Andacht Lesezeit: ~ 5 min

Angst vor der eigenen Mutter

Wenn die Seele tief verletzt ist.


Ich war noch im Kindergartenalter. Meine Mutter und ich hatten gerade erst das Kinderzimmer betreten. Sie hat mich aufgefordert, aufzuräumen. Ich wollte meinen Bruder aber nicht beim Spielen unterbrechen. Da waren doch nur ein paar Autos auf dem Boden. Sonst nichts. Es gab keine Androhung. Sie riss die Fenster auf und packte mich an den Fußgelenken. Dann hing ich da. Kopfüber. Draußen. Sie schaukelte mich hin und her. „Ich räume auf, Mama“, sagte ich. Sie reagierte nicht auf meine Worte. Sie hat angefangen, mit meinem Bruder zu sprechen. Einfach so. „Warum macht sie das?“, habe ich mich gefragt. Ich habe versucht, mich innerlich zu beruhigen: „Sie hört gleich damit auf.“ Aber das tat sie nicht. Ich sah in den Hof. Auf die Mülltonnen. Ich habe mich mit einem kleinen Problem abgelenkt: „Wenn sie mich fallen lässt, lande ich auf einer Mülltonne. Wie komme ich dann von der Mülltonne auf den Boden?“ Dann habe ich selbst gemerkt, dass meine Überlegung verrückt war. Diesen Sturz würde ich bestimmt nicht überleben. Ist es besser, die Augen offen oder geschlossen zu halten? Geschlossen ist besser. Ich habe gemerkt, wie ich langsam von ihren Händen abrutschte. Gleich lässt sie mich los. Meine Mama liebt mich nicht. Noch einmal habe ich probiert, sie dazu zu bewegen, diesen Horror zu beenden. Ich habe versucht, Mitleid in ihr auszulösen: „Mama, ich habe Angst.“ Meine eigene Stimme hat meine Angst noch verstärkt. Ich habe mich vorher noch nie so reden hören. Dieser Klang von absoluter Hilflosigkeit. Wenigstens hat es gewirkt. Meine Mutter brachte mich rein und stellte mich wieder auf meine Füße. Ich atmete durch. Warum hat sie das gemacht? Weinend habe ich die Autos weggeräumt.
 

Von dem Gefühl, wertlos zu sein

Dieser Vorfall war einer von vielen, die meinem Selbstwertgefühl einen Schlag versetzt haben. Wie ich empfunden habe, war meiner Mutter nicht wichtig. Sie hat sich nicht in mich hineinversetzt. Hat nicht überlegt, ob das, was sie tut, großen Schaden in mir anrichten könnte. Sie hat nicht an die Angst gedacht, die mich packen würde. Die Angst, die mich auch weiterhin begleiten würde. Die Angst vor der eigenen Mutter. 

Als sie mich aus dem Fenster hielt, habe ich genau überlegt, was ich sage, damit ich sie nicht dazu verleite, mich fallen zu lassen. Ich hatte Angst. So eine extreme Angst, ich werde sterben. Das Schlimmste: Niemand kümmert es. Und mein Bruder war ja noch so klein. Er würde es nicht einmal merken. Er hat die gefährliche Situation nicht einmal erkannt. Denkt ans Autospielen, während ich sterbe. Der Rest der Familie hat mich alleingelassen. Und die Nachbarn müssen mich doch gesehen haben. Warum macht niemand etwas? Bin ich so unwichtig? Ist mein Leben nichts wert?
 

Was mich heilt

Was mir hilft, ist nicht der Gedanke, dass ich es allein schaffe, durch das Leben zu kommen. Ich habe erkannt, ich kann mich selbst nicht heilen. Lange konnte ich meine Wunden nur verdecken. Oft habe ich mir gesagt: „Reiß dich zusammen!“ Und manchmal habe ich mir selbst meine Wunde kleingeredet. Das geht eine Weile gut. Es kann jahrelang funktionieren. Irgendwann aber nicht mehr. Man befindet sich sonst nämlich auf dem besten Weg zu einem Zusammenbruch.

