwendig. In Bezug auf diese Aussagen kann man den Impulsen aus „Gott ist unkaputtbar“ nur einen breiten Einfluss wünschen.

Große Fragezeichen bleiben hingegen rund um das Konzept von Gottes Energie und der Begegnung mit seiner transpersonalen Dimension. Hier empfiehlt es sich, bei dem biblisch belegten „Christus in euch“ zu bleiben (Kolosser 1,27) und nicht auf ein spekulatives Energiekonzept zu setzen. Denn nicht eine wie auch immer richtig verstandene Theologie wird der Kirche zu neuer Relevanz verhelfen, sondern die aufrichtige Bereitschaft jedes einzelnen Christen, Jesus Christus nachzufolgen, und dabei auf das Wirken des Heiligen Geistes in sich selbst und in Kirche und Gesellschaft zu vertrauen.

→ Das Buch „Gott ist unkaputtbar. 12 Antworten auf die Relevanzkrise des Christentums.“ im ERF Shop bestellen.


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Ihr Kommentar

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Kommentare

Von Jörg am .

Gute Analyse, großes Lob an die Autorin. Vor allem was in Punkt 4 festgestellt wurde, ist auch der Gedanke, der mir beim Lesen gekommen ist. Nämlich, dass das alles sehr esoterisch klingt. Es ist wirklich gefährlich den christlichen Glauben als Zweig der Esoterik anzubieten, nur weil Esoterik dem Zeitgeist entspricht.

Von Gast am .

Die Kirche braucht keine neuen Reformen.
Die Christen müssen wieder lernen sich selbst zu sterben, Jesus nachzufolgen und im Heiligen Geist zu leben. Ich habe selten echte Vorbilder kennengelernt.


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