Andacht Lesezeit: ~ 5 min

Freundlich und salzig

Was es bedeutet, das Salz der Erde zu sein.


Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt. (Kolosser 4,6)

 

Ein Brief an Christen, die in einer Kleinasiatischen Stadt namens Kolossä wohnen enthält diese Aufforderung. Paulus steckt dahinter, er hat zwar diese Menschen in Kolossä nicht konkret vor Augen, aber er gibt ihnen doch wegweisendes mit für ihre Aufgabe. Eine Aufgabe, die Jesus mit den Worten „Ihr seid das Salz der Erde“ näher umschrieben hat.
 

Ein merkwürdiger Auftrag?

Was ist das denn für ein merkwürdiger Auftrag?, möchte man fragen. „Freundlich“ sein, ja, das kann man als christliche Eigenschaft wiedererkennen. Aber „salzig“? Es geht ja dabei um einen Wortbeitrag. Nicht um das allgemeine Verhalten.

Es klingt wie eine Art Geheimsprache. Nicht „deutsch“ oder „englisch“, sondern „salzig“ sollen die Worte sein. Wenn in unserem heutigen Sprachgebrauch etwas salzig genannt wird, dann ist es eine Rechnung. „Gesalzen“ sind meist die Preise, wenn sie gefühlt zu hoch sind.
 

Ein Würzfehler

Und da liegt dann wohl ein Würzfehler vor, also zu viel des Guten wurde verwendet. Ein Körnchen Salz genügt meist schon, um eine fade Speise schmackhafter zu machen. Im Lateinischen gibt es dafür sogar eine Redewendung: „Cum grano salis („mit einem Korn Salz“). Die geht vielleicht auf einen Ausspruch des Historikers Plinius des Älteren zurück. Dieser schreibt, der Feldherr Pompeius habe ein Mittel gegen Schlangengift gefunden, das aus verschiedenen Stoffen bestand „unter Beigabe eines Salzkorns“. Der Ausdruck lautet bei Plinius „addito salis grano“.

Das lateinische Substantiv sal heißt auch Witz und Verstand, Klugheit, so dass mit diesem Ausdruck angedeutet wird, der Leser oder Hörer solle die Mitteilung nicht ganz wörtlich auffassen, sondern „mit einem Körnchen Verstand“, also nicht völlig unkritisch. Will Paulus das etwa sagen? Der Ausdruck mit dem Körnchen Salz wird im Deutschen heute meist einschränkend verwendet, um darauf aufmerksam zu machen: das Gesagte ist nicht in jeder Hinsicht wörtlich zu nehmen. Es ist vielmehr ungenau, übertrieben oder sarkastisch formuliert und soll daher nur mit Abstrichen ernst genommen werden soll.
 

Vorsicht Missverständnis!

Mir scheint, dass Christen heute vielfach in der Gefahr stehen, auf diese Weise „missverstanden“ zu werden. Die christlichen Feste Weihnachten, Ostern, Pfingsten – das seien doch nur Symbole. Am besten noch solche, die allgemeine Wahrheiten darstellen. Ostern liegt ja im Frühling, wo die Natur wieder zum Leben erweckt wird.

Das wäre in der Tat eine fatale Fehlentwicklung. Offenbar war Paulus auf einer anderen Spur. Und die kann mit Fug und Recht als „Salzstraße“ bezeichnet werden. Fangen wir an mit der Bedeutung des Salzes in alter Zeit. Salz war besonders in der Antike von sehr hohem Wert, neben dem Einsatz als Speisewürze vor allem wegen der Verwendungsmöglichkeit als Konservierungsmittel.
 

Luxusgut Salz

Römische Legionäre erhielten einen Teil ihres Lohns als Salzration ausbezahlt. Das Fremdwort „Salär“ ist ein Synonym für Arbeitsentgelt und Sold. Dieser Begriff geht auf das französische salaire zurück, und das ist auf das Lateinische Wort für „Salzration“ (salarium)  zurückzuführen. Weil die Gewinnung von Salz mit großen Mühen und hohen Kosten verbunden war, legte man diesem Rohstoff den Charakter des Wertvollen, oft auch des Luxuriösen bei.