Ich muss mich dem Schmerz stellen und herausfinden, woher er kommt, was die tiefste Sehnsucht der Seele ist und überlegen, wie ich damit umgehe. Es ist hilfreich zu wissen, warum ich mich so gefühlt habe, wie ich mich gefühlt habe. Dass meine Eltern nicht in der Lage waren, richtig mit mir umzugehen. Zu wissen, was ich mir gewünscht habe und gebraucht hätte. Mir bewusst werden, was meine Lücken sind.

Was mich heilt, ist nicht das Mitleid mit meinen Eltern. Es ist nicht das Mitgefühl, das ich habe, wenn ich an ihre eigene Geschichte denke. Es hilft mir aber zu vergeben, um die Last der Bitterkeit loszuwerden. Eine Last, die ich nicht mit mir herumschleppen muss, um mich nicht selbst zu vergiften. Vergebung ist zwar wichtig, aber kann auch ein Prozess sein, durch den Gott führt. In jedem Fall überfordert uns Gott nicht.

Was mich heilt, ist nicht das Mitleid mit meinen Eltern. Es ist nicht das Mitgefühl, das ich habe, wenn ich an ihre eigene Geschichte denke. Es hilft mir aber zu vergeben, um die Last der Bitterkeit loszuwerden.

 

Es gibt Methoden, die mir helfen, mit meinem Schmerz klarzukommen, aber keine Methode, die die tiefste Wunde heilt. Mein Grundvertrauen hat sich schlecht entwickelt. Es wurde zerstört. Meine Mutter hat es zerstört. Genauso mein Vater, der nie da war, um mich zu beschützen. Und die Menschen um mich herum, die mir das Gefühl gegeben haben, dass sie sich auch nicht um mich sorgten. Manchmal wirkte es, als ob mein gesamtes Vertrauen in die Menschheit dadurch verloren gegangen ist.

Das Einzige, was mir wirklich hilft, ist, dass ich fühle, dass es jemanden gibt, dem ich hundertprozentig vertrauen kann. Immer. Dass es jemanden gibt, dem ich nicht erklären muss, was ich fühle. Was mich bewegt. Was mich lenkt. Dass es jemanden gibt, der einfach alles über mich weiß. Und immer schon wusste – Jesus Christus. Er weiß, was im Menschen ist. Er kennt mich. Besser als ich mich selbst kenne.

Das Einzige, was mir wirklich hilft, ist, dass ich fühle, dass es jemanden gibt, dem ich hundertprozentig vertrauen kann. Immer. Dass es jemanden gibt, dem ich nicht erklären muss, was ich fühle.

 

Ich habe eine Wunde, von der ich glaube, dass nur Gott in der Lage ist, sie zu heilen. Ich kann es nicht tun. Was heilend wirkt, ist die Gewissheit, dass ich schon immer gewollt bin. Seit meiner Entstehung. Dass Gott mich gewollt hat. Dass mein Leben einen Sinn hat. Dass Jesus mich so sehr geliebt hat, dass er sein Leben für mich gegeben hat, damit ich mit ihm leben kann (Vgl. 1 Thessalonicher 5,10). Was mich heilt, ist die Sicherheit, die Gott mir gibt. Die Sicherheit, dass er mich nicht verlässt. Heilung fühle ich, wenn meine Angst durch Gottes Liebe ersetzt wird. Die Atmosphäre der Angst, die ich so oft geatmet habe, weicht, wenn ich Gottes Liebe fühle. Wenn ich mich in seiner Liebe geborgen weiß. Da gibt es keine Unsicherheit mehr. Nicht mehr das Gefühl, ungeliebt oder wertlos zu sein.

Ein Weg, wie ich Gottes Liebe empfange, ist, dass ich mit ihm rede, ihm meine Wünsche und Ängste anvertraue. Wissend, dass er mich vollkommen versteht. Er mich mit meiner Geschichte sieht. Dann begegnet Gott mir, wie ich es brauche.

Gott verspricht mir, dass er nicht tatenlos bleibt, wenn ich mich an ihn wende. Jesus sagt: „Bittet, und es wird euch gegeben; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch geöffnet.“ (Matthäus 7,7)


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