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Der langsame Gott

Entschleunigen, um zu verstehen.

Die Digitalisierung durchdringt zunehmend unseren Alltag und verändert ihn. Und uns. In vielen Unternehmen werden Arbeitsprozesse rasant digitalisiert. Das Ziel: Höchstmögliche Effizienz. Aufgaben schneller erledigen als bisher. Tempo steigern. Daten transparenter nutzen und auswerten.  Arbeitsprozesse optimieren und abkürzen – natürlich bei gleichbleibend gutem Ergebnis. Versteht sich! Wenn es um geistliche Prozesse geht, wird Effizienz offensichtlich anders definiert. Von Gott selbst.

Ich denke an zwei Menschen, die gemeinsam unterwegs waren – zu Fuß. Beide haben in Jerusalem etwas erlebt, das sie zutiefst enttäuscht und irritiert hat. Sie treten den Rückzug an und verlassen Jerusalem. Ihr Ziel ist das Dorf Emmaus.

Die beiden Jünger werden zwei bis drei Stunden unterwegs sein. Zeit genug, um sich über das eine Thema zu unterhalten, das ihre Gedanken und Gefühle  beherrscht und sie äußerlich in Bewegung gesetzt hat: Jesus und all das Schreckliche, was in den letzten drei Tagen rund um seine Person geschehen ist. In die gedankliche Auseinandersetzung  vertieft, gehen sie und gehen und gehen. Vermutlich haben sie weder Augen noch Ohren für etwas anderes.
 

Eine banale Frage mit großer Wirkkraft

Welche Strecke haben sie wohl schon zu Fuß zurückgelegt, als Jesus sich ihnen anschließt? Mit einer einfachen Frage hakt er sich in ihr Gespräch ein. Und trifft bei den beiden Jüngern damit offensichtlich ins Schwarze. Denn jetzt unterbrechen sie ihren Fußmarsch und bleiben stehen (Lukas 24,18).

Was löst diese Pause aus? Sie hilft den beiden wahrzunehmen, was sie fühlen: Traurigkeit. Gleichzeitig bringen sie mit einer Gegenfrage ihre Verwunderung über die scheinbare Ahnungslosigkeit des für sie noch fremden Mannes zum Ausdruck. Davon völlig unbeeindruckt, stellt Jesus einfach eine weitere Frage.

Wozu tut er das? Um mit den beiden Jüngern tiefer ins Gespräch einzusteigen. Mit Erfolg. Sie geben dem Worte, was sie beschäftigt und kommen damit der Ursache ihres vorherrschenden Gefühls der Traurigkeit auf die Spur (Lukas 24,21).  

Jetzt wäre aus meiner Sicht ein günstiger Moment für Jesus, sich den Jüngern zu erkennen zu geben, oder? Vielleicht mit einem „Hallo, hier bin ich wieder. Ich bin auferstanden. Ja, wirklich. Seht doch mal meine Hände und Füße an. Und jetzt seht zu, dass ihr nach Jerusalem kommt und den anderen Jüngern davon erzählt.“ Das hätte ihn ganz sicher zu ihrem Helden werden lassen!
 

Pure Zeitverschwendung …?

Wie reagiert Jesus? Er lässt die Jünger reden, bis sie alles ausgesprochen haben, was sie so traurig macht. Jesus gibt den beiden die dafür erforderliche Zeit. Dabei lässt er sich voll und ganz auf ihre Lebensrealität ein. Nimmt sie ernst. Zwischen ihnen wächst Vertrauen. 

In einem vertrauensvollen Rahmen öffnen wir uns und reden leichter über das, was tiefer liegt. Wir werden offen für Konfrontation und auch Irritation, die damit manchmal einhergeht.

Dann fängt Jesus zu reden an. Klartext! Er macht deutlich, wo es tatsächlich klemmt. Jesus lässt sie sozusagen das Problem hinter ihrem Problem erkennen: Ihr Herz! Den Unglauben, der sie die Ereignisse so deuten lässt, wie sie es tun.
 

Jesus lässt mir Zeit, zu verstehen und zu wachsen

Wozu gibt Jesus sich auch zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht zu erkennen? Es wäre doch viel effizienter, umgehend  zur Sache zu kommen. Oder noch besser, direkt nach Jerusalem zu den anderen elf Jüngern zu gehen. Damit könnte er den Weg deutlich abkürzen. Für sich selbst. Für die Jünger. Und würde einiges an Zeit sparen. Bis zu seiner Himmelfahrt gab es ja sicher noch genug zu tun.

Es berührt mich, dass Jesus sich Zeit für zwei traurige, enttäuschte Jünger nimmt. Nur zwei! Er schickt keinen Engel vorbei, um sie in eine andere Richtung zu bewegen. Nein. Stattdessen erklärt er sie zur Chefsache (Lukas 24,15)! Dabei geht Jesus den von den Jüngern gewählten Weg ganz selbstverständlich mit. Sowohl äußerlich als auch innerlich. Auf diesem Weg drängt Jesus nicht. Er hetzt die Jünger auch nicht, sondern passt sich ihrem Tempo an. Bis nach Emmaus. Jesus akzeptiert damit zunächst auch das Ziel der Jünger, um dann später an Gottes Ziel mit ihnen zu kommen.

Es berührt mich, dass Jesus sich Zeit für zwei traurige, enttäuschte Jünger nimmt. Nur zwei! Er schickt keinen Engel vorbei, um sie in eine andere Richtung zu bewegen. Nein. Stattdessen erklärt er sie zur Chefsache (Lukas 24,15)!

 

Was kann ich daraus für mich ableiten? Auch ich kann in meinem mir möglichen Tempo mit Jesus als Wegbegleiter unterwegs sein und wachsen. Nicht schneller. Jesus lässt mir die Zeit, die ich brauche, um etwas von Gottes Perspektive auf mein Leben zu begreifen. Dasselbe gilt für Sie! Für ihr Tempo! Für Ihr Leben!
 

Unterwegs mit dem Tempomat Gottes

Bemerkenswert finde ich, dass die Jünger sich nach ihrer Ankunft in Emmaus wieder auf den Weg zurück nach Jerusalem machen, von wo sie doch erst kurz vorher gekommen waren. Jesus hat sie mit keinem Wort dazu aufgefordert! Und Ihre Lebensrealität hat sich seit ihrem Aufbrechen nach Emmaus ja nicht wirklich verändert. Jesus ist ein zweites Mal weg. Und die Römer werden immer noch da sein, wenn die beiden wieder in Jerusalem eintreffen werden.  

Was also motiviert sie dazu, gegen Abend weitere 11 km zu Fuß zu gehen? Ich glaube, die Tatsache, dass sie Jesus und seinen Worten nicht nur äußerlich begegnet sind, sondern innerlich. Ihm selbst begegnet sind, in Person. Und mit ihrem Herzen.  

Ich merke, wie nahe es für mich liegt, Jesus vor allem um Veränderung meiner Umstände zu bitten. Ihm reicht es offensichtlich aber nicht – im Bild der Emmaus-Jünger gesprochen – einfach nur die Römer aus meinem Leben zu werfen. Er will eine umfassendere Freiheit für mich. Er will, dass ich begreife, wer er, Jesus, ist. Denn nur seine Person verändert mein Herz, das Zentrum meines Willens, nachhaltig. Die wirklichen Veränderungen meiner Lebensrealität beginnen also offensichtlich dort. Und nur dort. Glaube ist ein Weg. Ohne Abkürzung! Schneller geht nicht!
 


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