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Die geplatzte Erbschaft

Wenn Gott mein Erbe antastet und damit einen wunden Punkt berührt.


„Das ist mal wieder ganz typisch!“ Wie oft höre ich diesen Satz von anderen oder sage ihn selbst über einen Menschen. Damit drücke ich aus, was diese Person charakterisiert und ihr eigen ist. Ihr Humor oder bestimmte Bewegungen. Aber auch ihre Haltung zum Leben, ihr Umgang mit Herausforderungen, ihre Reaktion auf Kritik u.v.m.
 

Mein familiäres Erbe

Die Individualpsychologie1 geht davon aus, dass ein Mensch maßgeblich von der Umgebung geprägt wird, in der er in den ersten etwa sechs Lebensjahren aufwächst. Dort findet er die Leitlinien für sein Handeln und entwickelt seinen eigenen Charakter, seinen Lebensstil. Also einen bestimmten Plan, nach dem sein Leben zu funktionieren scheint. Durch Versuch und Irrtum sowie durch Aktion und Reaktion trainiert er seine Denk- und Verhaltensmuster. Er entwickelt seine private Logik, formt sein Bild von sich selbst, von seinem Umfeld und auch sein Bild von Gott.

Was hat den Mann geprägt, der in Markus 10,17-22 zu Jesus kommt?

Er ist im jüdischen Glauben erzogen und kennt die Gebote. Von Jugend an hat er danach gelebt, wie er sagt. Er kann sich also auf viele gute Taten in seinem Leben berufen und ist ein rechtschaffener und religiöser Mann. Dazu einer, der es zu einem beachtlichen Wohlstand gebracht hat.  

An Hand der Frage, die er Jesus stellt, vermute ich, dass eine Erbschaft ihm zu seinem Reichtum verholfen hat. Etwas zu besitzen, zu erben, dafür aber auch etwas zu tun, ist ihm offensichtlich vertraut und gibt ihm Sicherheit. Ebenso wie sein Leben nach den Geboten Gottes auszurichten.
 

Meine private Logik 

Welche Logik hat dieser Mann im Laufe seines Lebens vermutlich entwickelt?

Wenn ich etwas tue, bekomme ich dafür auch etwas. Für eine Leistung gibt es eine Gegenleistung. Ich kann alles haben, was ich will, wenn ich mich nur genug anstrenge.

 

Das ist wohl seine Lebensrealität und diese überträgt er auf Gott. Mit dieser Logik geht er auch an die Frage nach dem ewigen Leben heran, die ihm unter den Nägeln brennt. Er bemüht sich aufrichtig, eine Antwort darauf zu finden. Er strengt sich an, beeilt sich. Ohne Umschweife kommt er gleich zur Sache und fragt Jesus, welchen Beitrag er leisten muss, um ewiges Leben zu ererben. Leisten und Erben sind Kategorien, in denen dieser Mann denkt!

Die Antwort, die er bekommt, ist sicher nicht das, was er sich von dem guten Meister erhofft hat. Jesus stellt damit seinen gesamten Lebensentwurf auf den Kopf. Das, was bisher sein Leben bestimmt, ihm Sicherheit und Wert gegeben hat, soll er jetzt einfach so aufgeben? Eine große Herausforderung.

Woran mache ich mich eigentlich fest? Na, an Jesus! Woran sonst? Ich bin doch Christ und damit ist er das Fundament meines Lebens! Diese oder ähnliche Antworten kommen häufig wie aus der Pistole geschossen. Aber haben sie durch die Brille Gottes noch Bestand?

Was bedeuten mir sozialer Status oder theologische Erkenntnis, gute Leistung im Beruf oder Studium? Was Bescheidenheit, die immer zuerst das Wohl des Anderen im Auge hat.
 

Meinen Glaubenssätzen auf die Spur kommen     

Mit welcher Logik bin ich eigentlich unterwegs? Von wem oder was wird mein Bild von mir selbst, von anderen Menschen und von Gott bestimmt?

Wenn du auf das verzichtest, was dir Spaß macht, liebt Gott dich mehr. Mit deinen Bedürfnissen bist du für andere eine Last. Gib nichts von dir preis, sonst wirst du verletzt. Nur, wenn du die Kontrolle hast, bist du sicher.

 

Diese sogenannten Glaubenssätze bestimmen häufig unbewusst mein Denken und Handeln. Sie können mich daran hindern, Jesus nachzufolgen und blockieren, was Gott in meinem Leben zur Entfaltung bringen will.
 

Jesus mutet mir unangenehme Gefühle zu

Lasse ich mich von Jesus in meinen Lebensgrundüberzeugungen hinterfragen? Wenn ich anerkenne, was ich dann wahrnehme, kann ich in der Gegenwart von Jesus neue Erfahrungen machen. Die Erkenntnis, wo es in meinem Leben wirklich klemmt, zieht häufig unangenehme Gefühle wie Wut, Empörung und Traurigkeit nach sich. Das erlebt auch der reiche Mann.

Ich kann mir vorstellen, dass er innerlich wirklich mit sich gerungen und die Chancen und Risiken gegeneinander abgewogen hat. Auch gehe ich davon aus, dass dem reichen Mann die Liebe nicht entgangen ist, mit der Jesus ihn angesehen hat.
 

Meine Bereitschaft, neu zu denken

Ich glaube, dass das Maß meiner Offenheit, mich von Jesus hinterfragen zu lassen, maßgeblich von dem Bild abhängt, das ich von ihm habe. Eng verbunden mit der Frage, ob er vertrauenswürdig ist – also meines Vertrauens würdig.

Hätte der Mann Jesus als Sohn Gottes erkannt, wäre er vermutlich bereit gewesen, das Risiko einzugehen, seinen Reichtum und damit sein ganzes bisheriges Leben loszulassen. Doch er bleibt bei seinem Bild vom guten Meister, das er bereits vor seiner Begegnung mit Jesus hatte.

Wegen eines guten Meisters verändere ich aber nicht mein ganzes Leben! Und so entscheidet er sich, in seine vertrauten Muster und alles, was ihm vermeintliche Identität und Sicherheit gibt, zurückzukehren. Er geht wieder zur Tagesordnung über.

Das ihm bekannte Erbrecht stimmt nicht mit dem überein, das in Gottes Reich gültig ist, nämlich:

Nicht, weil ich etwas tue, sondern weil Jesus ist, ist ewiges Leben für mich möglich. Typisch Jesus!


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1 Dreikurs,Rudolf: Grundbegriffe der Individualpsychologie, Stuttgart, 2005, Seite 58



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