Anders als heute empfanden Menschen früherer Zeiten sich selbst als Abhängige von nicht beherrschbaren Faktoren. Dazu zählten Naturkatastrophen genauso wie Missernten und Kriege, hinter ihnen wusste man übernatürliche Mächte am Werk. Deshalb galt das Salz als Geschenk des Himmels, um die man beten musste und die bei besonderen Gelegenheiten in Glück- und Segenswünschen einander zugesprochen wurden.

Meint Paulus folglich ein „segnendes“ Reden der Christen? Da spricht manches dafür. Vor allem der kurz zuvor mitgeteilte Wunsch: „Eure Rede sei allezeit freundlich“. Doch was heißt schon „freundlich“? Genau genommen steht dort im Griechischen etwas anderes: „Euer Wort sei allezeit in Gnade“ – so hat es u. a. die Elberfelder Übersetzung wiedergegeben.

Aber meines Erachtens wäre die Bedeutung dieses Verses immer noch zu unvollständig. „In Gnade“ und „mit Salz gewürzt“ heißt nicht allein, dass Christen ihr Gegenüber mit dem Segen Gottes ansprechen. Man soll ja nicht so viel Salz essen. Und doch hauen die Lebensmittelproduzenten so manche Tonne des weißen Goldes in unsere Nahrung. Je stärker verarbeitet, desto mehr Salz. Der Blutdruck steigt, die Lebensqualität nimmt ab.

Als Trick wird empfohlen, grobes Salz am Schluss der Zubereitungsphase ins Essen zu tun. Dann empfindet man den Salzgeschmack einfach intensiver und man kann so jede Menge Salz einsparen. Denken wir allein nur einmal daran, dass Jesus seinen Leuten zusagt, sie seien „das Salz der Erde“. Heißt das nur „ein Segen für die Erde“ zu sein? Die Erde geschmackvoll umzugestalten?
 

Wofür man Salz außerdem gebrauchte

Welche Funktion hat das Salz noch? Der Theologe Friedrich Hauck schreibt „Das Salz hat für den antiken Menschen religiöse Bedeutung. Wegen seiner reinigenden, würzenden und erhaltenden Kraft wird es zum Symbol für Dauer und Wert. Es wird mit Gott zusammengeordnet, wie Übelriechen und Verfaulen mit den Dämonen. Deshalb hat das Salz auch weithin im Kultus, auch in dem des AT, Verwendung gefunden. Die Opfer wurden mit Salz bestreut oder vermischt. Neugeborene Kinder wurden mit Salz eingerieben.“

Keimfrei macht das Salz, es macht tauglich zum Gelingen der Gottesbeziehung. Das sollte uns heutige Christen nachdenklich machen.

 

Was reinigt, was sozusagen den Schorf auf der Haut wegputzt, das ist natürlich keine Aufgabe, der sich Menschen, auch Christen widmen müssten. Aber wie sieht es damit aus, das Verhornte und Abgestorbene abzuschleifen? Wo widmen sich heute Christen der Aufgabe, als Schleifstein den lieben Mitmenschen zu dienen?

Ich denke, so wird ein Schuh draus, wenn Paulus zu dem Ausdruck „in Gnade“ noch ausdrücklich das „mit Salz gewürzt“ hinzugefügt hat. Einen Zeitgenossen, einen überzeugten Christen, mit einem Herzen für die Menschen – stelle ich mir dabei vor – im Grunde immer höflich und freundlich, aber dann von Zeit zu Zeit: überraschend direkt. Wenn es sein musste, nahm er kein Blatt vor den Mund. Nicht einmal eingerahmt durch verlegenes Räuspern, oder in versteckten Andeutungen, sondern voll und frontal rein in die Situation. Bei einer feierlichen Diensteinführung eines Predigers konnte er auch mal aus der umgangssprachlich-derben Volxbibel zitieren. Seine Frau stellt erleichtert fest: Es war eine Gnade, dass es immer gut ausging.

Also: keine Rüpeleien austeilen um der Rüpelei willen, sondern um der Klarheit und Wahrheit willen. Wenn es nötig ist, wenn es dem anderen – und nicht dem eigenen Ego – hilft! Und dann: ruhig mal Tacheles reden, Butter bei die Fische, ... „Gib dem Affen Zucker“ – halt! Gib dem Menschen – Salz. Das ist es.


Weitere Beiträge zum Thema

 

 

 

 

 

 

 


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.